Vor 25 Jahren „Bürgerstuben“ übernommen

Ruhestand rückt für Gisela Guhlke näher

Alles muss raus: Auch von dieser dekorativen Nähmaschine will sich Gisela Guhlke trennen (Bild durch Anklicken unten rechts bitte ganz öffnen).
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Alles muss raus: Auch von dieser dekorativen Nähmaschine will sich Gisela Guhlke trennen  (Bild durch Anklicken unten rechts bitte ganz öffnen).

Harpstedt – Als ehemalige Außendienstlerin Fuß in der Harpstedter Gastronomie zu fassen, fiel Gisela Guhlke (76) schwer. Nicht vergessen hat sie eine abfällige Bemerkung, die vor 25 Jahren fiel, nachdem sie die bis dato von Änne und Friedel Schumacher bewirtschafteten „Bürgerstuben“ erworben und übernommen hatte – zusammen mit Manfred Peters, einem guten Freund, als Partner. „Die sind wir in zwei Jahren wieder los“, habe es geheißen.

Als sich die gebürtige Bremerin beruflich neu orientierte, dachte sie vor allem an ihren Sohn Marco, der nach einem schweren Verkehrsunfall wochenlang im Koma lag und dann zunächst im Rollstuhl saß. Sie ahnte, dass er nicht allein würde wohnen können und zeitlebens Hilfe braucht. Ihr Job musste sich mit seinen Bedürfnissen vereinbaren lassen.

Der Umstieg auf Gastronomie in den „Bürgerstuben“ machte das möglich. Dort leben Mutter und Sohn nach wie vor unter einem Dach. „Die Ärzte sagten, Marco habe den Unfall nur überlebt, weil er damals so jung gewesen sei“, erinnert sich Gisela Guhlke. Körperlich rappelte sich ihr Sohn wieder auf. Sein Kurzzeitgedächtnis aber blieb nachhaltig geschädigt. Der heute 55-Jährige geht gleichwohl schon seit 24 Jahren einer geregelten Arbeit nach – bei der seit 2013 zur Fricke-Gruppe gehörenden Hofmeister & Meincke GmbH in Bremen, einem Handelsunternehmen für Nutzfahrzeug- und Fahrzeugbauteile. Mit dem Linienbus pendelt er zwischen Wohnort und Arbeitsstätte hin und her.

Einst nur eine Toilette für acht Fremdenzimmer

Am 10. Mai 1996 begann für Gisela Guhlke der Quereinstieg als Gastronomin in Harpstedt. Manfred Peters hatte sich bei Umbau und Renovierung ins Zeug gelegt. Es gab wirklich viel zu tun. Eine Heidenarbeit bereitete dem handwerklich geschickten Peters allein schon die Schaffung zusätzlicher Toiletten. „Nur eine war für acht Fremdenzimmer vorhanden“, weiß Gisela Guhlke.

Der Pensionsbetrieb wirft in Coronazeiten deutlich weniger ab. Das Frühstücksangebot war schon weggefallen, als die Nachfrage danach zurückging. In der Vergangenheit zeigte sich die heute 76-jährige Gastronomin schon mal kooperativ, wenn die Samtgemeinde Harpstedt dringend Unterkünfte für sozial Schwache benötigte. Die Erfahrungen damit sind ein Kapitel für sich.

Monteure darf Gisela Guhlke auch im Lockdown beherbergen, Doppelzimmer indes nur noch mit Einzelpersonen belegen. „An privat“ vermieten geht weiterhin nicht. Geburtstagsgesellschaften mit Kaffee und Kuchen bewirten – das fällt als Einnahmequelle ebenfalls weg. Die Pandemiefolgen lassen den Kontostand schrumpfen.

Harpstedter hat Kaufinteresse gezeigt

In drei Jahren, wenn die Immobilie abbezahlt ist, will Gisela Guhlke aufhören und das Gasthaus nach Möglichkeit veräußern. Ein Harpstedter habe, so berichtet sie, sogar schon Kaufinteresse bekundet – in der Absicht, das Gebäude weiterhin gastronomisch zu nutzen. Ein so großes Haus allein zu bewirtschaften, wird der 76-Jährigen allmählich zu viel, obgleich sie sich bester Gesundheit erfreut und fest davon überzeugt ist, „mindestens 90“ zu werden. Dass nach Corona alles wieder so werden könnte wie vorher, vermag sie kaum zu glauben.

Schon jetzt beginnt Gisela Guhlke damit, sich von Unmengen von Inventar zu trennen, das sie nicht mehr benötigt, darunter Möbel, Porzellan und Gemälde, sogar ausgemusterte Garderobe. Wer zum Stöbern kommen möchte, darf sich nach Terminabsprache gern umschauen.

Als Lebensmittelpunkt hat die gebürtige Bremerin Harpstedt längst schätzen gelernt. Sie kann sich gut vorstellen, sich hier zu gegebener Zeit eine passende Wohnung für den Ruhestand zu suchen.

Rückschläge sind nicht ausgeblieben

Dabei war der Start in der Wahlheimat ausgesprochen steinig gewesen. Den Saalbetrieb für Hochzeits- und andere Gesellschaften fortzuführen, bot sich an.

Mit Manfred Peters (3.v.l.) als Partner übernahm Gisela Guhlke (4.v.l.) die „Bürgerstuben“ 1996 (Bild durch Anklicken unten rechts bitte ganz öffnen).

Für Trauerfeiern schien die Lage in direkter Friedhofsnähe ideal zu sein. Tatsächlich hat Gisela Guhlke damit nach eigenem Bekunden gut verdient. Eine unschöne Erinnerung knüpft sie an eine Trauerfeier für 100 angemeldete Personen. Deutlich mehr Gäste kamen. Für ihre Bemühungen, nach Kräften zu improvisieren, um alle gut zu bewirten, erntete Guhlke aber kein Lob, sondern Undank und Kritik. Einen Shitstorm würde man das heute wohl nennen.

Rückschläge und Pech begleiteten gerade die frühen Jahre in der Gastronomie. An den Versuch, das „Harpstedter Teehus“ in den „Bürgerstuben“ zu etablieren, erinnert noch heute das Schild am Gebäude. Der erhoffte Erfolg blieb aus. „Gibt’s hier auch was anderes als Tee?“, bekam Guhlke zu hören. Unwillkürlich musste sie an die benachbarte Tankstelle denken. Dort hätte sich wohl niemand erkundigt, ob es etwas anderes als Kraftstoff gebe.

„Poseidon“ fand ein jähes Ende

Die Entscheidung in den späten 1990er-Jahren, an türkische Landsleute zu verpachten, sollte die Gastronomin bereuen: Das „Poseidon“, ein Fünf-Länder-Spezialitäten-Restaurant, wollte die Vier-Länder-Spezialitäten-Konkurrenz auf der gegenüberliegenden Straßenseite verdrängen, was krachend in die Hose ging. Das Lokal fand nach nur anderthalb Jahren ein jähes Ende. Ein vorsätzlich gelegter Schwelbrand verwüstete es. Brandbeschleuniger-Nachweis und zurückgelassener Benzinkanister sprachen eine deutliche Sprache.

Die „Poseidon“-Betreiber gerieten selbst für längere Zeit ins Visier der Ermittler. Doch der Verdacht habe sich, so der Kenntnisstand von Gisela Guhlke, nie zweifelsfrei beweisen lassen. Die Versicherung regulierte den erheblichen Schaden.

Gisela Guhlkes Pension fand in der Gastronomielandschaft ihren Platz. Der Name „Bürgerstuben“ blieb indes in den Köpfen ausgesprochen vieler Harpstedter.

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