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Versteigertes Schwein bringt mehr als 600 Euro für Geflüchtete

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Von: Jürgen Bohlken

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Vier Leute im Schweinestall.
Heiner Thöle (2.v.l.) hat das Fleisch eines von Karsten Knolle (links) gespendeten Schweins für 601 Euro ersteigert. Das Geld ist für Geflüchtete aus der Ukraine bestimmt. Thöle hat den Betrag an die Flüchtlingsinitiative überwiesen. In deren Namen dankten Gunnar Bösemann und Steffen Akkermann (von rechts) herzlich. © Bohlken

Harpstedt – „Ich fand die Aktion gut“, sagt Heiner Thöle aus Beckeln: Für 601 Euro ersteigerte er mit Zustimmung seiner Angehörigen ein vom Naturhof Knolle in Harpstedt zugunsten Geflüchteter aus der Ukraine gespendetes Buntes Bentheimer Schwein. Das kriegt er nach der Verarbeitung zu Fleisch und Wurst von Karsten Knolle frei Haus geliefert. Alle Beteiligten werteten die Versteigerung als Erfolg – einschließlich der Harpstedter Flüchtlingsinitiative, der die 601 Euro zur sinnvollen Verwendung anvertraut worden sind.

In deren Namen dankten Pastor Gunnar Bösemann und Steffen Akkermann am Dienstag für den Betrag, der sich als Folge einer spontanen Spende von Hermann Brinkmann aus Wunderburg sogar unerwartet auf 621 Euro erhöhte.

Die Flüchtlingsinitiative hatte kurz zuvor getagt, zumal sie demnächst auch mit einer größeren Summe als Ergebnis des Benefiz-Musikfestivals für den Frieden in Solidarität mit der Ukraine rechnen darf, das am Sonnabend, 2. April, ab 16 Uhr auf dem Harpstedter Koems-Gelände steigt (Eintritt frei, Spenden erbeten). Sie will Begegnung zwischen Geflüchteten möglich machen. Die Treffen verursachen unter anderem Transportkosten. Wie viele Menschen aus der Ukraine in die Samtgemeinde kommen, ist ungewiss. Noch reicht der Wohnraum aus, aber dass es nicht bei den wenigen Familien bleibt, die schon da sind, lässt sich absehen.

Wenngleich sich die Gemengelage durchaus von der Situation im Jahr 2015 unterscheidet, geht die Flüchtlingsinitiative davon aus, dass sie auf die Erfahrungen, die sie in der Betreuung Geflüchteter – etwa aus Syrien und dem Sudan – gemacht hat, aufbauen kann. Der Helferkreis bekommt in jüngster Zeit immer mal wieder zusätzliche Unterstützung angeboten, so auch seitens des früheren Samtgemeindebürgermeisters Herwig Wöbse.

Karsten Knolles Ehefrau Karin ist sehr viel direkter als andere Einwohner mit den Folgen des Krieges für die ukrainische Bevölkerung konfrontiert worden: Die Schwester ihrer Schwiegertochter floh mit ihren Kindern und ihrer Mutter aus Odessa und kam in Harpstedt unter. Dieser persönliche Bezug verstärkte die Bereitschaft des Ehepaars Knolle noch, Geflüchteten zu helfen.

Alle meine Vorurteile über Facebook haben sich bestätigt.

Karsten Knolle

Das Fleisch eines naturnah gehaltenen Bunten Bentheimer Schweins zu spenden und zur Versteigerung freizugeben, versprach einen erklecklichen Erlös. Die Knolles hielten die Auktion für eine gute Idee, zumal Schlachter Horst Prüllage aus Visbek spontan zusagte, das Zerlegen und Verarbeiten zu Kotelett und Co. völlig unentgeltlich zu übernehmen.

Unsere Zeitung publizierte die Ankündigung der Online-Auktion auch auf Facebook, um eine möglichst große Zielgruppe zu erreichen. Eine Kommentatorin fand ein vermeintliches Haar in der Suppe und postete, „ein Leben zu töten“, für welchen Zweck auch immer, sei „makaber“. Ihre Meinung erntete teils Zustimmung, teils Widerspruch. „Wenn euch das Leben des Tieres am Herzen liegt, ersteigert das Schwein doch einfach und stellt es euch in den Garten!“, erwiderte jemand, dem die Diskussion auf den Geist ging. Es gab etliche „Gefällt mir“-Reaktionen auf die Versteigerung. Die Kritik aber hat Karsten Knolle zugesetzt. Er habe seine Lehren daraus gezogen, sagt er.

Der Harpstedter hatte einfach nur Geflüchtete im Rahmen seiner Möglichkeiten unterstützen wollen – nicht mehr und nicht weniger. In den angeblich „sozialen“ Netzwerken sieht er inzwischen einen „Feind“, eine Bedrohung für den sozialen Frieden. Wenn Meinung ohne Klarnamensnennung gepostet werden dürfe, begünstige das unqualifizierte Kommentare.

„Mit Kritik, die mir direkt ins Gesicht gesagt wird, kann ich umgehen. Ich habe aber etwas gegen verbale Schüsse aus dem Hinterhalt“, betont Knolle. Er hatte sich bei Facebook angemeldet, um über die Reaktionen auf die Auktion im Bilde zu sein. Nach 36 Stunden löschte er sein Profil wieder. Begründung: „Alle meine Vorurteile über Facebook haben sich bestätigt.“

Kommentar von Jürgen Bohlken: "Grober Unfug"

Der auf Facebook geäußerte Vorwurf, ein Buntes Bentheimer Schwein vom Naturhof Knolle müsse für die Auktion zugunsten Geflüchteter aus der Ukraine makabrerweise sein Leben lassen, fällt in die Rubrik „grober Unfug“.

Die Versteigerung ändert rein gar nichts: Der Betrieb lässt seine Tiere grundsätzlich erst schlachten, wenn sie die Schlachtreife erreicht haben, übrigens ohne „Turbomast“. Die Knolles verdienen nur nichts an dem versteigerten Schwein, weil der Auktionserlös komplett gespendet wird. Das sollte Beifall ernten. Nicht haltlose Kritik.

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