Werbefotograf: Matthias Hoffmann aus Harpstedt

Wie die Verpackung Lust auf Genuss macht

Analog war gestern: Matthias Hoffmann stieg 2012 in die Digitalfotografie ein. Leistungsfähige Soft- und Hardware für die Nachbearbeitung der „Lebensmittel-Stillleben“, die er in Kooperation mit Foodstylisten kreiert, ist aus seinem Berufsalltag längst nicht mehr wegzudenken.
+
Analog war gestern: Matthias Hoffmann stieg 2012 in die Digitalfotografie ein. Leistungsfähige Soft- und Hardware für die Nachbearbeitung der „Lebensmittel-Stillleben“, die er in Kooperation mit Foodstylisten kreiert, ist aus seinem Berufsalltag längst nicht mehr wegzudenken.

Harpstedt/Delmenhorst – Selbst wer ihn nicht kennt, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit schon Ergebnisse seiner Arbeit vor Augen und in den Händen gehabt – in Form von Produktverpackungen und Discounter-Werbeprospekten: Matthias Hoffmann fotografiert Lebensmittel für Werbezwecke – ob Pizza, Fisch, Steak, Eis, Kuchen oder Porridge. Welchen Aufwand der Harpstedter treibt, lässt sich beim Betreten seiner „heiligen Hallen“ im einstigen Wollelager der Nordwolle in Delmenhorst nur erahnen.

Die Küche für freiberufliche Foodstylisten, mit denen der 63-Jährige Hand in Hand arbeitet, mutiert zur Nebensache in Anbetracht der Requisiten. Enorme Mengen haben sich im Laufe der Jahre als Folge von Einkäufen via Internet und auf Flohmärkten in Leipzig, Lille, Brügge oder auch Amiens angehäuft. Nur häuft Hoffmann seine Schätze nicht in der Art und Weise an, wie das die Ludolfs auf ihrem Schrottplatz im Westerwald zu tun pflegten. Bei ihm hat alles seine Ordnung – in sich meterhoch auftürmenden, fein säuberlich beschrifteten Schubladen und Boxen sowie in Regalen und Schränken. Ob „Ice Spooner alt“, „Porzellanlöffel klein“, Tee-Ei, Tortenheber oder Gebäckzange – der Bestand in Hoffmanns 400-Quadratmeter-Domizil stellt das Sortiment jedes mittelgroßen Trödelmarktes mühelos in den Schatten. In seinen frühen Jahren als Werbefotograf lieh sich Hoffmann notgedrungen Utensilien aus. Der Handel habe dafür 15 bis 20 Prozent des Verkaufspreises berechnet, erinnert er sich. Ein teurer Spaß.

Schätze von Flohmärkten füllen diesen Raum.

Die Frau, die beherzt in einen Burger beißt, oder das Kind mit Tomatensoße am Mund lichtet der 63-Jährige nicht ab. Food-Stillleben sind seine Spezialität. Ein am PC stümperhaft zusammengepuzzeltes Bild erkennt er auf Anhieb: „Hier stimmen die Proportionen nicht. Die Kuchenscheiben im Vordergrund sind im Verhältnis zum übrigen Kuchen dahinter zu groß“, deutet er auf ein Foto eines Berufskollegens für einen Backwarenhersteller.

Der Harpstedter überlässt nichts dem Zufall. Stylische Untergründe für das abzulichtende Essen fertigt er selbst. Von rustikalem Holz bis hin zu oberflächenbearbeitetem Metall im Industrial Look ist alles dabei. Nicht minder groß: die Auswahl an Hintergrundtapeten. Vier Arbeitsplätze, jeweils bestückt mit Blitzanlagen, Rechnern und Monitoren, machen durchgetaktete Abläufe beim „Inszenieren“ und Aufstellen, Ausleuchten und Ablichten möglich. Durch teilweise paralleles Arbeiten verringern sich „Totzeiten“ zugunsten von mehr Effizienz.

Welcher Hintergrund passt? Auswahl gibt’s in Hülle und Fülle.

Mit Herausforderungen sieht sich Hoffmann täglich konfrontiert. Beispiel Salami-Fertigpizza: Sie – wie zu Hause – einfach in den Backofen zu schieben und garen zu lassen, scheidet als Alternative aus. Das austretende Fett sähe auf dem Pizzakarton-Foto viel zu unappetitlich aus. Daher kommen nach dem Backen frische Salamischeiben auf den Teig.

Beispiel Kuchen: Die Chancen auf ein Genuss verheißendes Bild stünden am besten bei längerer Backzeit und nicht zu hoher Ober- und Unterhitze, weiß Hoffmann. Beispiel Eis: Die Kugel bekommt – nötigenfalls mit einem Zahnstocher – Struktur verliehen, damit das Verpackungsfoto Lust auf den Inhalt weckt. Der Haken: Läuft das Modellieren nicht schnell und routiniert genug ab, löst sich das kunstvolle Ergebnis als Folge des Schmelzens in Wohlgefallen auf.

Ein Griff – und der Fotograf hat die richtige Requisite zur Hand.

Das Aufhübschen und Retuschieren gehört zum Geschäft des Werbefotografen. Tricksereien mit anderen Zutaten als denen des zu bewerbenden Produkts hält Hoffmann indes im Großen und Ganzen für unnötig und vermeidbar. Aufträge bekommt er sowohl von Lebensmittelherstellern als auch von Werbeagenturen, die Verträge mit Discounterketten geschlossen haben. „Früher standen hier zwei Entwicklungsmaschinen“, erinnert er sich. Das Hantieren mit Chemie gehört längst der Vergangenheit an. 2012 stieg Hoffmann in die Digitalfotografie ein. Zwei Jahre später war der Übergang vom Film zum Chip komplett vollzogen. Die Kamerafabrikate, mit denen der Fotograf heute arbeitet: Nikon D 800, Hasselblad, Sinar P2 – allesamt digital.

Ordnung ist das halbe Leben.

So besonders der Job, so individuell der private Rückzugsraum: Wer Hoffmann, „Tessa“ genannt, schon mal in der ehemaligen Schmiede in Harpstedt besucht hat, staunt auch dort Bauklötze. Der gebürtige Bassumer, verheiratet mit der Künstlerin Sabine Wewer und Vater zweier Söhne, lebt seit 1998 im Flecken. 2007 errang er die Harpstedter Bürgerschützenkönigswürde. Seit vier Jahren gehört er dem Fleckenrat an, der ihn 2019 zum stellvertretenden Bürgermeister wählte.

Die Kommunalpolitik macht ihm Spaß

An der „kleinen“ Politik hat er Gefallen gefunden. Bei der Wahl am 12. September tritt er erneut an: Für die SPD bewirbt er sich um Mandate in Flecken- (Listenplatz 2) und Samtgemeinderat (Platz 8).

Die Kommunikation zwischen Politik, Verwaltung und Bürgern hält Hoffmann für verbesserungsbedürftig – und eine Agenda für die ganze Samtgemeinde für geboten. In welche Richtung sollen und wollen sich die Mitgliedskommunen entwickeln? Und wie erreichen sie die Entwicklungsziele? Diese Fragen hätte der 63-Jährige gern mithilfe externen Sachverstands von Profis geklärt. Das dürfe, so findet er, auch durchaus etwas kosten, wenn gute Ergebnisse dabei herauskommen sollen.

Unentbehrlich: Eine große Auswahl an Frühstücks- und anderen Brettern verleiht den in Szene zu setzenden Lebensmitteln „rustikalen Charme“ (Bild bitte durch Anklicken unten rechts ganz öffnen).

Vita

1957: Geboren in Bassum;

1975 bis 1977: Ausbildung zum Fotografen beim Lette-Verein in Berlin;

1977/78: Arbeit als Geselle in einem Fotostudio;

1978 bis 1981: Studium (Grafikdesign und Freie Malerei) an der Fachhochschule (FH) Hannover;

1982 bis 1986: Studium (Freie Kunst und Kunstpädagogik) an der FH Ottersberg;

Ab 1986: Arbeit als Fotograf bei „Lübben & Partner“;

1989: Existenzgründung als selbstständiger Fotograf in Delmenhorst, anfangs zusammen mit Armin Reichelt als Partner, seit 2003 als alleiniger Fotostudiobetreiber mit Spezialisierung auf den Food-Bereich;

2012: Einstieg in die Digitalfotografie.

Sich „zu Tode zu verwalten“ hält Hoffmann für die schlechteste aller Optionen. Er vermisst aktuell echten Gestaltungswillen, Visionen und Ziele. Ein Beispiel dafür, dass auch der Flecken Harpstedt seine Potenziale besser nutzen könnte, sei die Windmühle. Das Bauwerk sei einer der wenigen noch betriebsfähigen Galerie-Holländer und somit fast schon ein Alleinstellungsmerkmal. Es dürfe auf lange Sicht nicht dem Verfall preisgegeben werden. Aus dem Mühlenanwesen ließe sich nach Hoffmanns Überzeugung trotz Denkmalschutz weit mehr machen.

Dafür bedürfte es aber zunächst einmal des festen Willens, mit Müller Helmut Nienaber das Gespräch zu suchen und an Konzepten zu arbeiten. Hoffmann könnte sich vieles vorstellen. Ideen, die vom Inklusionscafé bis hin zu betreutem Wohnen reichen, gehen ihm durch den Kopf. Die von Helmut Nienaber oft zur Sprache gebrachten handwerklichen Schnitzer, die bei der letzten großen Renovierung und im Verlauf von Nacharbeiten passiert sind, kann der Werbefotograf nur bestätigen. Die Patzer könnten sogar Laien erkennen.

Nienaber hat sehr viele Arbeitsstunden investiert, um die Betriebsfähigkeit seiner Windmühle wiederherzustellen, auch die Funktionsfähigkeit der Bremse. Zu denen, die ihm dabei tatkräftig halfen, gehörte Matthias („Tessa“) Hoffmann.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

Schlemmen im Sommer: Entdecken Sie kreative Rezepte im Magazin „Küchengeheimnisse“

Schlemmen im Sommer: Entdecken Sie kreative Rezepte im Magazin „Küchengeheimnisse“

Der STERNGLAS Topseller im exklusiven Deal - 50 Euro sparen!

Der STERNGLAS Topseller im exklusiven Deal - 50 Euro sparen!

Meistgelesene Artikel

Heftige Reaktionen auf 2G-Regel: „Kack denen vor die Tür“

Heftige Reaktionen auf 2G-Regel: „Kack denen vor die Tür“

Heftige Reaktionen auf 2G-Regel: „Kack denen vor die Tür“
3 000 Zigarettenkippen in Wildeshausen gesammelt

3 000 Zigarettenkippen in Wildeshausen gesammelt

3 000 Zigarettenkippen in Wildeshausen gesammelt
Nur noch nach 2G-Regel geöffnet

Nur noch nach 2G-Regel geöffnet

Nur noch nach 2G-Regel geöffnet
Bundestags-Kandidaten diskutieren in Harpstedt: Reichen Anreize? Oder müssen auch Auflagen und Verbote her?

Bundestags-Kandidaten diskutieren in Harpstedt: Reichen Anreize? Oder müssen auch Auflagen und Verbote her?

Bundestags-Kandidaten diskutieren in Harpstedt: Reichen Anreize? Oder müssen auch Auflagen und Verbote her?

Kommentare