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Letztes Geleit mit Pferd und Wagen

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Von: Jürgen Bohlken

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Man beachte die damaligen Straßenverhältnisse: Aus der Amtsfreiheit in Harpstedt bewegt sich dieser Trauerzug, der nur aus Männern zu bestehen scheint, in Richtung Friedhof – vorneweg der umgebaute Landauer mit dem Sarg. Das Bild lässt sich zeitlich nicht genau einordnen, stammt aber noch aus der Ära, als der Harpstedter Landwirt Ferdinand Johannes sich ein Zubrot als „Leichenkutscher“ verdiente.
Man beachte die damaligen Straßenverhältnisse: Aus der Amtsfreiheit in Harpstedt bewegt sich dieser Trauerzug, der nur aus Männern zu bestehen scheint, in Richtung Friedhof – vorneweg der umgebaute Landauer mit dem Sarg. Das Bild lässt sich zeitlich nicht genau einordnen, stammt aber noch aus der Ära, als der Harpstedter Landwirt Ferdinand Johannes sich ein Zubrot als „Leichenkutscher“ verdiente. © Archiv Günter Wöbse

Harpstedt – Vorneweg ein umgebauter Landauer mit dem Sarg auf der Ladefläche, links und rechts daneben die Sargträger, im Gefolge eine Kutsche mit den Angehörigen, weitere Gespanne und eine mitunter sehr große Fußgruppe aus Trauernden: Das letzte Geleit zu Ehren eines Verstorbenen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich von heutigen Trauerzügen optisch schon deutlich unterschieden. Auch in Harpstedt.

Ein Totentransport zum Friedhof stellte den Leichenkutscher, das Pendant zum heutigen Leichenwagenfahrer, vor echte Herausforderungen. Unbefestigte Straßen gehörten genauso dazu wie die Unwägbarkeiten des Wetters.

Geschichten über seinen Opa Ferdinand Johannes und seinen Vater Otto Wöbse lassen Günter Wöbse (74) aus Harpstedt erahnen, wie schwer der Job gewesen sein muss. Der Großvater und auch der Papa, beide im Hauptberuf Landwirt (mit Hofstelle neben der heutigen Volksbank), haben diese Nebentätigkeit lange ausgeübt und Särge mit Verstorbenen aus den umliegenden Dörfern zum Harpstedter Friedhof gebracht. Die Hauptarbeit verrichteten dabei „echte PS“: Nicht Kaltblüter, sondern Hannoveraner zogen den Landauer. Nach ergiebigen Schneefällen kam statt des Wagens ein Schlitten für den Sargtransport zum Einsatz. Regelmäßig bekamen die Pferde neue Eisen mit eingearbeiteten Gewinden. „Der alte Willms aus der damaligen Schmiede an der Logestraße, Ecke Große Eßmerstraße, kam bei Bedarf zu uns und schraubte Stollen hinein“, erzählt Günter Wöbse. Das gab den Pferden bei Glätte mehr „Grip“.

Wenn Schnee lag und es einen Trauerfall in Harpstedt oder einem der umliegenden Dörfer gab, kam der Pastor zunächst zu uns ins Haus. Er setzte sich dann mit meinem Opa auf den Pferdeschlitten. Beide fuhren damit zum Trauerhaus. Dort folgte die Trauerfeier. Hinterher kam der Sarg auf den Schlitten.“

Günter Wöbse

Wöbses 1888 geborener Opa übernahm schon im frühen 20. Jahrhundert Totentransporte; Otto Wöbse führte dieses Gewerbe ab Winter 1947 fort – bis 1960. Auch Kranken- und Schwangerentransporte, etwa zu den Hospitälern nach Delmenhorst und Twistringen, die Beförderung von Post sowie Kutschfahrten anlässlich von Hochzeiten gehörten zu den Nebenerwerbsquellen.

Winter 1939/40: Mit dem schwer beladenen Schlitten erreicht hier Ferdinand Johannes das damalige Postamt in Harpstedt. Er hat die Post aus Bassum abgeholt. Derselbe Pferdeschlitten diente ihm nach ergiebigen Schneefällen auch als Kutschersatz für den Transport von Verstorbenen zum Friedhof. Das Bild hat Günter Wöbse, Enkel von Ferdinand Johannes, von Hermann Bokelmann erhalten.
Winter 1939/40: Mit dem schwer beladenen Schlitten erreicht hier Ferdinand Johannes das damalige Postamt in Harpstedt. Er hat die Post aus Bassum abgeholt. Derselbe Pferdeschlitten diente ihm nach ergiebigen Schneefällen auch als Kutschersatz für den Transport von Verstorbenen zum Friedhof. Das Bild hat Günter Wöbse, Enkel von Ferdinand Johannes, von Hermann Bokelmann erhalten. © -

„Wenn Schnee lag und es einen Trauerfall in Harpstedt oder einem der umliegenden Dörfer gab, kam der Pastor zunächst zu uns ins Haus. Er setzte sich dann mit meinem Opa auf den Pferdeschlitten. Beide fuhren damit zum Trauerhaus. Dort folgte die Trauerfeier. Hinterher kam der Sarg auf den Schlitten“, erzählt Günter Wöbse. Männer, die den Verstorbenen gut gekannt hätten, „standen vor den Häusern in schwarzen Mänteln, trugen Zylinder und reihten sich zu Fuß in den Zug ein“.

Der Landauer hatte ein Klappdach. Ein Kreuz konnte aufgesteckt werden. Der Schlitten war indes sogar mit einem Geläut versehen, das vor Totentransporten natürlich entfernt werden musste. Das Gefährt mitsamt Glöckchen hat Günter Wöbse 2021 der Koems-Fördergemeinschaft gespendet – für ihre ansehnliche Exponatensammlung in Scheunen auf Harpstedts Koems-Gelände.

Im Krankenhaus Verstorbene wurden manchmal zunächst vorab zum Trauerhaus gefahren. Der Pastor fuhr auch schon mal mit.“

Heinz Nienaber

Damit die beiden Pferde für den „Leichenwagen“ ruhig blieben, setzte sie Otto Wöbse bereits im Vorfeld eines Trauerzuges körperlicher Anstrengung aus, insbesondere im Winter. „Denn kamen sie nach längerer Zeit im Stall wieder raus, waren sie regelrecht aufgedreht. Oft derart, dass man sie so unmöglich für den Transport von Verstorbenen einsetzen konnte. Daher spannte mein Vater sie zunächst vor einen Gummiwagen, und dann ging’s im Arbeitsgeschirr gen Wohlde und zurück. Danach waren die Pferde zumindest ein wenig müde und deshalb viel ruhiger“, weiß Günter Wöbse.

„Leichenschlitten“-Reparatur während der Trauerfeier

Anlässlich einer Trauerfeier in Beckeln sei mal der zum Einsatz gekommene Pferdeschlitten unterwegs kaputtgegangen. „Erzählungen zufolge hat mein Vater den Pastor beim Trauerhaus abgesetzt und ist dann zwecks Reparatur zur Schmiede gefahren. Ein Nachbar soll immer hin und her geradelt sein, um zu gucken, wie weit die Arbeiten gediehen waren. Der Pastor musste die Feier ein bisschen in die Länge ziehen, bis der Schlitten wieder einsatzbereit war“, schildert Günter Wöbse. Laut Heinz Nienaber aus Groß Köhren dürfte sich diese Begebenheit Ende der 1940er-Jahre zugetragen haben; die Reparatur habe damals Dorfschmied Behrens ausgeführt.

Nach der Trauerfeier bei uns im Haus musste ein von Pferden gezogener Leichenwagen aus Wildeshausen zusätzlich kommen. Wir haben ja leider gleich zwei gebraucht.“

Günter Wöbse

Nienaber interessiert sich für die Beförderung von Verstorbenen mit Pferd und Wagen. Dieses Kapitel, so sagt er, gehöre schließlich auch zur ländlichen Kultur. „Von den Dörfern zum Friedhof waren schon mal zehn Kilometer oder noch längere Strecken zurückzulegen“, berichtet der Groß Köhrener, der sich auch selbst mit Günter Wöbse unterhalten hat. Dabei erfuhr er unter anderem, dass es – zugeschnitten auf die Beisetzungen – schwarze Winter- und Sommerdecken für die Pferde gab, auch in Netzform. „Im Krankenhaus Verstorbene wurden manchmal zunächst vorab zum Trauerhaus gefahren. Der Pastor fuhr auch schon mal mit“, weiß Nienaber. Die Trauerrede habe der Geistliche auf dem Hof der Hinterbliebenen gehalten, im Winter besonders gern auf der Diele – mittig zwischen den Viehställen. Im weiteren Verlauf habe der nächste Nachbar die Angehörigen zum Friedhof gefahren. Der Pastor habe auf einer anderen Kutsche eines Nachbarn Platz gefunden.

Mitschüler laufen von Ippener bis zum Harpstedter Friedhof

Nienaber hat zusätzlich Erinnerungen der inzwischen verstorbenen Seniorin Annemarie Schütte aus der Gemeinde Groß Ippener an deren Schulzeit aufgeschrieben, die zum Thema passen. Der Hintergrund war Anfang der 1930er-Jahre der Tod einer Mitschülerin gewesen. Nienaber fasst Annemarie Schüttes Schilderungen so zusammen: „Nach der Trauerfeier im Haus gingen die Mitschüler mitsamt Lehrer zu Fuß von Ippener bis zum Friedhof nach Harpstedt. Viele Nachbarn und Verwandte fuhren mit ganz einfachen Kutschen und von Pferden gezogenen Wagen im Schritttempo hinterher.“

Günter Wöbses Großvater Ferdinand Johannes verstarb am 25. Oktober 1957 – und dessen Frau Elisabeth nur zwei Tage später.„Beide wurden damals auf der Diele aufgebahrt. Nach der Trauerfeier bei uns im Haus musste ein von Pferden gezogener Leichenwagen aus Wildeshausen zusätzlich kommen. Wir haben ja leider gleich zwei gebraucht“, sagt Günter Wöbse.

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