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Von den Lügen vermeintlicher „Erlöser“

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Von: Jürgen Bohlken

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Eine gespenstische Atmosphäre umgab Thomas Darchinger beim Lesen aus Solly Ganors Kindheitserinnerungen an die Shoa. Diktatoren suchten sich einen inneren Feind, „um das zu machen, was sie machen wollen“, lautete eine seiner Kernbotschaften an die Schülerinnen und Schüler.
Eine gespenstische Atmosphäre umgab Thomas Darchinger beim Lesen aus Solly Ganors Kindheitserinnerungen an die Shoa. Diktatoren suchten sich einen inneren Feind, „um das zu machen, was sie machen wollen“, lautete eine seiner Kernbotschaften an die Schülerinnen und Schüler. © Bohlken

Harpstedt – Solly Ganor ist gerade mal 13 Jahre alt, als deutsche Truppen im Sommer 1941 in seine litauische Heimatstadt Kaunas einfallen und ihm die Kindheit rauben. Im Unterschied zu sechs Millionen anderen Juden überlebt er die Shoa. Bevor der renommierte Schauspieler und Grimme-Preisträger Thomas Darchinger am Donnerstagmorgen vor den Acht-, Neunt- und Zehntklässlern der Oberschule Harpstedt aus Solly Ganors unter dem Titel „Das andere Leben“ veröffentlichten Kindheitserinnerungen an den Holocaust las und dem jungen Publikum mit eindringlicher Betonung und Gestik eiskalte Schauer über den Rücken jagte, wandte er sich mit einer eindringlichen Botschaft an sie.

Er mahnte, sich auch in Zeiten von Inflation, Klimawandel und anderen Krisen nicht einlullen zu lassen von vermeintlichen „Erlösern“, die einfache Antworten auf komplexe Fragen geben. Hinter deren Versprechen und geheuchelten Wahrheiten steckten große Lügen, die nur dem Zweck dienten, an die Macht zu kommen. „So wie damals“, spielte Darchinger auf 1933 an. Adolf Hitler erwähnte er in diesem Zusammenhang nicht, aber jeder in der Aula wusste, wer gemeint war, als der Schauspieler die Machtergreifung streifte: „Als er gewählt war, hat er als Allererstes die freien Wahlen abgeschafft.“

Der Polizist als Teil des Machtapparates

Die Demokratie sei nicht „das Versprechen des Paradieses“. Was aber Diktatur heißt, machte Darchinger überdeutlich. Er sprach einen Schüler an, der ihm verriet, er stehe auf Deutschrap. „Du gehst schlecht gelaunt zur Schule, weil du weißt, dass dich dort eine Veranstaltung erwartet, auf die du keinen Bock hast. Deswegen setzt du deinen Kopfhörer auf und hörst Deutschrap. Das aber tust du, mal angenommen, in einem Deutschland, in dem wir diesen Fehler gemacht und diesen Typen gewählt haben, der uns so viele Versprechungen gemacht hatte. Unser Land verändert sich. Vor ein paar Monaten fing es an. Plötzlich gibt es ganz viele Verbote, und man weiß gar nicht mehr, welche neu auf den Markt gekommen sind“, schweifte Darchinger nur scheinbar ab, um sich sofort wieder dem Deutschrap hörenden Schüler zu widmen. Der Schauspieler malte sich aus, was wohl in einer Diktatur passierte, wenn dem Jungen ein Polizist entgegenkäme. Der Ordnungshüter, der bislang letztlich doch dafür sorgte, „dass sich nicht das Unrecht durchsetzt“, sei nun Vergangenheit. „Der Polizist kommt auf den Jungen zu, bleibt vor ihm stehen, nimmt ihm den Kopfhörer ab und hört kurz rein in die Musik. Dann lässt er den Kopfhörer fallen und tritt ihn mit seinen Stiefeln kaputt. Der Schüler beschwert sich. Vielleicht will er noch sagen, er habe den Kopfhörer zum Geburtstag bekommen, aber dazu kommt er gar nicht mehr. Denn der Polizist hat seinen Knüppel ausgepackt. Damit drischt er dem Jungen voll ins Gesicht. Immer wieder. Und als der Schüler am Boden liegt, tritt der Kerl mit seinen Polizeistiefeln auf seinen Schädel ein, um sicher zu gehen, dass der Junge nie wieder aufstehen wird.“ Die erdachte Geschichte mit einem sehr klaren Bezug zur realen Geschichte Deutschlands in der NS-Zeit endet mit einem höhnischen Kommentar des Beamten, der nun den blanken Terror verkörpert: „Deutschrap ist seit gestern verboten!“

Ein Regime, das innere Feinde braucht

Mit Totenstille quittierten die Jugendlichen in der Pausenhalle das Gehörte. Die Nationalsozialisten hätten nicht nur die Juden als inneren Feind benannt, macht ihnen Darchinger klar, sondern auch andere Bevölkerungsgruppen – bis hin zu Menschen, die in ihren Augen „die falsche Musik hörten“.

Den Leidensweg von Solly Ganor zeichnete der begabte Rezitator schon zum dritten Mal in der Oberschule anhand von dessen Erinnerungen nach – in Gestalt eines preisgekrönten Live-Hörspiels. Diesmal allerdings kamen die teils schrillen Klänge, die Henning Lohner dazu komponiert hatte, aus der Konserve. Das tat der Intensität der Aufführung aber keinen Abbruch.

Solly Ganor ist mit 93 verstorben

Die Geschichte von Solly Ganor: Er wird mit seiner Familie ins Ghetto getrieben und muss zusehen, wie die Nationalsozialisten Verwandte und Freunde selektieren oder aber auf der Stelle ermorden. Er lernt zu überleben, ist innerlich aber schon hundert Tode gestorben, noch ehe er nach der Auflösung des Ghettos 1944 ins Lager Stutthof bei Danzig und von dort in ein Außenlager des KZ Dachau deportiert wird. Inmitten einer bayerischen Bilderbuchlandschaft erfährt er im Lager X in Utting am Ammersee am eigenen Leibe, was die Nazis unter „Vernichtung durch Arbeit“ verstehen. Vor den anrückenden Alliierten wird er mit den wenigen noch lebenden Häftlingen auf einem der berüchtigten Todesmärsche in Richtung Alpen getrieben. Unterwegs befreien ihn amerikanische Soldaten.

Seine Erinnerungen zeugen vom Leid eines gejagten Jungen, der 50 Jahre lang schwieg, ehe er sich mit kraftvoller Sprache zu Wort meldete – mit der Stimme aus „einem anderen Leben“.

Im Unterschied zu Millionen Leidensgenossen entging Solly Ganor der NS-Mordmaschinerie. Er wurde 93 Jahre alt und verstarb im August 2020 in der Nähe von Tel Aviv. Die KZ-Gedenkstätte Dachau hält weiterhin die Erinnerung an den Holocaust-Überlebenden wach – wie auch Darchinger mit seinen Rezitationen vor Schülern.

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