Paolo Carpenedo will wachrütteln

Mahnende Botschaft zu Kindesmissbrauch

Hinschauen, wenn Kinder in Not Signale aussenden! Sich der Sackgasse bewusst werden, die den wehrlosen Opfern bei sexuellen Übergriffen droht! Diese Botschaft unterstreicht Paolo Carpenedo mit seinem Bild.
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Hinschauen, wenn Kinder in Not Signale aussenden! Sich der Sackgasse bewusst werden, die den wehrlosen Opfern bei sexuellen Übergriffen droht! Diese Botschaft unterstreicht Paolo Carpenedo mit seinem Bild (Foto bitte durch Anklicken unten rechts ganz öffnen).

Harpstedt – Schon seit Ende der 1970er-Jahre lebt Paolo Carpenedo in Harpstedt. Seine Wiege aber stand bei Venedig – in Italien, einem Land, wo gefühlt noch immer annähernd jeder katholisch ist. Der Opa, der ein ebenso erfolgreicher wie religiöser Geschäftsmann war, ließ sich sogar eine eigene Kapelle vor sein Haus bauen.

Sein Enkel, heute mit 76 Jahren selbst dreifacher Großvater, will der Kirche zwar nicht den Rücken kehren; warum weiterhin so viele Menschen austreten, kann Paolo Carpenedo aber nach all den Skandalen um sexuellen Missbrauch, nach all dem Vertuschen und dem Verschleppen der Entschädigungszahlungen an die Opfer sehr gut nachvollziehen.

Kirche „in Schieflage“

Die Kirche als eine Institution, die Halt gibt und Sinn stiftet? Dieses Bild sei ins Wanken geraten, sagt er – und zeigt auf den linken Bildrand eines selbst kreierten Acrylgemäldes: Das Gotteshaus dort steht schief. Natürlich nicht zufällig.

Der erste Blick des Betrachters fällt indes auf eine sich nach oben hin verengende Sackgasse, die den größten Raum einnimmt. Unten auf der Fahrbahn gehen zwei Kinder mit einem Fremden mit. Darüber schaut ein blondes Mädchen bedrückt drein. „Stop“ steht auf ihrem linken Handrücken geschrieben.

Ein weiteres Motiv im Motiv steht für eine Suchaktion in Mittel- oder Südamerika, wo nach Kenntnis Carpenedos, der selbst Verwandte in Brasilien hat, besonders viele Kinder mit ungewissem Schicksal verschwinden. Über dem ganzen Gemälde prangt eine Schlagzeile von einer „Thema des Tages“-Seite aus der Kreiszeitung: „Knapp drei Jahre Haft für Missbrauch“.

Straße ohne Ausweg

Das Acrylbild enthält, so scheint es, mehrere angedeutete Botschaften: Kritik an der Kirche, die sich schon länger den Vorwurf gefallen lassen muss, sexuell übergriffig gewordene Würdenträger vor Strafverfolgung zu schützen, und Verärgerung darüber, dass Täter immer noch zu glimpflich davonkommen, schwingen mit.

Was Paolo Carpenedo aber vor allem auf den Punkt bringen will, deutet die gemalte Sackgasse an: Mädchen und Jungen, die Opfer sexuellen Missbrauchs werden, finden sich auf einer Straße ohne Ausweg wieder. Die Rückkehr in ein unbeschwertes Dasein bleibt ihnen oft lebenslang verwehrt.

Gerade deshalb sei es so wichtig, hinzuschauen und hinzuhören, auf die Kinder aufzupassen und auf Signale zu achten, die sie in Notlagen aussenden, bekräftigt der Harpstedter. Die Coronazeit gab ihm einen zusätzlichen Grund, das brisante Thema aufzugreifen. Unlängst vom Bundeskriminalamt vorgestelltes Zahlenmaterial weist darauf hin, dass die Lockdowns Gewalt an Kindern befördert und massiv verschärft haben. Dabei lässt sich das Ausmaß des „Dunkelfeldes“ bestenfalls erahnen. Die Deutsche Kinderhilfe sieht bereits ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

Enkelin gibt Tipps zur Bildgestaltung

„Du hast das Thema dieser Zeit aufgegriffen“, bescheinigte Hans-Jürgen Jacob aus Brinkum seinem guten – langjährigen – Freund Paolo Carpenedo. Es sei ein schreckliches Thema, das sowohl im großen als auch kleinen Rahmen behandelt werden müsse. „Schrecklich deshalb, weil fast nichts getan werden kann, da wohl das meiste von dem Elend unentdeckt bleibt. Alle betroffenen Kinder sind hierbei die Verlierer. Die Strafen für die Taten sind viel zu gering. Das Drama ist, dass es weltweit die brutalen körperlichen und seelischen Verbrechen an den Schwächsten, den eigentlich zu schützenden Kindern, gibt“, bekräftigte Jacob in einem Schreiben.

Der Rentner, der früher als Projektleiter beruflich in Guyana zu tun hatte, bestärkte Carpenedo in seinem Ansinnen: „Wachrütteln, wachrütteln und nochmals wachrütteln! Das passiert noch viel zu wenig.“ Es müsse einfach besser hingeschaut werden. Darauf könne gar nicht oft genug aufmerksam gemacht werden.

Ich habe das Bild dreimal gemalt.“

Paolo Carpenedo

Eben gerade wegen dieser Intention wäre es alles andere als zielführend, das Bild im stillen Kämmerlein verstauben zu lassen. Carpenedo findet, dass es in die Öffentlichkeit gehört. Aber wie? Ließe sich vielleicht ein passender Ausstellungsort dafür finden? Würde es Sinn machen, das Original zu scannen und zu vervielfältigen, damit es Geschäfte und Einrichtungen, die sich das trauen, in Poster-Form aushängen könnten? Für ein Feedback und Anregungen wäre der Gelegenheitsmaler, übrigens auch Ehemann und vierfacher Vater, dankbar. Seine am vergangenen Sonntag konfirmierte Enkelin Mia Mailin hatte ihm übrigens Tipps zur Gestaltung des Bildes gegeben. „Ich habe es dreimal gemalt“, erzählt der 76-Jährige. Bei den ersten Versuchen habe er die Botschaft eine Spur zu krass und zu plakativ rübergebracht, gesteht er selbstkritisch ein.

Seine Tochter Sarah kümmert sich in Ostfriesland um in einem Heim lebende Jungen, die oft im eigenen familiären Umfeld Gewalt und sexuellen Missbrauch erlitten haben. Natürlich muss sie Verschwiegenheit über die Schicksale bewahren. „Sie erzählt mir sehr wenig“, sagt Paolo Carpenedo. Eine Ahnung, wie schwer traumatisiert die Jungen sein müssen, hat er gleichwohl.

Viele Italiener scheinen noch genauso gläubig zu sein wie die Menschen vor 100 Jahren.“

Paolo Carpenedo

Viele Landsleute in seinem Herkunftsland machen auf den 76-Jährigen den Eindruck, als seien sie noch genauso gläubig „wie die Italiener vor 100 Jahren“. Seine Tante Maria in Mailand sei das beste Beispiel. Sie habe erst kürzlich eine Generalaudienz des Papstes besucht.

Es fällt Carpenedo schwer, diese immer noch starke Bindung an die Kirche zu erklären, zumal auch ausgerechnet in dem Land, in dem die „Bambini“ den Familien über alles gehen, geistliche Würdenträger in Missbrauchsfälle verwickelt waren.

Die Skandale würden zwar viel weniger publik gemacht „als bei uns“; dass so viele Italiener schweigen, statt gegen die Missstände aufzubegehren, wundert Paolo Carpenedo aber schon.

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