Konzert-Testlauf

Ann Doka hält den Draht zum Harpstedter Publikum extrem kurz

Der Testlauf im „Liberty’s“ in Harpstedt für eine Minitournee zum Jahreswechsel läuft wie am Schnürchen: Singer-Songwriterin Ann Doka (2.v.l.) mit Regina Mudrich, Tjard Cassens (verdeckt) und Martin Zemke (v.l.). - Foto: Bohlken
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Der Testlauf im „Liberty’s“ in Harpstedt für eine Minitournee zum Jahreswechsel läuft wie am Schnürchen: Singer-Songwriterin Ann Doka (2.v.l., Bild bitte vergrößern) mit Regina Mudrich, Tjard Cassens (verdeckt) und Martin Zemke (v.l.).

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Als Ann Doka von einer mit nur 30 Jahren an Mukoviszidose verstorbenen Freundin erzählt, die ein lebensbejahender „Sonnenschein“ gewesen sei, macht sich Stille im „Liberty’s“ breit. Nicht nur die Geschichte geht zu Herzen und unter die Haut. Das nachfolgende Lied in Erinnerung an „Little Miss Sunshine“ rührt das Publikum. Es krönt ein leidenschaftliches Konzert voller Gefühl.

Die Singer-Songwriterin, inzwischen Bremerin, macht vieles richtig – im Studio wie auf der Bühne. „Bremen Eins“ ist auf sie aufmerksam geworden und spielt ihre Musik gelegentlich. Aus gutem Grund: Das aktuelle Album „Lost but found“ strotzt vor perfekten melodiösen Popsongs mit leichtem Country-Einschlag, die ins Ohr gehen und sich nicht schon nach dreimaligem Hören abgenutzt haben. Live klingen sie, weil anders instrumentiert und arrangiert, nicht wie die Studiofassungen, aber kein bisschen weniger hittauglich.

Angesichts von bis dato nur zwei gemeinsamen Proben mit Regina Mudrich (Violine), Martin Zemke (Bass) und Tjard Cassens (Cajon, Percussion) steht der Sängerin im „Liberty’s“ der „Schweiß auf der Stirn“, gibt sie zu. Aber der Testlauf in Harpstedt für eine Minitour, die am 6. Januar, 17 Uhr, auch ein Gastspiel in der Dreifaltigkeitskirche in Oldenburg-Osternburg beinhaltet, läuft wie am Schnürchen. Wer Amy Macdonald mag, könnte an Ann Dokas Musik Gefallen finden. Deren neue Titel „Make me fall“ und „Where you are“ lassen typisch Macdonaldsche Songstrukturen erkennen. Stimmfarblich aber offenbaren sich klare Unterschiede.

„Mein aktuelles Date sitzt im Publikum“

Die Harpstedter Zuhörerschaft ist in der Masse angetan von der 38-jährigen Country-Lady, die locker 14 Jahre jünger aussieht. Sie punktet mit umwerfendem Charme, einer Stimme, die – von zerbrechlich-verletzlich bis hin zu temperamentvoll explodierend – Emotionen in allen erdenklichen Facetten transportiert, und mit ihrer Musikalität. Ja, selbst mit sehr sympathisch rüberkommendem Mitteilungsbedürfnis. In Liedtexten und Anmoderationen lässt Ann Doka ihr Publikum Anteil an Glücksmomenten, Hoffnungen, Enttäuschungen und menschlichen Verlusten haben. Mit zunehmender Konzertdauer schmilzt das redensartliche „Eis“ komplett weg.

Die vom Main an die Weser „umgesiedelte“ Musikerin und Kommunikationstrainerin verneigt sich vor ihrem niederländischen Vorbild Ilse DeLange – mit einem Cover von „Flying blind“. Sie schwärmt von Nashville. Dort habe sie drei Songs für eine EP eingespielt. Zudem ein Duett mit Brooks West, das „spätestens im März“ erscheinen solle. Eine Freundin habe ihr „viel Glück“ für ihren Auftritt in Harpstedt gewünscht, ihr aber zugleich ans Herz gelegt, einfach mal nichts zu sagen, wenn sie „Where you are“ spiele, erzählt Ann Doka. Warum? „Weil hier mein aktuelles Date im Publikum sitzt“, plaudert sie aus dem Nähkästchen. Darauf erntet sie die neugierige Frage „Ist das der, der da immer so pfeift?“ als Reaktion – und schlägt den guten Rat ihrer Freundin prompt in den Wind. „Where you are“ sei das Lied gewesen, das „mich nach Bremen gebracht hat“, und zwar im Glauben, dort die große Liebe gefunden zu haben. Doch das muss wohl ein Trugschluss gewesen sein. „Ich habe lange überlegt, ob ich das Stück bringen soll. Ich finde den Song aber sehr schön. Selbst wenn Liebe manchmal scheitert: Man muss es trotzdem probieren“, philosophiert die Songschreiberin, die ursprünglich aus der „Frankfurter Ecke“ stammt. Die Textzeile „Home is where you are“ würde sie heute nicht mehr so formulieren. „Man muss bei sich selbst zu Hause sein“, lautet das Credo der erklärten „hoffnungslosen Romantikerin“.

„Dirty Dancing“ habe sie zehnmal gesehen. Der Film „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, mindestens genauso romantisch, verhalf dem Titel „Boom Clap“ mit in die Charts. Dass es sich dazu bestens im Takt von Queens „We will rock you“ stampfen und klatschen lässt, nutzt Ann Doka für eine „Mitmacheinlage“. Den Draht zum Publikum hält sie extrem kurz.

„Da steckt zu viel Anklage drin“

„The Lemming Club“, die vielleicht kraftvollste Nummer von der neuen Scheibe, spart sie sich für Konzertteil zwei auf. Ebenso „You gonna make me lonesome when you go“. Dieses Stück bewegt sich näher an Country als an Pop. Es ist so brandneu, dass die Sängerin den Text noch vom Blatt ablesen muss.

Weil eine enge Freundin sehr lange nicht von sich hören lassen habe, sei in Wut über die Enttäuschung das Lied „We’re not talkin’ like before“ (Wir reden nicht mehr wie früher) entstanden, gibt Ann Doka preis. Ein guter Freund habe aber nach dem Probehören bemängelt, das stecke „zu viel Anklage“ drin. „Also habe ich das Lied komplett umgeschrieben.“ Jetzt heißt es „Talkin' like before“ – und ist „für eine andere Person bestimmt“. Die melancholische Note ist geblieben. Nach zwei Stunden bester Unterhaltung haben die Zuhörer mitnichten genug. Im Zugabeteil erwähnt die Wahl-Bremerin, in ihrer Jugend sei sie lange in John Denver vernarrt gewesen. Mit dessen „Living on a jet plane“ endet ein an Musik und Geschichten reicher Abend.

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