Harpstedterin bricht Auslandsaufenthalt ab

Vorzeitiger Abschied: Johanna Pieper (l.) verließ ihre brasilianische Gastfamilie vier Monate früher als geplant. Fotos: Pieper

In Brasilien sind inzwischen laut Zahlen der Johns Hopkins Universität knapp 3 000 Menschen an Covid-19 erkrankt. In Deutschland sind es mehr als 15-mal so viele. Für Austauschschülerin Johanna Pieper aus Harpstedt war trotzdem klar: Sie will zurück zu ihrer Familie.

Harpstedt – „In Brasilien ist die Coronakrise noch nicht so angekommen wie in Deutschland“, erzählt Johanna Pieper. Bis vor einer Woche war die 18-Jährige aus Harpstedt für einen Auslandsaufenthalt noch in dem südamerikanischen Land. Dort sind laut Zahlen der Johns Hopkins Universität vom Freitagmittag knapp 3 000 Menschen mit dem Virus infiziert, hierzulande sind es rund 47 000. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro spielt die Gefahr der weltweiten Pandemie seit Wochen herunter. Am Freitag kritisierte er erneut Provinzgouverneure, die Schulen und Lokale geschlossen haben. Landesweit gibt es Proteste gegen Bolsonaros öffentliche Verharmlosung der Krankheit.

In der Region Minas Gerais, in der Pieper die vergangenen acht Monate gelebt hat, läuft seit einiger Zeit kein Unterricht mehr. „Ich konnte mich nicht mehr mit meinen Freunden treffen, die Schule war ausgesetzt“, erzählt sie. Doch den Ausschlag für ihre Entscheidung, nicht erst – wie geplant – im Juli, sondern bereits im März zurückzufliegen, gab die Nachricht vor zwei Wochen, dass auch in Deutschland Kinder und Jugendliche zu Hause bleiben müssen. Wenn eine solche Entscheidung getroffen werde, müsse die Lage schlimmer sein, als sie bisher angenommen hatte, dachte die 18-Jährige damals. „Ich habe für mich entschieden, dass das der richtige Weg ist, weil ich bei meiner Familie sein möchte.“

Der Beschluss zur vorzeitigen Abreise sei bei ihrer Gastfamilie und den Freunden vor Ort mit Verständnis aufgenommen worden. „In Brasilien ist die Familie noch etwas wichtiger als in Deutschland“, sagt sie. Inzwischen seien viele der anderen jungen Leute, die wie Pieper am Austauschprogramm des Rotary-Clubs teilgenommen hatten, abgereist.

Doch ganz einfach gestaltete sich der Rückweg der 18-Jährigen nicht. Zunächst fragte sie bei dem deutschen Reisebüro, in dem sie ihren Rückflug für Juli gebucht hatte, nach, ob eine Umbuchung möglich sei. Das war jedoch keine Option mehr. Pieper wendete sich an eine Filiale vor Ort – mit Erfolg. „Ich hatte sehr großes Glück: Ich war dort und sieben Tage später ging mein Flug.“ Doch sie musste noch einen Weg finden, zum internationalen Flughafen zu kommen. Denn auch wenn die Provinz Minas Gerais an die Provinz Sao Paulo, in der auch die gleichnamige Hauptstadt liegt, angrenzt, hatte die Harpstedterin bis dorthin eine Entfernung von rund 1 000 Kilometern zu bewältigen. „Nachdem ich den Flug nach Deutschland hatte, ging bei mir das Zittern los.“ Zahlreiche Inlandsflüge seien bereits gestrichen gewesen, und eine Busfahrt nach Sao Paulo hätte elf oder zwölf Stunden gedauert. Doch die junge Frau schaffte es, eine der wenigen verbliebenen Flugverbindungen zu bekommen. „Ganz viele Menschen sitzen in ihren kleinen Städten fest“, berichtet sie.

Die Vorkehrungen am Flughafen waren lasch

In Sao Paulo musste Pieper rund neun Stunden warten, bevor sie in den Flieger steigen konnte, der sie direkt zum Flughafen Frankfurt am Main brachte. „Auf der Reise hatten viele Atemschutzmasken auf, die sie selbst mitgebracht haben“, erzählt die 18-Jährige. Doch in ihrer Wartezeit habe sie immer wieder beobachtet, dass Passagiere nah beieinander standen und nur wenige Vorkehrungen zum Schutz vor einer Infektion getroffen wurden. Auch in Deutschland sei sie erstaunt vom Umgang mit den Ankommenden gewesen. „Ich wurde ganz normal aus dem Flugzeug rausgelassen und wurde nicht kontrolliert. Da war irgendwie gar nichts“, sagt sie.

Ihre Familie holte die Harpstedterin ab. Nun sitzt sie zu Hause. „Das ist ganz seltsam: Ich habe mir vorgestellt, ich mache eine große Party und die Freunde kommen alle.“ Immerhin: Auch wenn sie die Schule in Brasilien überstürzt verlassen hat, muss sie sich keine Sorgen machen. Ihr Abi hat sie bereits 2019 abgelegt.

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