Harpstedt: Friseurmeister legt Finger in die Wunde

Mit den Haaren wachsen die Sorgen – Wo der Staat versagt

Schmerzt zusätzlich: der Wegfall des Textilienverkaufs bei „Carpe Diem“ im Lockdown.
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Schmerzt zusätzlich: der Wegfall des Textilienverkaufs bei „Carpe Diem“ im Lockdown.

Harpstedt/Heiligenrode – Einen „Fahrplan“, der den Weg aus dem Lockdown zurück in die Normalität weist, wünscht sich Friseurmeister Dieter Augustin sehnlichst herbei. Doch bleibt weiterhin ungewiss, wann Frisiersalons wie „Carpe Diem“ in Harpstedt wieder öffnen dürfen. „Es gibt leider keine Information“, beklagt Augustin.

Grundsätzlich hat der Lockdown nach Einschätzung des 60-Jährigen seine Berechtigung. Gesundheit gehe eben vor. Wie der Staat aber aktuell mit den unter der Krise leidenden Selbstständigen umgeht, bringt Augustin in Rage: „Das Kurzarbeitergeld kommt zu spät. Für den letzten Monat des alten Jahres ist es jetzt erst gutgeschrieben worden. Für Januar ist noch nichts da“, kritisiert er.

Bei den Überbrückungshilfen sehe es nicht besser aus. Für Dezember sei bislang „kein Cent geflossen“. Hinzu komme: Die Beantragung sei enorm aufwendig, ein regelrechter Papierkrieg, und nur zusammen mit dem Steuerberater zu bewerkstelligen.

Wenn bürokratische Hürden nicht zügig abgebaut werden und das Geld nicht schneller fließt, droht nach Überzeugung von Dieter Augustin eine Welle von Insolvenzen – auch in der Friseurbranche.

Gute Erfahrungen im ersten Lockdown

Beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 seien die Erfahrungen mit den staatlichen Hilfen deutlich besser gewesen. „Das hat gut geklappt. Innerhalb von vier Wochen floss das Geld“, erinnert sich der 60-Jährige. Nun schon zum zweiten Mal über viele Wochen eine Zwangsschließung ohne Einnahmen zu überstehen, zehrt an der Substanz; daraus macht Augustin keinen Hehl. „Ich musste an meine Privateinlagen gehen. Sogar gewaltig. Ich habe notgedrungen eine Wohnung verkauft. Für unsere beiden Betriebe in Harpstedt und Heiligenrode fallen jeden Monat Kosten von mindestens 30 000 Euro an. Das muss erst mal bezahlt werden. Es ist zum Verrücktwerden. Gott sei Dank hat die Familie Alfken als Vermieterin in Harpstedt zugestanden, dass ich momentan nur noch die Hälfte der Ladenmiete zahlen muss. Ein solches Entgegenkommen gab es übrigens auch für den Salon in Heiligenrode“, berichtet der Friseurmeister. Die Belegschaft sei in Kurzarbeit. Entlassungen gelte es möglichst zu vermeiden, zumal es wohl sonst nach der Rückkehr zur Normalität ausgesprochen schwer fiele, wieder Personal zu generieren.

Ich musste an meine Privateinlagen gehen. Sogar gewaltig.

Dieter Augustin

Leider habe „Carpe Diem“ pandemiebedingt auch spürbar weniger Erlöse aus dem begleitenden Verkauf von Textilien erzielt, bedauert Augustin. „Kürzlich, im Verlauf der Inventur, habe ich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als ich realisierte, was noch alles an Warenbestand da ist. Weil so viele Feiern und Veranstaltungen abgesagt werden mussten und keiner mehr ausgehen konnte, haben wir 2020 deutlich weniger Mode für Damen und Herren abgesetzt. Wir sind auf vielen Sachen sitzen geblieben.“

So mancher flüchtet in die Schwarzarbeit

Gleichwohl: Angesichts von „40 Jahren in der Selbstständigkeit“ stünden Salons wie „Carpe Diem“ (vormals: „Der Frisör“) wirtschaftlich sogar vergleichsweise gut da. Kleine Betriebe, die noch nicht sehr lange existierten, hätten es schwerer. „Wie sollen die das schaffen? Woher sollen die das Geld haben?“, fragt sich Augustin und räumt ein: „Für sie ist es wirklich eine Katastrophe.“

Angesichts der desaströsen Lage kann es der 60-Jährige zwar nicht gutheißen, aber durchaus nachvollziehen, wenn Betriebe, die bereits mit dem Rücken zur Wand stehen, in der Schwarzarbeit einen Ausweg suchen, um zu überleben. Das sei ja letztlich dem geschuldet, was der Staat ihnen zumute.

Augustin weiß von etlichen Berufskollegen, „die am Stöhnen sind“. Nicht wenige hätten kräftig im Interesse ihrer Kundschaft in ihre Salons investiert. Bei „Carpe Diem“ sei – wie in der gesamten Branche – reichlich Geld zur Umsetzung des Hygienekonzepts in die Hand genommen worden. „Wenn wir’s machen, dann richtig“, sei die beherzte Devise gewesen. Augustin: „Wir haben eine Belüftungsanlage für einen besseren Luftaustausch eingebaut und sogar Glas- anstelle von Plexiglaswänden eingezogen.“

Von Jürgen Bohlken

Sie wünschen sich nichts sehnlicher, als wieder an die Arbeit gehen zu dürfen: Dieter Augustin (2.v.l.) mit der Belegschaft.

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