SERIE Ruth Heinrichs Vater sieht seine Familie nach russischer Kriegsgefangenschaft wieder

Heimkehr eines müden „Vagabunden“

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Colnrade/Breslau – Ruth Heinrich lebt noch als Untermieterin beim Ehepaar Flöttmann in Gütersloh, als sie die Nachricht bekommt, ihre Mutter sei in einem Flüchtlingslager in Bremen gesichtet worden. Nach ein paar Tagen der Ungewissheit erfährt sie, dass die Mama und ihre drei Schwestern nun in Colnrade leben, „einem winzigen Dorf nahe Twistringen“. Die aus Breslau stammende junge Frau, hinter der eine abenteuerliche Fluchtodyssee liegt, arbeitet inzwischen für die britischen Besatzungstruppen: Sie putzt und erledigt Gelegenheitsjobs.

Ruth bekommt eine Woche Urlaub, um ihre Familie besuchen zu können. Das letzte Stück von Twistringen bis Colnrade legt sie an einem brütend heißen Sommertag zu Fuß zurück. Ein Gewitter überrascht sie unterwegs. Völlig erschöpft und mit einem unvermittelt die rechte Körperhälfte durchziehenden „entsetzlichen Schmerz“ erreicht sie das Dorf an der Hunte.

„Wir fielen uns in die Arme, und ich fiel ins Bett, wo ich für die folgenden drei Wochen auch blieb“, heißt es in ihren schriftlich fixierten Erinnerungen an das Wiedersehen mit den engsten Angehörigen, zu denen neben der Mutter und den Schwestern auch die Großeltern zählen. Ruths plötzliche Erkrankung erweist sich als Problem. Die Krankmeldung kann nämlich in Ermangelung eines funktionierenden Postdienstes nicht zugestellt werden.

Die Flöttmanns machen sich alsbald Sorgen. Auch Laurie Brown fragt sich, warum seine Freundin Ruth nicht nach Gütersloh zurückkehrt. Der britische Besatzungssoldat sorgt für Aufsehen, als er daraufhin kurzerhand selbst in einem Chevrolet nach Colnrade düst, um sich Gewissheit zu verschaffen. Dass er Ruth in naher Zukunft heiraten und sie mit ihm nach England gehen wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand.

Die Familie begrüßt den Freund zögerlich

Ihre Mutter reagiert anfangs reserviert auf den englischen Freund. Der Brite sei aber bald von der Familie „als einer der Ihren akzeptiert worden“, heißt es in Ruths Manuskript. Allerdings sind alle Laurie Brown betreffenden Schilderungen mit Vorsicht zu genießen: Er soll diese Aufzeichnungen nachträglich zensiert haben. „Aus eben diesem Grund findet darin auch mit keinem Wort mein Vater Gottfried Ostersehlt Erwähnung“, weiß Claudia Ostersehlt-Janssen. Von ihr stammt die Übersetzung der englischsprachigen Flucht- und Nachkriegserinnerungen ins Deutsche.

Die Verfasserin Ruth Brown, geborene Heinrich, hatte sich während ihrer Zeit in Colnrade in Gottfried Ostersehlt verliebt. Bis ins hohe Alter hinein gestand die heute weit über 90-Jährige ihm in zahlreichen Briefen immer wieder ihre Zuneigung. Dass lässt erahnen, dass sich in ihrer eigenen Ehe viele Hoffnungen nicht erfüllt haben.

Doch zurück zur großen Familienzusammenführung nach Krieg und Flucht: Ruth beschließt, ihre Arbeit aufzugeben und ganz zu ihren Lieben nach Colnrade zu ziehen. Als sie, nach Gütersloh zurückgekehrt, im Hause der Flöttmanns gerade ihre Sachen für die Reise packt, klingelt es an der Tür: Ruth kann es kaum glauben, ihrem eigenen Vater gegenüberzustehen, der unermüdlich nach seinen Angehörigen gesucht hat. „Er sah aus wie ein sehr müder Vagabund. Aber die Freude, ihn lebend zu sehen, blieb unvergesslich. Er war in russischer Gefangenschaft gewesen und aufgrund seines Alters und seines Gesundheitszustandes zeitig entlassen worden“, heißt es in Ruths Manuskript.

Was folgt, ist eine „tränenreiche Wiedervereinigung“ in Colnrade. Die Heinrichs hätten Mühe gehabt, ihr Familienoberhaupt zu erkennen, schreibt Ruth. Sie schildert den Gewichtsverlust ihres Vaters und die Spuren der Gefangenschaft: „Er sah 20 Jahre älter aus als vor ungefähr drei Jahren.“

In der Familie Heinrich keimt langsam die Hoffnung auf die Rückkehr von Alltagsnormalität auf. Doch der Verbleib von Ruths Bruder Arnim, der kurz vor Antritt der Flucht aus Breslau – im Januar 1945 – zum Volkssturm eingezogen worden war, bleibt zunächst unklar. Hat auch er überlebt? Davon mehr im neunten Teil unserer Serie.

Von Jürgen Bohlken

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