„Lieber kündigen, als sich impfen zu lassen“

Impfpflicht: Ja oder Nein? Das sagen die Menschen auf der Straße

Franz Robert Czieslik aus Groß Ippener bestreitet den Nutzen der Impfung nicht, lehnt aber eine Impfpflicht ab.
+
Franz Robert Czieslik aus Groß Ippener bestreitet den Nutzen der Impfung nicht, lehnt aber eine Impfpflicht ab.

Harpstedt – „Sind Sie für oder gegen eine Impfpflicht?“ Auffällig zurückhaltend haben zufällig ausgewählte Passanten vor dem Inkoop-Markt in Harpstedt auf diese Frage unserer Zeitung reagiert. Einige wollten sich zwar äußern, aber ihren Namen nicht veröffentlicht wissen. Anderen war es schlicht zu heikel, Farbe zu bekennen.

Bei vorherigen Umfragen unserer Zeitung zu Themen rund um die Coronapandemie hatten Mitbürgerinnen und Mitbürger sehr viel offener Stellung bezogen. Einen Hinweis auf einen möglichen Grund für die diesmal konträre Reaktion gab eine Frau: „Ich bin gegen eine Impfpflicht. Wenn das aber mit meinem Namen in der Zeitung stünde, hätte das womöglich negative Folgen für meine Angehörigen“, sagte sie; in ihren Worten schwang hörbare Besorgnis mit.

Laut ZDF-Politbarometer hat sich die öffentliche Meinung binnen weniger Monate um 180 Grad gedreht. Befürworten inzwischen 69 Prozent eine allgemeine Impfpflicht, so waren es im Juli nur 33 Prozent gewesen. Unsere Zeitung bekam es im Verlauf der Spontanumfrage indes überwiegend mit Menschen zu tun, die zwar die Impfungen gegen Corona für eine gute Sache halten, mehrheitlich aber eine allgemeine Impfpflicht ablehnen oder ihr zumindest mit Skepsis begegnen.

Zwiegespalten

So auch Ursula Mahlstedt. „Ich bin selbst geimpft, beim Thema Impfpflicht aber zwiegespalten. Eine Pflicht nur im Pflegebereich könnte zu einem Pflegenotstand führen, weil einige lieber kündigen, als sich impfen zu lassen“, gab die Harpstedterin zu bedenken.

Die Spaltung der Gesellschaft müsse „ein Ende finden“, sagte Michael Meinhard.

Norbert Brosowsky sah das komplett anders. „Ich bin klar für eine Impfpflicht. Es kann nicht so weitergehen“, spielte der Kirchseelter auf das besorgniserregende Infektionsgeschehen an. Und obwohl die Zahlen in die Höhe schießen, verhalten sich viele Menschen in seiner Wahrnehmung immer unvorsichtiger. Brosowsky wusste von einer Feier „mit 50 Personen auf engstem Raum“. Das könne nicht sein.

Mobiles Impfteam in Harpstedt

Das mobile Impfteam des Landkreises Oldenburg macht am Mittwoch, 1. Dezember, Station in der Delmeschule in Harpstedt. Von 10 Uhr bis 16.30 Uhr ist es möglich, sich in die Schlange zu stellen und gegen Corona erstimpfen oder boostern zu lassen. Termine werden nicht vergeben.

Der lauter werdende Ruf von Intensivmedizinern nach einem sofortigen Wellenbrecher-Lockdown und einer allgemeinen Impfpflicht untermauert indes, dass Corona seine Schrecken keineswegs verloren hat. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Immer mehr Intensivstationen sind überlastet. Von den intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Patienten überlebt nur etwa die Hälfte. Rettungsdienste müssen zunehmend lange nach freien Intensivbetten für Notfallpatienten suchen – und Ärzte sogar Operationen aufschieben, an denen Leben hängen. Die neue Omikron-Virusvariante droht die prekäre Lage zusätzlich zu verschärfen. Der Bundespräsident sieht sich auch ob eines fragwürdigen Pandemiemanagements genötigt, sich mit einem Appell an die Bundesbürger zu wenden: Jeder und jede möge doch bitte freiwillig die eigenen Kontakte beschränken. Das Abwiegeln setzt sich gleichwohl in Teilen der Bevölkerung fort.

Kritik an mangelnder Kommunikation

Ein Ehepaar, das sich gegenüber unserer Zeitung äußerte, kritisierte die mangelnde Kommunikation der Regierung. Man müsse die getroffenen Maßnahmen besser erklären und begründen; viele hielten sie nicht für zielführend, weil sie nicht verstanden würden. Ein anderer Passant beklagte, der Nutzen der Impfung werde nicht genügend herausgestellt. Sachliche Informationen und Aufklärung brächten mehr als Zwang. Momentan seien die vorhandenen Informationslücken vielfach von Impfgegnern mit Desinformation gefüllt, so der Harpstedter.

An einer Impfpflicht führt für Norbert Brosowsky aus Kirchseelte kein Weg vorbei.

„Ich bin dafür, dass sich jeder selbst entscheiden kann“, formulierte Franz Robert Czieslik seinen Standpunkt. Er selbst habe seine Impfung mit lange andauernden Nebenwirkungen bezahlt; er betrachte das als Opfer für die Gesellschaft. „Ich habe aber vollstes Verständnis dafür, wenn sich jemand aus psychischen oder physischen Gründen nicht impfen lassen will“, äußerte sich der Künstler aus Groß Ippener. Er befürchtete einen indirekten Lockdown, wenn „2G plus“ kommt, und wünschte sich, dass die Impfquote gerade auf dem Land steigt. Bremen sei mit schon erreichten 80 Prozent ein urbanes Vorbild.

Diese Ausgrenzung reicht bis in die Familien.“

Michael Meinhard

Sehr ausführlich äußerte sich Michael Meinhard aus Stuhr. Er positionierte sich klar gegen eine Impfpflicht: „Die Ängste der Menschen müssen ernstgenommen und durch Aufklärung zerstreut werden. Ich finde es zum Beispiel nicht ausreichend zu argumentieren, dass die Erkrankung selbst viel schlimmer ist.“ Lange nicht alle Erkrankten hätten schwere Verläufe. Wenngleich die Impfung davor schützen könne, könnten sich Geimpfte ebenfalls infizieren und erkranken, gab Meinhard zu bedenken.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass niedrige Impfquoten mit hohen Inzidenzen korrelieren und es größtenteils Ungeimpfte sind, um deren Leben die Ärzte auf den Intensivstationen kämpfen.

Die Spaltung der Gesellschaft müsse ein Ende finden, forderte Meinhard. Eine ungeimpfte, mit FFP 2-Maske geschützte und negativ getestete Person sei „keine Gefahr“ und das persönliche Risiko „minimal“. „Diese Menschen werden aber als Schuldige stigmatisiert und sogar vom Friseurbesuch ausgegrenzt. Diese Ausgrenzung reicht bis in die Familien“, beklagte der Stuhrer. Dass sich die aufgeladene Stimmung in Gewalt entladen könnte, hielt er für eine reale Gefahr. Dazu dürfe es nicht kommen.

Meinhard: „Natürlich wollen wir gern zu einem normalen Leben zurückkehren. Das kann aber mit Gewalt nicht funktionieren, sondern nur mit Besonnenheit, Aufklärung und Geduld.“  hri/boh

Harpstedter Impfungen im Podcast

Stehen wirklich so vielem Harpstedterinnen und Harpstedter dem Impfen skeptisch gegenüber? Unser Podcast-Team von „Kreis und Quer“ war beim ersten Impftag nach langer Pause in der Delmeschule dabei - und hat viel über diejenigen erfahren, die sich jetzt für eine Impfung anstellen. Die neue Folge „Wer lässt sich jetzt impfen?“ gibt es ab sofort auf YouTube, Spotify, Apple Podcasts und direkt hier im Artikel.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Schwerer Unfall mit Kranwagen: 78-jähriger Wildeshauser lebensgefährlich verletzt

Schwerer Unfall mit Kranwagen: 78-jähriger Wildeshauser lebensgefährlich verletzt

Schwerer Unfall mit Kranwagen: 78-jähriger Wildeshauser lebensgefährlich verletzt
Existenzbedrohend für Hausbauer

Existenzbedrohend für Hausbauer

Existenzbedrohend für Hausbauer
Backshop soll und muss noch umziehen

Backshop soll und muss noch umziehen

Backshop soll und muss noch umziehen
Maskierte Räuber erbeuten Geld in Colnrade

Maskierte Räuber erbeuten Geld in Colnrade

Maskierte Räuber erbeuten Geld in Colnrade

Kommentare