Heinrich Barlage erinnert sich an die 40 Jahre zurückliegende Waldbrandkatastrophe in der Lüneburger Heide

Im Kriechgang der Feuerwalze entronnen

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Mit diesem Tanklöschfahrzeug (TLF16T), Baujahr 1955, fuhren Harpstedter Feuerwehrkameraden am 10. August 1975 zur Waldbrandbekämpfung in die Südheide. Die Aufnahme entstand zum 30. „Geburtstag“ des TLF (1985).

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Der 10. August 1975 hat sich ins Gedächtnis von Heinrich Barlage „gebrannt“. Entsetzt vernimmt der Harpstedter an jenem Tag der Tagesschau, das in der Lüneburger Heide fünf Einsatzkräfte im Wald verbrannt sind, als es an seiner eigenen Haustür klingelt: Hermann Kruse, ein Feuerwehrkamerad, offenbart ihm: „Wir müssen da hin.“ Das mulmige Gefühl, das noch in derselben Nacht vier Harpstedter Brandschützer beim Ausrücken zu dem bis heute bundesweit größten „Buschfeuer“ beschleicht, lässt sich nur erahnen. 40 Jahre liegt die Katastrophe dieser Tage zurück. Wenn Heinrich Barlage erzählt, was er, Hermann Kruse, Hermann Mahnke und Günter Rohdenburg in der Südheide bei Eschede erlebt haben, dann klingt das so, als sei‘s erst gestern passiert.

„Wir haben uns sofort bereit gemacht. Günter Rohdenburg übernahm die Leitung unseres Kreisfeuerwehrbereitschaftszuges, weil Zugführer Wilhelm Alfke damals schon älter war. Rohdenburg fuhr mit seinem eigenen Wagen. Auf unsere ,Oma‘, unseren alten TLF 16T, passten ja nur drei Mann. In Syke wurde die schätzungsweise 120-köpfige Bereitschaft zusammengestellt. Als es losgehen sollte, kam aus Lüneburg die Nachricht, wir müssten gar nicht mehr ausrücken. Die bereits vorhandenen Kräfte hätten die Lage so ziemlich im Griff“, schildert Barlage.

Daraufhin seien die Löschfahrzeuge gegen 22 Uhr zu ihren Standorten zurückgekehrt. „Um Mitternacht wurden wir aus den Betten getrommelt. Nun sollten wir doch helfen. Die ganze Strecke nach Eschede sind wir in der Kolonne mit Blaulicht gefahren. Das rotierende Licht strengte die Augen unwahrscheinlich an. Es war überhaupt die schlimmste Einsatzfahrt meines Lebens“, sagt Barlage.

Die „Oma“ schaffte knapp 100 km/h und konnte nur mit Mühe das Tempo halten. „Als wir aus dem Reichweitebereich des Syker Sendemastes heraus waren, ging das Funken lediglich noch von Fahrzeug zu Fahrzeug“, erinnert sich der 77-jährige Barlage. Zwischen 3 und 4 Uhr in der Frühe erreichte die Bereitschaft die Einsatzzentrale bei der Fuhrmannschänke in Eschede-Rebberlah. Es gab Probleme mit der Verpflegung. Den Verantwortlichen fehlten Erfahrungswerte zu den für die Massen von Helfern benötigten Essensmengen. Die Bundeswehr habe aber in sehr löblicher Weise die Logistik in leitender Funktion mit übernommen, sagt Barlage.

Als besonders schlimm empfanden die Harpstedter das Fehlen jeglichen Kartenmaterials zum Einsatzgebiet. Die Feuerwehrkräfte seien, so Barlage, einfach losgeschickt worden mit den Worten: „Da und dort brennt‘s. Fahren Sie hin!“ Zu den Bordmitteln des Harpstedter TLF 16T gehörte ein Wenderohr. „Derjenige, der in der Dachluke stand, konnte damit beim Fahren im ersten Gang spritzen. Wir fuhren an Wegen entlang, von denen es hieß, die Feuerwalze werde dort wohl vorbeikommen. Wir legten zusätzlich einen Druckschlauch aufs Dach. Ein Mann bediente das Wenderohr, ein zweiter oben auf dem Fahrzeug – auf dem dort montierten Ersatzreifen sitzend – das Strahlrohr. So ließ sich vom Weg aus eine rund 45 Meter in die Tiefe reichende Fläche mit Wasser benetzen“, erklärt der 77-Jährige. Während des Einsatzes sei es darum gegangen, kleinere Entstehungsbrände im Keim zu ersticken.

Ein Handicap sei der sehr sandige Boden gewesen. Das Harpstedter TLF war mit gerade mal 115 PS und Turbolader vergleichsweise schwach auf der Brust, kam aber im Gelände erstaunlich gut zurecht, wenn auch nur im ersten Gang. Die Twistringer hätten sich, so Barlage, mit ihrem wesentlich leistungsstärkeren Tanklöschfahrzeug regelmäßig festgefahren, so dass ein Bergepanzer habe zur Hilfe eilen müssen. „Man muss dazu wissen: Wenn die Räder durchdrehen, kann schon eine halbe Drehung reichen, um stecken zu bleiben.“

Auch die Bundeswehr habe sich an den Löscheinsetzen beteiligt. Das Militär habe über extrem geländegängige Fahrzeuge mit 5000-Liter-Wassertank verfügt, die „überall durchkamen“. Deren Löschrohre hätten einen gewaltigen Druck erzeugt: „Ein Förster hatte einen Raummeter Holz aufgestapelt. Der lag uns im Weg. Der Wasserstrahl eines Bundeswehrfahrzeugs ließ das Holz regelrecht wegfliegen“, erzählt der 77-Jährige.

Am 11. August sei die Meldung gekommen, die Feuerwalze bewege sich in Richtung Rebbelah. „Wir bekamen den Einsatzbefehl, zum dortigen Gutshof mit Reitbetrieb und Ferienwohnungen zu fahren und das Anwesen komplett nass zu spritzen.“ Nachdem das erledigt war, habe ein Hubschrauberpilot plötzlich per

Warnung aus der Luft:

„Rette sich wer kann!“

Lautsprecher aus der Luft die Losung „Rette sich wer kann!“ ausgegeben. „Wir sind sofort weg, haben nicht einmal mehr den Druckschlauch aufgewickelt“, erzählt Barlage. „Der schleifte hinterher.“ Ein vorausfahrendes TLF habe sich festgefahren, ein Bergepanzer die betroffenen Kameraden aber noch rechtzeitig „rausgekriegt“.

Auch den Harpstedtern wurde mulmig. Die Feuerwalze nahte mit acht km/h. Die „Oma“ lief im ersten Gang gerade mal drei Stundenkilometer schneller. Im zweiten Gang zog das TLF nicht. Also blieb nur „Kriechen“ als Option. Ein kleiner Teich an einem Forsthaus gab den Harpstedtern Gelegenheit, den Wassertank ihres TLF aufzufüllen und die Einsatzbereitschaft wiederherzustellen. Zwölf Kilometer Fahrt führten dann durch unwegsames Gelände, „bis wir unsere Sammelstelle wiedergefunden hatten“.

Als die Feuerwalze bereits den Gutshof hinter sich gelassen hatte, ging‘s zurück dorthin, um zu schauen, ob es noch etwas zu retten gab. Das Anwesen hatte die Katastrophe zur allgemeinen Verwunderung unbeschadet überstanden: „Von den Holzhäusern ist keins abgebrannt. Nicht einmal ein Fenster war kaputt. Die Pferde befanden sich im Stall. Sie lagen – was sie bei Gefahr nie tun würden.“

Eine ältere Frau hatte sich partout nicht evakuieren lassen. Sie war im Haus geblieben. Die Feuerwehr fand sie bewusstlos im Keller. Geleisteter Erster Hilfe verdankte die Seniorin, dass sie schnell zu sich kam. Der Grund für ihre Ohnmacht sei wohl die Feuerwalze und der damit verbundene – kurzzeitige – Sauerstoff-entzug gewesen, so Barlage. Weil das Bodenfeuer für gewöhnlich vier oder Minuten später „nachschießt“, bestehe die Gefahr zu verbrennen. Das sei, so der Harpstedter nachdenklich, leider auch Kameraden im Waldbrandgebiet passiert. Ihm ist zudem ein Feuerwehrmann in Erinnerung. der bereits mit dem Leben abgeschlossen und sich per Funk „verabschiedet“ hatte, dann aber doch noch per Hubschrauber aus der Luft gerettet werden konnte.

Die vier Harpstedter Einsatzkräfte kamen allesamt wohlbehalten zurück (siehe „Hintergrund“). Die Katastrophe forderte nicht weniger als sieben Menschenleben. Sie hatte aber indirekt auch erhebliche Verbesserungen in der Ausrüstung der Wehren zur Folge – ob nun mit Blick auf den Sprechfunk oder etwa hinsichtlich der Geländegängigkeit der Fahrzeuge.

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