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Langenthal setzt Integrationswillen voraus

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Von: Jürgen Bohlken

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An neuer Wirkungsstätte in der Schweiz begrüßt: Timo und Hanna Rucks. Screenshot: Bohlken
An neuer Wirkungsstätte in der Schweiz begrüßt: Timo und Hanna Rucks. Screenshot: Bohlken © -

Harpstedt/Langenthal – „So wie es der Himmel ist, der sich hier in Langenthal oder auch in Harpstedt über uns ausbreitet, so ist es dieselbe Liebe des einen Gottes, die uns über alle Grenzen hinweg miteinander verbindet“, sagte Pfarrer Cedric Rothacher zu Beginn eines Gottesdienstes im Zwinglihaus Langenthal/Schweiz, der im Zeichen der Begrüßung von Pastor Timo Rucks und Pastorin Hanna Rucks stand.

Das Ehepaar, das bis vor Kurzem eine gemeinsame Pfarrstelle in der Christusgemeinde Harpstedt innehatte, war nicht zum bloßen Zugucken verdammt. Es wurde an neuer Wirkungsstätte gleich aktiv ins Geschehen eingebunden.

Und wie aus dem bisherigen Wohn- und Dienstort gewohnt, konnte der Gottesdienst in der Schweiz als Livestream auf Youtube von überall online verfolgt werden. Auch Harpstedter Weggefährten nutzten diese Gelegenheit. Sie saßen vor ihren Smartphones und Tablets, schauten zu, hörten hin.

Pastor schwingt Drumsticks im Takt von Silbermonds „Himmel auf“

Der „Kinderhütedienst“, auf den Pfarrer Rothacher eingangs hinwies, erinnerte unwillkürlich an die Kinderecke in der Christuskirche. Als Pastor Rucks am Schlagzeug die Drumsticks schwang und seine Frau zu eigenem Gesang in die Tasten haute, um zusammen mit Cedric Rothacher an der Gitarre sowie einem Trompeter „Himmel auf“ von der Bautzener Gruppe Silbermond zu Gehör zu bringen, klang das Ergebnis ein wenig nach „Baustellen-Band“. Und der Klavierflügel im Zwinglihaus mutete fast an, als hätte das Pastorenpaar ihn aus Harpstedt ins „neue Leben“ entführt, was natürlich mitnichten der Fall war. Die im Livestream angezeigten Liedtexte wirkten nicht minder vertraut – als hätte das Ehepaar Rucks in der evangelisch-reformierten Gemeinde schon vor Antritt der neuen Pfarrstelle Spuren hinterlassen.

Musikalisch begrüßte eine „Gang“ aus Viert- bis Sechstklässlerinnen die beiden Neuankömmlinge. Die Gruppe mache verrückte Dinge, und dazu gehöre es auch, nach nur einmaligem Üben vor der Gemeinde zu singen, verriet die Leiterin.

 Ihr könnt noch so viel mit eurem Backstein machen. Wenn ihr ihn nicht mit den vorhandenen Steinen nutzt, wird dieses Haus nicht gebaut werden können.“

Reto Steiner zum Ehepaar Rucks

Ein „Stein“ habe zuletzt gefehlt in der Gemeinde, die eigentlich kontinuierlich im Umbau begriffen sei, sagte Kirchgemeindepräsident Dr. Reto Steiner. Er spielte auf den Abschied von Pfarrerin Sabine Müller Jahn im September an; die Geistliche habe 20 Jahre lang in Langenthal gewirkt. Umso mehr freute es Steiner, dass nun zwei Menschen gekommen seien, die sich anschickten, die entstandene Lücke wieder auszufüllen.

Keine Traditionsverwalter

Einen Backstein überreichte der Kirchgemeindepräsident den beiden vormaligen Harpstedtern, denen der Ruf vorauseilte, keine Traditionshüter zu sein. Die Symbolik dahinter verschwieg er nicht. „Lasst euch als lebendige Steine in den Tempel einfügen, den der Geist Gottes baut!“, sagte Steiner. Mit Wünschen, die er auch als Bedingungen verstanden wissen wollte, „untermauerte“ der Geistliche seinen Appell. Er bat Hanna und Timo Rucks, die Verbindung zu Gott als den Gemeindearchitekten genauso zu suchen wie den Kontakt zur vorhandenen Gemeinschaft: „Ihr könnt noch so viel mit eurem Backstein machen. Wenn ihr ihn nicht mit den vorhandenen Steinen nutzt, wird dieses Haus nicht gebaut werden können.“

Einen Backstein mit Symbolkraft überreichte Reto Steiner. Screenshot: Bohlken
Einen Backstein mit Symbolkraft überreichte Reto Steiner. Screenshot: boh © -

Geht zu den Menschen, hört ihnen zu, nehmt sie ernst! Und macht, dass diese Kirche offene Türen hat!“ 

Reto Steiner zum Ehepaar Rucks

Ein weiterer Wunsch in bildhafter Sprache folgte: „Ein Haus, das einfach für sich steht, keine Türen und keine Fenster hat, mag zwar schön anzuschauen sein; es ist aber funktionslos. Auch eine Kirche braucht Türen und Fenster, braucht eine Funktion. Sie soll mitten in der Stadt stehen. (...) Sucht die offenen Türen und geht in die Stadt hinein! Denn Kirche, die mit sich selbst beschäftigt ist, hört auf, Kirche zu sein. Wir wünschen uns, dass ihr der Kirche eine Funktion gebt. Wir wissen, dass ein Architekt sie baut. Wir wissen aber auch, dass schlussendlich ihr diejenigen seid, die es ermöglichen, dass Kirche Kirche ist. (...) Geht zu den Menschen, hört ihnen zu, nehmt sie ernst! Und macht, dass diese Kirche offene Türen hat!“ Letztlich brachte Reto Steiner – wenngleich „durch die Blume“ – zum Ausdruck, dass die Gemeinde den Willen zur Eigeninitiative, aber auch zu Integration und Kooperation voraussetzt.

Frische Brötchen für die Neuankömmlinge

Pfarrer Rothacher, schon seit acht Jahren mit seiner Familie in Langenthal, überreichte dem Ehepaar Rucks mit seinen vier Kindern zwei Bücher aus der (spitzen) Feder von Lorenz Pauli mit Illustrationen von Kathrin Schärer als Begrüßungsgeschenk und verriet, die „doppelbödige, tiefgründige“ Lektüre bereite Kindern und Erwachsenen gleichermaßen Vergnügen. Als Zugabe legte er Knabbersachen und etwas zum Trinken für einen lauschigen Leseabend im Familienkreis drauf. Der Geistliche wandte sich an die Rucks-Kinder. Wenn deren Eltern keine Lust darauf hätten, Geschichten zu lesen, dürfe der Nachwuchs ihnen das nicht durchgehen lassen, sondern müsse erwidern: „Der Pfarrer hat es gesagt!“

Jo. Damit ist eigentlich alles gesagt. Wir sind nicht so geschwätzig wie die Süddeutschen.“

Timo Rucks

„Wir sind hier wirklich gut angekommen. Und auch gut eingezogen“, verriet Hanna Rucks der evangelisch-reformierten Gemeinde Langenthal. 275 Kisten hätten ausgepackt werden müssen. Eine Frau habe den Umzugswagen gesehen und den Neuankömmlingen daraufhin gleich frische Brötchen gebracht. „Hier wird für uns gesorgt“, dachte sich Hanna Rucks. Im Gottesdienst dankte sie, deren Wiege in der Schweiz stand, der Gemeinde für das entgegengebrachte Vertrauen – und dafür, „dass wir hierherkommen konnten“.

Vorfreude auf Jugendarbeit und Gottesdienste

Mit einem beherzten „Jo“ leitete ihr Mann seine Ansprache ein. „Damit ist eigentlich alles gesagt. Wir sind nicht so geschwätzig wie die Süddeutschen“, sorgte er für Erheiterung. Der erhaltene Backstein sei ein tolles Symbol. „Ich freue mich darauf, mit euch zusammen bauen zu dürfen, und weiß ganz genau, dass man mit einem Baustein nicht bauen kann. Das funktioniert einfach nicht“, erwiderte Timo Rucks auf die Worte Steiners. Er freue sich auf die Jugendarbeit. Und er liebe es, Gottesdienste zu feiern; wie der erste aussehen werde, den er nach eigener Kenntnis erst im April zu leiten habe, wisse er nicht. „Ich will es auch noch gar nicht wissen. Ich könnte natürlich sagen: ,Den Gottesdienst machen wir so, wie ich es mir immer vorgestellt habe.’ Aber nein, ich wünsche mir, dass wir ihn gemeinsam gestalten.“

 Hier wird für uns gesorgt.“

Hanna Rucks

Im weiteren Verlauf erklärte Timo Rucks, warum es ihn und seine Frau nach Langenthal verschlagen hat: „Letztlich, weil wir verheiratet sind. Wir haben sozusagen in unserem nicht geschriebenen Ehevertrag vereinbart, dass wir in Deutschland anfangen und dann irgendwann in die Schweiz gehen. Das war immer unser Plan.“ Auch Angehörige aus der Schweiz feierten den Gottesdienst mit, der auf den zwölften Hochzeitstag von Hanna und Timo Rucks fiel.

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