Gemeindeschwesternstation: Halbe Belegschaft geht in fünf Jahren in Rente

Sorgenvoller Blick in die Zukunft

Ohne Umschweife benannte Elke Lükermann, Leiterin der DRK-Gemeindeschwesternstation Harpstedt, die Probleme in der Pflege. Nach ihrem Vortrag überreichte ihr der bisherige Vorsitzende des Samtgemeinde-Seniorenbeirats, Heinfried Sander, einen Blumenstrauß.
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Ohne Umschweife benannte Elke Lükermann, Leiterin der DRK-Gemeindeschwesternstation Harpstedt, die Probleme in der Pflege. Nach ihrem Vortrag überreichte ihr der bisherige Vorsitzende des Samtgemeinde-Seniorenbeirats, Heinfried Sander, einen Blumenstrauß.

Harpstedt – Das Personal in der DRK-Gemeindeschwesternstation Harpstedt reicht hinten und vorn nicht. Die Probleme, die Leiterin Elke Lükermann am Mittwochnachmittag während der Delegiertenversammlung des Samtgemeinde-Seniorenbeirates im Hotel „Zur Wasserburg“ schilderte, klangen fast wie ein Hilferuf. Aus ihren Worten ließ sich sogar Sorge um den langfristigen Fortbestand der Sozialstation heraushören.

Deren 34-köpfige Belegschaft besteht derzeit aus zehn examinierten Pflegekräften, neun Pflegehelferinnen, zehn Reinigungs-, zwei Betreuungs- und zwei Verwaltungskräften sowie einer Auszubildenden. Das sei zu wenig, verschwieg Lükermann nicht: „In jedem Bereich könnte ich durchaus noch zwei zusätzliche Kräfte brauchen.“

Wenn’s bei uns hakt, hakt’s im Krankenhaus. Und gibt es in Heimen nicht genügend Plätze, wird’s ebenfalls schwierig.“

Elke Lükermann

Mangels Personal sei die Zahl der Patienten schon um 30 auf jetzt 191 gesunken. „In den letzten Wochen mussten wir oft ,Nein’ sagen. Wir mussten auch Palliativpatienten ablehnen, die wir zu Hause nicht betreuen konnten“, berichtete Lükermann. Betroffene verblieben häufig, auch wegen des Mangels an Kurzzeitpflegeplätzen, länger im Krankenhaus. Die Pandemie habe die miteinander verzahnten Probleme offenbart: „Wenn’s bei uns hakt, hakt’s im Krankenhaus. Und gibt es in Heimen nicht genügend Plätze, wird’s ebenfalls schwierig.“ Immerhin habe die Politik den Bedarf an neuen reinen Kurzzeiteinrichtungen zumindest erkannt.

Palliativpatienten und Schwerstpflegebedürftigen abzusagen und dabei Menschen am Telefon weinen hören zu müssen, „weil wir das nötige Personal nicht haben“, sei sehr belastend, gestand Lükermann. Ihre Prognose sah alles andere als rosig aus. Denn die Personalnot droht sich deutlich zu verschärfen: „In fünf Jahren gehen 16 unserer Mitarbeitenden in Rente.“ Was dann?

Zum Nachteil der ambulanten Pflege?

„Dass es hier in Harpstedt womöglich irgendwann keinen ambulanten Pflegedienst mehr gibt, ist ein Szenario, das ich mir nicht ausmalen mag“, gestand Lükermann.

Nachwuchs müsse her. Die generalistische Ausbildung in der Pflege könne sich aber womöglich sogar zum Nachteil der Altenpflege, insbesondere der häuslichen, auswirken. Denn wer sie durchlaufe, habe vermutlich eher Ambitionen, im Krankenhaus zu arbeiten und dort „500 bis 1 000 Euro mehr“ monatlich zu verdienen, vermutete Lükermann.

Dass Migranten im nennenswerten Umfang zur Linderung des Pflegenotstands beitragen könnten, glaubte die Einrichtungsleiterin nicht. Hoffnungen setzt sie schon eher in etwaige Quereinsteiger, „die vielleicht bereits einen Hintergrund in der Pflege haben“.

Corona bremst Projekt aus

Bei der Jugend in der Berufsorientierungsphase anzusetzen, hält sie für den richtigen Weg: „Wir haben die Altenpflege in der Realschule Wildeshausen vorgestellt. Das war ein tolles Projekt, das uns Spaß gemacht hat und für das wir in Hannover mit einem Gesundheitspreis ausgezeichnet worden sind. Die Schüler sind auch zu uns ins DRK-Seniorenzentrum gekommen und durften sich alle Abteilungen ansehen“, erläuterte Lükermann. Leider habe dann aber Corona das Projekt ausgebremst. Eigentlich sei vorgesehen gewesen, auch die Oberschule Harpstedt einzubeziehen, aber so weit sei es nicht gekommen.

„Jahrelang haben wir Eltern den jungen Leuten vermittelt, dass sie studieren müssen, um etwas aus ihrem Leben zu machen. Dabei ist doch auch die Putzfrau eine wichtige Person. Jeder will in den Urlaub fahren. Aber dafür muss es eben Leute geben, die morgens die Zimmer sauber machen und für das Frühstück sorgen“, äußerte sich Gaby Otto, die im Verlauf der Versammlung zur neuen Seniorenbeiratsvorsitzenden gewählt wurde. Schon die Kinder in der Schule müssten begreifen, dass auch die Arbeit in der Pflege eine immens wichtige sei.

500.000 Pflegekräfte könnten 2030 fehlen

Derzeit gebe es deutschlandweit rund 15.400 Pflegeheime. Hinzu kämen 14.700 ambulante Pflegedienste für insgesamt 692.000 Menschen (vier Fünftel aller zu Pflegenden), so Elke Lükermann. Die Leiterin der Gemeindeschwesternstation Harpstedt hatte für ihren Vortrag im Seniorenbeirat selbst ein paar Daten recherchiert. 55 Prozent der aktuell 4,1 Millionen Pflegebedürftigen seien älter als 80 Jahre. Zwei Drittel der ab 65-Jährigen lebten noch an der Seite ihres Partners. Von den über 85-Jährigen sei indes die Hälfte allein. Rudimentär vorhandene Familienstrukturen seien ein Problem, „das wir auch von unseren Patienten kennen“, erläuterte Lükermann. Mitunter fehlten Angehörige als Ansprechpartner sogar ganz.

Bis 2030 sei ein Anstieg der Pflegebedürftigenzahl auf sechs Millionen prognostiziert. Dem stehe dann womöglich in Deutschland ein Fehl von 500.000 Pflegekräften gegenüber. Schon jetzt sei kaum mehr Personal zu bekommen. Das sei 1996, als die DRK-Gemeindeschwesternstation Harpstedt aus der Taufe gehoben wurde, noch anders gewesen. „Damals lagen in meiner Schreibtischschublade genügend Bewerbungen“, erinnerte sich Lükermann. „Ich konnte mir jemanden aussuchen. Es war nicht nötig, alle zum Vorstellungsgespräch einzuladen. Momentan ist meine Schublade leer.“

Elke Lükermann nickte zustimmend. Den Gedanken, Roboter oder „Waschstraßen“ in Altenheimen einzuführen, fand sie jedenfalls ausgesprochen befremdlich. Pflege habe schließlich nicht zuletzt etwas mit menschlicher Wärme und Zuwendung zu tun. Unattraktiv sei dieses Aufgabenfeld im Übrigen keineswegs. „Es ist ein krisensicherer und auch sehr dankbarer Beruf“, betonte die Huderin.

Ich bemühe mich, unseren Mitarbeitenden zumindest ein langes Wochenende im Monat zu ermöglichen, damit sie auch mal den Kopf freikriegen.

Elke Lükermann

Dass es unbedingt besserer Rahmenbedingungen bedarf, steht für sie außer Frage. Sie wünsche sich Pflegende, die nicht wegen Personalnot zwölf Tage durcharbeiten müssten, ehe sie zwei Tage frei bekämen. Lükermann: „Ich bemühe mich, unseren Mitarbeitenden zumindest ein langes Wochenende im Monat zu ermöglichen, damit sie auch mal den Kopf freikriegen.“

Den Kontakt mit den Schulen erneut zu suchen und noch stärker in der Öffentlichkeit für den Pflegeberuf zu werben, hält die Einrichtungsleiterin für geboten.

Verunsicherung wegen Ansteckungsgefahr

Das Telepflege-Projekt habe sich leider in Harpstedt „total zerschlagen“, bedauerte sie. In Oldenburg laufe es indes weiter. „Wir hatten hier vor Ort technische Probleme“, spielte Lükermann auf immer noch vorhandene Funklöcher und Netzdefizite an. Was erschwerend hinzugekommen sei: „Man hat keinen Abrechnungspunkt mit den Kassen festlegen können.“

Zu Beginn der Coronakrise habe die Gemeindeschwesternstation nicht genügend Material gehabt, leitete Lükermann zu pandemiebedingten Erschwernissen über. „Mit einem derart hohen Bedarf an Masken konnte ja auch keiner rechnen. Wir hatten natürlich eine Notration im Keller. Anfangs war es sogar schwierig, Handschuhe oder Kittel zu kriegen. Die Leitungsebene war viel damit beschäftigt, irgendwelche Bestellungen aufzugeben.“ Dieses Problem sei zum Glück aus der Welt.

Das hat Unruhe ins Team gebracht.“

Elke Lükermann

Ein bisschen zu kämpfen gehabt habe die Sozialstation mit der Verunsicherung: Mitarbeitende hätten aus Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19 Bedenken gehabt, zu den Patienten zu gehen. „Das hat Unruhe ins Team gebracht“, gab Lükermann zu.

Von den zu Pflegenden seien zu ihrer eigenen Überraschung „nur drei“ coronabedingt abgesprungen. Die Vereinsamung der Patienten, auch im DRK-Seniorenzentrum als Folge der strengen Kontaktbeschneidungen, habe hingegen sehr stark zugenommen und dazu geführt, „dass viele geistig abgebaut haben“.

Große Überzeugungsarbeit fürs Impfen war bei uns nicht nötig.“

Elke Lükermann

Impfen lassen habe sich die Belegschaft der Sozialstation mit einer Ausnahme komplett. „Das war ganz wichtig, zumal wir uns um ältere Menschen kümmern, die durch Corona besonders gefährdet sind. Große Überzeugungsarbeit fürs Impfen war bei uns nicht nötig. Wir bekommen im Dezember die dritte Dosis. Im Heim passiert das schon im November“, erläuterte Lükermann. Auf die vierte Coronawelle blickte sie durchaus mit etwas Sorge, aber ihrer Einschätzung nach wird es wohl nicht noch einmal zu einer vollkommenen Abschottung der Heime kommen.

Anderes Thema: Wer keine großen kognitiven Einschränkungen habe, komme inzwischen bei der Einstufung nicht mehr in die höheren Pflegegrade. Andererseits landeten Menschen mit diagnostizierter Demenz oft gleich in Pflegegrad drei, obwohl sie körperlich noch recht fit seien. Das sei schon irgendwie verrückt. „Wir haben aktuell gar keine ,Fünfer’ in der häuslichen Pflege“, verriet Lükermann.

Heimplätze reichen nicht mehr aus

Die Frage von Samtgemeindebürgermeister Herwig Wöbse, ob der Bedarf an Heimplätzen noch hinreichend bedient werden könne, verneinte sie. Auch im DRK-Seniorenzentrum Harpstedt gebe es eine Warteliste. Auf der Suche nach einem Pflegeplatz bleibe Betroffenen vielfach nichts anderes übrig, als die Einrichtungen „abzutelefonieren“.

Dass die Qualität der Pflege leiden könnte, deutete Lükermann zumindest durch die Blume an. „In Heimen liegt die Fachquote bei 50 Prozent. Man will sie aber runtersetzen auf 41 Prozent“, verriet sie mit Hinweis auf eine besuchte Fortbildung.

„Verwahrlosung nimmt zu“

Nach all den niederschmetternden Informationen kam eine weitere hinzu: Die Verwahrlosung unter Pflegebedürftigen, die sich der stationären Pflege verweigern, habe deutlich zugenommen. „Man kann sich das Ausmaß teilweise nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst gesehen hat“, sagte Lükermann. Die Mindestvoraussetzung für die Pflege zu Hause müsse doch wohl sein, dass der Betroffene allein zur Toilette gehen könne. Aber leider sei nicht einmal das immer der Fall.

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