Heinrich Büsing aus Klein Henstedt hinterließ seinen Nachkommen sein Tagebuch aus dem Ersten Weltkrieg

Hungern, Marschieren und Kämpfen

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Manfred Corßen blättert in dem Kriegstagebuch seines Großvaters. Darin hatte dieser seine Erlebnisse als Soldat festgehalten.

Harpstedt - Von Sophie Filipiak. Ständiger Hunger, andauernder Beschuss durch den Feind und die Angst, verwundet oder gar getötet zu werden, – der Alltag in den Schützengräben während des Ersten Weltkrieges ist heute nur noch schwer vorstellbar. Umso aufschlussreicher sind Kriegstagebücher, in denen Soldaten ihre Erlebnisse niedergeschrieben haben. Ein solches ist im Besitz des Harpstedters Manfred Corßen. Sein Großvater Heinrich Büsing wurde gleich zu Beginn der Auseinandersetzungen – im August 1914 – eingezogen. Bis zum Ende des Krieges hielt er akribisch alles fest.

„Dem dringenden Wunsch meines Vaters folgend, habe ich es fertig gebracht, die täglichen Aufzeichnungen zu machen und stelle dieses Buch jedem Interessierenden und späteren Nachkommen zum Lesen zur Verfügung“, schreibt Büsing als Einleitung in sein Tagebuch. In fein säuberlicher Sütterlin-Schrift – und genau das ist das Problem.

Denn als Corßen das Heft auf dem Dachboden findet, kann er es nicht entziffern. „Ich habe zwar in den ersten zwei Jahren die ‚deutsche‘ Schrift in der Schule gelernt, aber kann sie heute leider nicht mehr lesen“, erklärt er. Auch in der Familie fand sich niemand, der Sütterlin beherrscht. Zum Glück gab es jemanden im Bekanntenkreis, der das Tagebuch „übersetzen“ konnte.

Corßens Großvater kam am 25. Juni 1884 in Klein Henstedt zur Welt. Wie sein Vater erlernte er das Handwerk der Schuhmacherei und betrieb nebenher auch Landwirtschaft – bis zum Ausbruch des Weltkrieges. „Am 1. August war alles gespannt“, berichtet Büsing. „Die meisten glaubten, nun wäre der Krieg schon im Gange, andere dagegen hofften auf eine friedliche Lösung. Aber nachmittags um 6 Uhr kam der Befehl: ‚Seine Majestät haben die Mobilmachung befohlen.‘“ Ein paar Tage später machte sich Büsing mit anderen Männern aus Harpstedt auf den Weg nach Osnabrück. Er wurde als Gefreiter der ersten Kompanie des Infanterieregiments 368 zugewiesen. Dann ging es nach Frankreich, an die Westfront.

In Lothringen (heute: Lorraine) kam es zur ersten Begegnung mit dem Feind: „Da plötzlich um halb 10 Uhr fing unsere Wache an zu schießen. Es dauerte nicht lange, da knallte es an allen Ecken. Wir hatten nichts eiligeres zu tun, als nach Gewehr und Patronen zu greifen, denn wir glaubten, der Franzose stände vor der Tür. Doch es war nichts weiter los als ein französischer Flieger.“

Der Alltag der Soldaten bestand aus Märsche, Gräben ausheben und vor allem dem ständigen Hunger. Nur selten hatten die Männer Zeit und die Vorräte, um ordentlich zu essen. Da wurden auch gern in der Nacht von Feldern und Höfen Gemüse und Tiere gestohlen.

Aber auch das war mit einigen Mühen und Gefahren verbunden – wie ein Vorfall beweist: „Da riss sich die Ziege los und war mit einem Satz über den Graben in Richtung auf den Franzmann zu. Wir gleich mit zwei Mann hinterher. Aber der Franzmann wollte sich das nicht gefallen lassen, und gleich ging‘s wieder ping, ping, ping. Aber wir kamen mit heiler Haut davon und kriegten sie (die Ziege; Anm.d.Red.) auch schließlich zum Schlachten.“

Sowohl wenn Kameraden verwundet oder gar getötet als auch wenn ganze Dörfer niedergebrannt wurden, nahm Büsing es meist gelassen auf. „Es war ja eben Krieg“, schreibt er.

Es gab aber auch einige wenige Lichtblicke im Soldatenalltag von Büsing. Beispielsweise seine Geburtstagsfeier im Jahr 1916, als er seinen Kameraden ein Faß Bier spendierte. Doch leider ging das Gefecht weiter und die Soldaten mussten sich in Sicherheit bringen. „Ich hatte nur Angst, dass er (der Franzose) uns das Faß Bier übern Haufen schoss. Aber Gott sei Dank war es nur ein Übergang, und wir konnten unsere Feier tatkräftig fortsetzen.“

Im Laufe des Weltkrieges wurden Büsing und seine Kompanie an den unterschiedlichsten Orten eingesetzt, unter anderem in der Champagne, bei Reims und vor Verdun. Alle Gefechte überstand er unbeschadet.

Von der Kriegsbegeisterung im Jahr 1914 war Ende 1918 nur noch wenig zu spüren: „Am 11. November 1918 morgens um 11.45 Uhr wurde der Waffenstillstand verkündet. Um 12 Uhr war alles ruhig. Das war doch ein Gefühl!“

Büsing kehrte nach Klein Henstedt zurück und nahm seine Arbeit als Schuhmacher wieder auf. Mit seiner Frau Anna hatte er zwei Kinder – eine Tochter und einen Sohn. Dieser hatte im Zweiten Weltkrieg nicht soviel Glück wie sein Vater. Er fiel.

Heinrich Büsing starb am 24. April 1960 und hinterließ seinen Nachkommen viele Erinnerungen an sein Leben im Krieg.

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