Harpstedt im Kirchengemeindelexikon

Spannender Streifzug durch die Jahrhunderte

1753 eingeweiht und zum 250-jährigen Bestehen renoviert: die Christuskirche in Harpstedt.
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1753 eingeweiht und zum 250-jährigen Bestehen renoviert: die Christuskirche in Harpstedt.

Harpstedt – Das online gestellte „Historische Kirchengemeindelexikon der evangelischen Landeskirche Hannovers“ (HKLH) verspricht „1800 Geschichten“. Das Kirchspiel Harpstedt kommt in dem Nachschlagewerk nicht zu kurz. Der Streifzug durch die Jahrhunderte von Dr. Wolfram C. Kändler (Landeskirchliches Archiv) dürfte auch für das von Günter Kastendieck und Friedrich zur Hellen betreute und gepflegte Archiv der Samtgemeinde Harpstedt im Amtshof von Interesse und Belang sein.

Die historische Betrachtung reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück, geht also deutlich über die rund 270-jährige Historie der Christuskirche hinaus.

Der Leser erfährt eingangs, Bischof Gerhard von Bremen habe 1242 bestätigt, dass mit Einverständnis des Harpstedter Priesters die Kirche in Wildeshausen (Bistum Osnabrück) „zukünftig Seelsorge und Amtshandlungen in einigen östlich der Hunte gelegenen Dörfern des Kirchspiels Harpstedt übernehmen“ solle – etwa Taufen, Krankenbesuche, Beerdigungen und das Spenden des Abendmahls. Die Einwohner sollten dennoch weiterhin zum „Unterhalt der ecclesie in Harpenstede“ beitragen.

Was heute eher wenig bekannt ist: In der Umgebung Harpstedts soll es in vorreformatorischer Zeit mehrere Kapellen oder Filialkirchen gegeben haben: St. Stephan in Horstedt, Heilig Kreuz in Groß Köhren sowie weitere in Groß Ippener und Kirchseelte. „In Harpstedt selbst“, so heißt es im Text, „besaß das Schloss eine Kapelle, und darüber hinaus bestand eine Annenkapelle“ – eine sogenannte „Einsiedelei“.

Brandschutz beim Kirchenneubau

Dass Harpstedts vorreformatorische Kirche 1626 einer Feuersbrunst zum Opfer fiel, sollte sich wiederholen: Der Große Brand von 1739 legte die Martinskirche in Schutt und Asche. Dieser Bau mit Rechteckchor und Westturm war 1628 eingeweiht worden. Aus den Bruchstücken der zuvor zerstörten Glocken goss der Bremer Glockengießer Paul Kolfe zwei neue. 1629 erhielt die Martinskirche eine kleine Orgel. Nach der Zerstörung des Gotteshauses vergingen 14 Jahre bis zur Einweihung der neu errichteten Christuskirche (1753). Beim 1742 gestarteten Bau galt es strenge Brandschutzvorschriften einzuhalten; die Obrigkeit hatte aus den Feuersbrünsten der Vergangenheit gelernt. Der Hannoveraner Ingenieurkapitän Ernst Braun konzipierte die T-förmige Barockkirche für das Kirchspiel Harpstedt. Sein Entwurf sah einen Vierungsturm mit geschwungener Haube vor. Hofarchitekt Johann Paul Heumann empfahl aber aus Kostengründen einen Westturm, der erst später errichtet werden sollte.

Gottesdienst im unfertigen Gotteshaus

Einen Gottesdienst in der noch unfertigen Christuskirche gab es im Juli 1747, rund vier Monate nach dem Richtfest. Nach Abschluss des Innenausbaus war für 1751 die Einweihung ins Auge gefasst. Warum sie zwei weitere Jahre auf sich warten ließ, lässt sich kaum mehr klären. Als Ursache vermuten Historiker die möglicherweise erforderlich gewordene Behebung von Baumängeln.

NS-Zeit wird nicht ausgeblendet

Viele Entwicklungen und Persönlichkeiten streift der lesenswerte Beitrag. Zur Sprache kommt auch der während der Nazi-Diktatur in den Suizid getriebene Pastor Adolf Schulz. „1936 verkaufte die Gemeinde die Synagoge, und 1940 mussten die letzten jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner Harpstedts nach Bremen umziehen“, heißt es im Text.

„Trümmerfeld kirchlichen Lebens“

Während der NS-Zeit hätten nacheinander die Pastoren Schulz (von 1931 bis 1935), Wilhelm August Schramm (bis 1938) und Werner Stein das Pfarramt in Harpstedt innegehabt. In die Amtszeit von Schulz fiel 1933 die Posaunenchorgründung. In einem „Fragebogen zur Geschichte der Landeskirche“ soll der Geistliche zugegeben haben, anfangs freundschaftlich zur NSDAP gestanden zu haben. Später schloss er sich aber der Hannoverschen Bekenntnisgemeinschaft an. Daraus resultierten Anfeindungen, Nazi-Schikane und schließlich der Freitod am 2. September 1935.

Gegensatz Kirche – Partei

Pastor Schramm sei indes, so Autor Kändler, bis 1937 Mitglied der SA gewesen – und der 1933 neu gewählte Kirchenvorstand zum Teil „aus parteipolitischen Gesichtspunkten“ zusammengesetzt gewesen. Die Mitglieder der NSDAP hätten dieses Leitungsgremium jedoch ab 1934 nacheinander verlassen. Nach Einschätzung von Pastor Stein habe es im Kirchspiel Harpstedt kein Gegenüber von Deutschen Christen und Bekenntnisgemeinschaft gegeben, sondern vielmehr einen „Gegensatz Kirche–Partei (Deutschglauben)“.

Als „Trümmerfeld kirchlichen Lebens“ bewertete der Superintendent des Kirchenkreises Syke das Kirchspiel Harpstedt nach einer Visitation im Jahr 1941.

Auf dem neuesten Stand

Die jüngere Geschichte kommt im Kändler-Text ebenfalls ausführlich zu ihrem Recht. Vom Verkauf der Dünsener Zufluchtskirche zwecks Generierung von Mitteln für die Renovierung der Christuskirche bis hin zur Anlegung des Christusgartens reicht die Bandbreite. Sogar die Baustellengottesdienste finden bereits Erwähnung. Abgebildet wird also auch der aktuelle Stand.

Grundlagenwerk und Hilfsmittel

Das „Historische Kirchengemeindelexikon der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers“ (HKLH) versteht sich als „Grundlagenwerk zur Geschichte der hannoverschen Landeskirche“. Voraussichtlich in vier Jahren wird die Arbeit daran vollendet sein. Das Lexikon erhebt den Anspruch, den „Gesamtbestand an Gemeinden“ zu dokumentieren, wichtige historische Daten zu nennen, Entwicklungen zu skizzieren und die Gemeindekirchen einschließlich ihrer künstlerischen Ausstattung, Orgeln und Glocken zu beschreiben. Es will allen Kirchengemeinden einen „kurzen Überblick über ihre Geschichte“ geben, zugleich aber auch ein „Hilfsmittel für Historiker, Heimatforscher, Genealogen und Mitarbeitende in den Gemeinden sowie der kirchlichen Verwaltung“ sein. Die enthaltenen Artikel fußen auf „Sekundärliteratur, edierten Quellen und ausgewählten Archivalien aus dem Bestand des Landeskirchlichen Archivs Hannover“. Sie fassen also in erster Linie den jeweiligen Forschungsstand zusammen.

Keinesfalls mache das Lexikon Forschungen zur lokalen Kirchengeschichte überflüssig, betont die Landeskirche. Das genaue Gegenteil sei der Fall: Das HKLH wolle weitere Forschungen anregen „und mit allem, was es nicht zu erzählen weiß, den Weg ins Archiv weisen“.

Das Essay zu Harpstedt im Internet:

kirchengemeindelexikon.de/einzelgemeinde/harpstedt/

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