Christusgemeinde setzt Technik sehr nutzbringend ein

Harpstedt zeigt, wie Kirche modern wird

Die Firma „SoundPartners“ installierte im April die neue Tonübertragungsanlage, die inzwischen ihre Praxistauglichkeit beweist.
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Die Firma „SoundPartners“ installierte im April die neue Tonübertragungsanlage, die inzwischen ihre Praxistauglichkeit beweist.

Harpstedt – Kirche und modern? Passt das zusammen? Für Timo Rucks, Pastor der evangelisch-lutherischen Christusgemeinde Harpstedt, durchaus. „Kirchen sind keine Museen“ heißt ein Buch aus seiner Feder, das als Plädoyer für Veränderung daherkommt. Vor allem aber versteht es der Autor als Nachschlagewerk zu Audio-, Video- und Lichttechnik.

Genau solches Equipment kommt nämlich in der Harpstedter Christuskirche längst professioneller zum Einsatz als sonst wo im Kirchenkreis Syke-Hoya. Von daher gab es keinen Anlass, die Neuerscheinung ausgerechnet hier offensiv zu bewerben. „Das Buch erfreut sich großer Nachfrage, allerdings überregional – in ganz Deutschland. Mein Traum ist, dass jede Kirchengemeinde, die sich weiterentwickeln will, ein Exemplar hat. Zu mindestens 80 Prozent ist es ein technisches Handbuch, ein Nachschlagewerk mit Stichwortverzeichnis. Wie mische ich ab? Wie steuere ich das Licht? Wie mache ich einen Livestream? Solche Dinge aus der Veranstaltungstechnik werden erklärt“, sagt Rucks.

Viele Kirchengemeinden sind auf der Suche. Sie möchten sich weiterentwickeln, schaffen diesen Sprung aber irgendwie einfach nicht.“

Timo Rucks

Die eigentliche „Vorlage“ für den Inhalt, der größtenteils gar nichts mit Kirche zu tun habe, hätten die Baustellengottesdienste in Harpstedt geliefert – natürlich auch im Zusammenhang mit der Frage, warum ein so modernes Format Sinn mache. „Den Harpstedtern ist das längst klar“, weiß Rucks. „Die Baustellengottesdienste werden ja sehr gut angenommen.“ Viele andere Kirchengemeinden seien hingegen auf der Suche: „Sie möchten sich weiterentwickeln, schaffen diesen Sprung aber irgendwie einfach nicht.“ Das könne personelle, aber auch andere Ursachen haben – etwa fehlendes technisches Know-how.

Niedriger Preis war Timo Rucks wichtig

Rucks betont, sein Buch sei ein privates Projekt, das nichts mit seinem Pfarrdienst zu tun habe. Er habe daran von November bis Februar gearbeitet. Am Verkauf verdiene er keinen einzigen Cent. Das wäre bei zehn Euro für die gut 160-seitige „Anleitung zum modernen Gottesdienst“ auch gar nicht möglich. Ein niedriger Verkaufspreis sei ihm wichtig gewesen, unterstreicht Rucks.

Erhältlich ist sein Handbuch aktuell per E-Mail-Bestellung an die-drucker@t-online.de. In absehbarer Zeit soll es übrigens auch (wieder) via Amazon käuflich zu erwerben sein.

„Jede Gemeinde im Kirchenkreis Syke-Hoya hat das Buch schon erhalten, quasi als Geschenk vom Superintendenten. Danach hat die Landeskirche die zweite Auflage beworben und das Buch ihren Gemeinden ans Herz gelegt. Inzwischen gibt es eine dritte. Mit dieser größeren und sozusagen öffentlichen Auflage werbe ich nun auch bei anderen Landeskirchen“, verrät Rucks.

 Die Jugendgruppe ist der technische Background der Kirchengemeinde.“

Timo Rucks

Dass die Christusgemeinde beim Technikeinsatz in Gottesdiensten Pionierarbeit leistet und kirchenkreisweit vorn liegt, hängt nicht zuletzt mit der Technikaffinität von Timo Rucks zusammen, der sein Vikariat bei der Kirche im Norddeutschen Rundfunk (NDR) absolvierte. Er setzt sogar einen Großteil seines eigenen Equipments für Livestreams ein. „Von der Kameratechnik, auf die wir zurückgreifen können, gehört die Hälfte mir. Zwei große Hauptkameras, die ganz simpel zu bedienen sind, hat die Kirchengemeinde angeschafft“, verrät der Geistliche. Doch dann gebe es eben auch „Spielereien“ – Spezialtechnik, die er selbst beisteuere: „Wenn wir eine Band in der Kirche haben, steht beispielsweise mitten auf der Bühne eine Kamera, in der viel eigene Bauarbeit steckt. Sie lässt sich in alle Richtungen drehen und bewegen. Sogar das Zoomen und das Fokussieren funktionieren per Funk mit einer Fernbedienung“, erläutert der 37-Jährige.

Ausgesprochen technikaffin: Pastor Timo Rucks aus Harpstedt.

Mit Equipment allein ist es aber nicht getan. Die Technik will bedient werden von Menschen, die damit umgehen können. Die Jugendgruppe sei „der technische Background der Kirchengemeinde“, betont Rucks. Die Livestreams kämen ohne sie gar nicht zustande. In größeren Gottesdiensten sei ein mindestens sechsköpfiges Team aus Jugendlichen für die Arbeit an den Kameras und Mischpulten sowie für die Beleuchtung und das „Beamen“ von Liedtexten nötig.

Treffen waren trotz Corona möglich

Die Aufnahmeleitung obliegt normalerweise Timo Rucks selbst. In Gottesdiensten, in denen er nicht aktiv mitwirkt, übernimmt diese Aufgabe Mirko Hellbusch von „Hubert Light & Sound“ aus Großenkneten. „Wenn er streamt, dann macht er das für die Firma. Wenn er uns aber berät, die Band mal abmischt oder in anderer Form Hilfestellung leistet, erledigt er das ehrenamtlich. Er gehörte übrigens früher der Radio-AG unserer schönen Oberschule Harpstedt an und war in dieser Funktion an der technischen Abwicklung der Schulweihnachtsfeiern in der Christuskirche beteiligt. Das erklärt seine Entscheidung für den Beruf des Veranstaltungstechnikers. Ebenso seine positive Verbundenheit mit der Kirche. Das ist wirklich eine ganz schöne und ausgesprochen bemerkenswerte Geschichte“, findet Pastor Rucks.

„Dank Pandemie“ besonders viel Zulauf

Ursprünglich sei die Jugendgruppe mal aus Konfirmanden hervorgegangen. Letztlich „dank Corona“ habe sie nie zuvor einen so großen Zulauf erfahren wie im zurückliegenden Jahr. „Jugendarbeit war nämlich schon seit Mai 2020 in Niedersachsen wieder erlaubt. Nur hat sie hier über einen langen Zeitraum hinweg kaum jemand gemacht. Es gab zwar digitale Angebote, die anfangs innovativ und gut waren. Man hat aber schnell gemerkt, dass die Jugendlichen, die eigentlich nur zu Hause saßen, sich sehen und treffen wollten. Meine Gruppe hat sich tatsächlich seit Mai 2020 jeden Dienstag getroffen“, erzählt Rucks. Und das sei absolut kompatibel mit den Coronaverordnungen des Landes Niedersachsen gewesen.

Dass Jugendliche wie selbstverständlich in die Kirche kommen und sie ein bisschen als ihr Wohnzimmer ansehen, ist in meinen Augen eine sehr schöne Entwicklung.“

Timo Rucks

Letztlich als Folge der Pandemie sei die Christuskirche „das neue Wohnzimmer“ der Jugendlichen geworden. „Unsere Pfarrhäuser waren ja lange geschlossen. Daher hatte der Kirchenvorstand beschlossen: Die Veranstaltungen, die es geben darf, finden in der Kirche statt. Deshalb ist auch die Jugendarbeit dort eingezogen. Dass Jugendliche wie selbstverständlich in die Kirche kommen und sie ein bisschen als ihr Wohnzimmer ansehen, ist in meinen Augen eine sehr schöne Entwicklung. Aktuell sind dienstags immer um die 20 Leute im Alter von 14 bis 18 Jahren da“, sagt Rucks.

Es gebe stets viel zu tun. „Einige Jugendliche bereiten beispielsweise den Konfi-Tag vor, während andere an umgebauten Youtube-Studio herumsägen und wieder andere etwas für den nächsten Jugendgottesdienst einüben.“

Die Jugendlichen hören gern Musik mit sehr viel Bass. Wird dann aber vergessen, die Tiefen wieder rauszudrehen, hat man im Gottesdienst den Salat in Form einer basslastigen Sprachübertragung.“

Timo Rucks

Zurück zur Technik in der Kirche: Die neue, im April eingebaute Soundanlage beweist inzwischen ihre Praxistauglichkeit. Die Reaktionen der Gemeindeglieder darauf seien aber noch „sehr unterschiedlich“, verschweigt Pastor Rucks nicht.

Noch passieren mitunter Bedienfehler

„Der Riesenvorteil ist, dass man jetzt an jedem Platz in der Kirche einschließlich der Empore wunderbar Musik und Sprache verstehen kann und dass die Beschallung überall von vorn kommt. Wir befinden uns aber in der Phase des Ausprobierens. Heißt: Wir lernen mit der Anlage richtig umzugehen. Sie ist ja nun keine ,Zauberwaffe", die alles von allein macht. Die menschliche Komponente bleibt. Zwischendurch haben wir sogar mal das Feedback ,Ich kann schlechter hören als vorher!" bekommen. Warum? Weil auf einem Mikro zu viel Bass drauf war. Ein Anwendungsfehler, der nichts mit der Anlage zu tun hat. Die Jugendlichen hören gern Musik mit sehr viel Bass. Wird dann aber vergessen, die Tiefen wieder rauszudrehen, hat man im Gottesdienst den Salat in Form einer basslastigen Sprachübertragung“, merkt Rucks schmunzelnd an.

Für die Finanzierung der Anlage hat die Kirchengemeinde beim Kirchenkreis einen 50-prozentigen Zuschuss aus dem Fonds für „audiovisuelle Medienausstattung von Sakralräumen“ beantragt, der auf maximal 35 000 Euro gedeckelt ist.

Eine zunächst erhoffte finanzielle Unterstützung in anderer Form habe sich hingegen inzwischen erledigt, berichtet Pastor Rucks: „Wir hatten damals konkret 20 000 Euro beantragt. Mit diesem Geld wollten wir unsere Technik in den Bereichen Film, Audio und Licht so weit nach vorn bringen, dass wir sie für Schulungszwecke auch anderen Kirchengemeinden als funktionierende Module vorführen können.“

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