Museumsdorf Cloppenburg eröffnet „Sonnenstein“

Disco-Projekt lässt Gelder sprudeln

Im Disco-Fever: Museumsdirektorin Julia Schulte to Bühne, die ehemaligen „Sonnenstein“-Betreiber Gunda und Klaus Sengstake sowie Björn Thümler (v.l.), niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur.
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Im Disco-Fever: Museumsdirektorin Julia Schulte to Bühne, die ehemaligen „Sonnenstein“-Betreiber Gunda und Klaus Sengstake sowie Björn Thümler (v.l.), niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur.

Cloppenburg/Harpstedt – „Zweites Leben“ für den „Stein“ im Museumsdorf Cloppenburg? Als unsere Zeitung diese Frage im Oktober 2015 aufwarf, glaubte der damalige Museumsdirektor Dr. Uwe Meiners „mangels Masse“ selbst nicht so recht daran, dass sein schöner Plan aufgeht. Und jetzt, nur knapp sechs Jahre später? Die Geldgeber gaben gern, und die ehemals auf dem Harpstedter Koems-Gelände beheimatete Kultdisco „Zum Sonnenstein“ mit Bistro hat tatsächlich nach ebenso aufwendiger wie aufsehenerregender Umsetzung und Herstellung des Originalzustands im Museumsdorf Cloppenburg ein neues Zuhause gefunden.

Dieses Museumsstück mit Erlebnis- und Erinnerungswert atmet Jugendkultur und bahnt als erstes Projekt den Weg für einen ganz neuen Museumsabschnitt zu den Nachkriegsjahrzehnten.

Tresen, Hocker, Tanzfläche, Lichtanlage, Plattenspieler, Mischpult, Flaschen, Gläser, Aschenbecher, Discokugel, Tapeten – alles steht, hängt und liegt wieder an seinem angestammten Platz. Davon zeigte sich am Freitagnachmittag während der offiziellen Eröffnung auch Björn Thümler, niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur, tief beeindruckt.

Flotte Show anstelle von drögen Reden

Die Feierstunde mit mehr als 120 geladenen Gästen kam wohltuend anders daher – als flotte Show ohne langatmige Reden. Bremen-Eins-Radiomoderator Dirk Böhling führte durchs Programm. Disco-Mucke füllte die Pausen zwischen Interviews mit DJs wie „Potter“ (Uwe Geppert) und Hans Freitag, Museumsdirektorin Julia Schulte to Bühne oder auch den früheren „Stein“-Betreibern Gunda und Klaus Sengstake.

Böhling nannte alle Förderer des Disco-Projektes im Schnelldurchlauf. Ein kurzer Film erinnerte an die spektakuläre „Translozierung“ des Gebäudes von Harpstedt nach Cloppenburg.

Nicht mit so viel Cola!

Hans Freitag (über seine Vorlieben bei Mixgetränken)

Der Minister verriet auf der Tanzfläche (dieses Interview wurde im Zelt auf Großleinwand übertragen), er selbst habe sich früher gern vorm Tanzen gedrückt. Ob er manchmal gleichwohl Lust darauf verspürt habe? „Das kam auf die Musik an“, so Thümler. Befragt nach Mixgetränken, die er im „Stein“ genossen habe, erwiderte der ehemalige DJ Hans Freitag, worauf es ihm dabei ankam: „Nicht mit so viel Cola!“ Die Ex-Betreiber hatten sich ihr früheres zweites Zuhause schon vor der Eröffnung angeschaut. „Ich hatte Tränen in den Augen“, gestand Gunda Sengstake. Ihr Mann Klaus findet es toll, dass nun auch die Jugend im Freilichtmuseum einen Eindruck davon bekommt, wie und wo die Eltern früher gefeiert haben und wo sich sogar manche Liebe fürs Leben anbahnte.

Mir ist ein Riesenstein vom Herzen gefallen.“

Julia Schulte to Bühne

Während der „Stein“ wie neu aussieht, nagt an anderer Stelle im Freilichtmuseum der Zahn der Zeit. Aus dem Giebel der alten Schmiede sind Ziegel herabgefallen. Eine notdürftige Plane über der Flechtwerk-Scheune des Hoffmanns-Hofes verhindert, dass es durchs marode Reetdach regnet. Der sichtbar werdende Verfall an vielen der 53 Gebäude aus 16 Landkreisen wird jetzt gestoppt: Zum ersten Mal haben Land und Bund einen üppigen Sanierungsetat bereitgestellt und damit einen „Geburtsfehler“ der Stiftung behoben: Geld für Reparaturen und Ausbesserungen im Stil waren schlichtweg nicht vorgesehen gewesen. Das hat sich mit Zusagen von Wirtschaftsminister Bernd Althusmann und Wissenschaftminister Thümler geändert: Das Land hält mit 2,4 Millionen Euro gegen, wenn der Bund drei Millionen Euro überweist.

Alleinstellungsmerkmal für Freilichtmuseum

„Mir ist ein Riesenstein vom Herzen gefallen“, gestand Direktorin Julia Schulte to Bühne am Donnerstagmittag. Nun könne das „Flaggschiff der Museen in Niedersachsen“ auf Dauer flott gemacht werden, sagte Landrat Johann Wimberg, Vorstandssprecher der Stiftung Niedersächsisches Freilichtmuseum. Seinen Angaben zufolge war lange und zäh um den überfälligen Sanierungsschub gerungen worden. Mit Wimberg und Schulte to Bühne putzten der Vechtaer Landrat Herbert Winkel und der Cloppenburger Bürgermeister Dr. Wolfgang Wiese etliche Klinken, bis in den Ministerien die Erkenntnis reifte: Es geht um eines der größten mitteleuropäischen Freilichtmuseen, das seinen Fokus nun auf die regionale Kultur der Nachkriegszeit legt. Aufgemerkt – und hier schließt sich der Kreis – haben die Minister und ihre Spitzenbeamten offenbar auch, weil die Disco „Zum Sonnenstein“ ein absolutes Novum in der musealen Landschaft bedeutet: Diese Art, dörfliche Freizeitkultur der 70er-/80er-Jahre abzubilden, bietet kein anderes europäisches Freilichtmuseum.

Gleichwohl solle und müsse der alte „Museumsdorfkern“ erhalten werden, so Wimberg. Dazu reicht es aber nicht, Dächer zu reparieren, sondern es bedarf auch Infrastruktur der simpelsten Art – etwa eines funktionierenden Elektronetzes, das ausreichende Beleuchtung erlaubt – etwa für späte Gäste.

Am Sonnabend tanzen die Harpstedter

600.000 Euro müssen noch aufgebracht werden: 432.000 Euro vom Kreis Cloppenburg, 120.000 Euro von der Stadt Cloppenburg und 48.000 Euro vom Kreis Vechta. Wimberg: „Das ist eine Aufgabe der Region.“

Im „Sonnenstein“ folgt indes nun sozusagen „Runde zwei des Eröffnungsrituals“: An diesem Sonnabend dürfen dort (angemeldete) Harpstedter tanzen – gesittet in Kleingruppen und mit Zeitlimit. Unsere Zeitung kommt am Montag auf die Eröffnung zurück.

Von Jürgen Bohlken und Hubert Kreke

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