Facebook-Gruppe ist binnen sieben Jahren auf 2 717 Mitglieder angewachsen

Als Harpstedt zur „Weltstadt“ avancierte

Das aktuelle „Weltstadt“-Titelfoto, eine Ansicht des Harpstedter Amtshofes und der Christuskirche, hatte Jan Klingberg nach einem Appell auf Zusendung passender Bilder eingereicht.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Es klingt schon ein wenig vermessen, die Samtgemeinde Harpstedt mit inzwischen unter 11.000 Einwohnern als „Weltstadt“ zu titulieren. Aber der in dieser bewussten Übertreibung steckende Witz sei von Anfang an gut angekommen, sagt Gordon Frese. Seine vor sieben Jahren ins Leben gerufene Facebook-Gruppe „Weltstadt Harpstedt“ zählt mittlerweile 2.717 Mitglieder. Als Administrator muss Frese täglich zwischen 30 und 60 Minuten Arbeit hineinstecken, schätzt er.

In jüngster Zeit registriert er vermehrt Anfragen von mutmaßlichen Cyberbots, also Chat-Robotern, die menschliche Unterhaltungen mit ominösen Absichten nachahmen. Die Profilfotos zeigen teils halbnackte Asiatinnen. Um sicherzustellen, dass nur Menschen in die geschlossene Gruppe kommen, die in der Samtgemeinde Harpstedt leben oder zumindest einen persönlichen Bezug dazu haben, „installierte“ der Administrator im Frühjahr 2017 eine Aufnahmehürde in Form einer Frage, die da lautet: „Was verbindet dich mit Harpstedt?“ Das zeigt Wirkung – auch zum Schutz vor Cyberbots. Nur etwa 60 Prozent beantworten die Frage.

Frese selbst nennt sich augenzwinkernd einen „Harpstedter Patrioten“, der seinen Wohnort „einfach geil“ findet. Schon seit 1982 ist er in dem beschaulichen Flecken an der Delme heimisch.

Gruppengründung als Versuch

Was ihn dazu bewogen habe, die „Weltstadt“ aus der Taufe zu heben? „Ich wollte mal ausprobieren, wie man eine Facebook-Gruppe gründet“, gibt der hauptberuflich beim Jobcenter in Bremen als Führungskraft tätige Administrator des Portals eine recht banal anmutende Antwort auf diese Frage.

„Harpstedt den Harpstedtern“ – so lautet seine Devise für die „Weltstadt“. Täglich kämen zwischen zwei und acht Anfragen auf Neuaufnahme. Dass Gruppenmitglieder die „Weltstadt“ nutzen, um sich gegenseitig in unterschiedlichen Angelegenheiten zu helfen, findet der 46-jährige Frese großartig. Mehrfach wiederkehrende Hinweise auf ein und dieselbe Veranstaltung nerven ihn hingegen etwas. Von Werbung bleibe die Gruppe im Großen und Ganzen verschont, erläutert er.

Kein Platz für Werbung und Stänkerer

Wann immer Fotos und Hintergrundinfos zu jenem Harpstedter „Pfingstfest“ gepostet werden, das getreu einem ungeschriebenen „Gesetz“ zwischen Weihnachten und Ostern niemand in der Öffentlichkeit bei seinem (plattdeutschen) Namen nennen darf, registriert der Administrator ein wachsendes Interesse an der „Weltstadt“ – und eine Zunahme der Posts.

Recht häufig bekommt Frese nach eigenem Bekunden Aufforderungen, Gruppenmitglieder zu „bannen“. Tatsächlich aber hat er bislang kaum jemanden aus der Gruppe entfernt. Einige Fälle sind ihm aber doch im Gedächtnis geblieben – etwa ein User, „der gegen alles und jeden gestänkert hat“, und ein weiterer mit recht penetranten kommerziellen Werbeabsichten.

Rund 3.500 Beiträge, Kommentare sowie Reaktionen in Form von Likes oder Emojis binnen 28 Tagen lassen erahnen, welchen Stellenwert die „Weltstadt“ mittlerweile für den Austausch von Nachrichten, Klatsch und Tratsch hat. 54 Prozent der Gruppenmitglieder sind weiblich, 46 Prozent männlich.

Begründer und Administrator der Facebook-Gruppe „Weltstadt Harpstedt“: Gordon Frese.

Nicht jeder gepostete Beitrag oder Kommentar schmeckt Gordon Frese persönlich. „Gleichwohl lösche ich total wenig“, beteuert er. Übertriebene Sensationslust geht ihm gegen den Strich. „Wenn jemand schon kurz nach einem Unfall mit tödlichem Ausgang Fotos davon postet, finde ich das grenzwertig und pietätlos“, gesteht der 46-Jährige und fügt hinzu: „Das ist aber zum Glück weniger geworden.“

Mitunter muss er sich selbst schlaumachen, ob ein Beitrag im Einklang mit geltendem Recht steht. Als Beispiel fallen ihm spontan Warnungen vor „Blitzern“ ein. Die seien rechtens, hat er in Erfahrung gebracht.

Mit vermehrten ausländerfeindlichen Posts bekam es Frese ausgerechnet zu tun, als er einen Campingurlaub in Österreich verbrachte. Der Auslöser dafür war eine Bluttat gewesen, die sich im August 2015 gegenüber dem Harpstedter Bahnhof ereignet hatte: Ein 31-jähriger Schwarzafrikaner stach einen jüngeren Flüchtling mit einem Messer nieder und verletzte ihn lebensgefährlich. Die daraufhin in der „Weltstadt“ einsetzende Diskussion habe teils schon rechtsradikale Züge getragen, erinnert sich Frese. Er sah sich genötigt, als „Admin“ einzuschreiten und Kommentare zu löschen.

Konkurrenzgruppe eingeschlafen

Grundsätzlich aber steht er auf dem Standpunkt, dass nicht er, sondern die „Weltstadt“ selbst für das Niveau in der Gruppe verantwortlich ist. Die Grundregeln sind am Kopf der Facebook-Seite klar formuliert: „In unserer Weltstadt gehen wir respektvoll miteinander um, ohne einander zu beleidigen. Wer sich nicht an diese Umgangsformen hält, wird aus der Weltstadt gelöscht und gebannt.“

Konsequenzen als Folge von Verstößen gegen den Leitsatz werden gelegentlich als „Zensur“ empfunden. So erklärt sich auch das Zustandekommen der vor vier Jahren von Heranwachsenden gegründeten – öffentlichen – Konkurrenzgruppe „Weltstadt Harpstedt Uncut“. „Hier werden keine Beiträge gelöscht“, heißt es auf der Seite. Dieses Forum nehmen die Facebook-User allerdings kaum mehr wahr. Die aktuelle Gruppenstärke liegt bei gerade mal 23 Mitgliedern, und der letzte noch sichtbare Post datiert vom 17. Februar 2014.

Das nach wie vor große Interesse an der geschlossenen Gruppe belegt indes unter anderem der Umstand, dass Gordon Frese binnen 28 Tagen 18 Beitrittsanfragen ablehnen musste – wegen des nicht erkennbaren persönlichen Bezugs zu Harpstedt.

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