Designierter Amtshofchef im Interview

Yves Nagel propagiert Dienstleistungsdenken statt „Lagerdenken“

Wir haben doch alle ein Ziel: das Beste für die Samtgemeinde und die Mitgliedsgemeinden herausholen zu wollen.
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Wir haben doch alle ein Ziel: das Beste für die Samtgemeinde und die Mitgliedsgemeinden herausholen zu wollen.

Harpstedt – Schon in gut einem Monat muss Herwig Wöbse seinen Platz im Harpstedter Amtshof räumen. Dann rückt Yves Nagel aus Dünsen als neuer Samtgemeindebürgermeister auf den Chefsessel. Im Interview mit unserer Zeitung hat er Fragen rund um seinen Amtsantritt beantwortet.

Frage: Sind Sie aktuell noch in der Bremischen Verwaltung tätig, Herr Nagel? Oder ist dieser Teil Ihrer beruflichen Laufbahn jetzt Vergangenheit?

Yves Nagel: Ich habe noch knapp zwei Wochen in Bremen zu arbeiten. Das erlaubt mir, ein wichtiges Projekt zu Ende zu bringen und ein paar Dinge weiterzugeben. Ein bisschen Abschied zu nehmen gehört natürlich auch dazu. Für den Rest der Zeit habe ich Urlaub und Freizeitausgleich.

Frage: Zur Vorbereitung auf die Aufgaben als Samtgemeindebürgermeister gehört die Kontaktaufnahme mit den Bediensteten im Amtshof, den Beschäftigten im Freibad, in den Kitas und auf dem Bauhof, ebenso mit Schulleitern, Vertretern aus den Mitgliedsgemeinden, den im Samtgemeinderat vertretenen Fraktionen, ferner Ortsbrandmeistern, Gemeindekommando, Ehrenamtlichen in Vereinen, Unternehmern, der Kreisverwaltung und so weiter. Im Wahlkampf haben Sie diesbezüglich schon „vorgearbeitet“. Wem müssen Sie sich noch vorstellen?

Wichtiger ist (...), dass ich mir zunächst einen guten Überblick verschaffe, bevor ich an Veränderungen denke. Ich bin lange genug in der Verwaltung, um zu wissen, dass ,Schnellschüsse‘ meistens in die Hose gehen.“ 

Yves Nagel

Yves Nagel: Die Vorstellung bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Samtgemeinde ist bislang nur zufällig erfolgt, wenn ich ihnen in anderen Funktionen begegnet bin. Zu sämtlichen Feuerwehren bestand zumindest telefonischer Kontakt; bei fast allen bin ich auch persönlich gewesen. Einige Bürgermeister kannte ich schon vorher; auch kenne ich die meisten Fraktionsvorsitzenden. Ein paar Vereine und Unternehmer standen auch auf meiner Besuchsliste. Die weiteren Kontakte ergeben sich sicher sehr schnell nach dem Amtsantritt.

Frage: Wann beginnt Ihre Einarbeitungsphase im Amtshof an der Seite von Herwig Wöbse?

Yves Nagel: Herwig Wöbse und ich haben uns bereits zu einem ersten persönlichen Gespräch getroffen. In der zweiten Oktoberhälfte wird sich der Kontakt zum Amtshof häufiger ergeben, aber richtig losgehen kann es natürlich erst ab dem 1. November. Herwig Wöbse ist genauso wie ich an einer geordneten Übergabe der Amtsgeschäfte interessiert. Dafür danke ich ihm herzlich.

Frage: Sie wollen die Kommunalverwaltung effizienter machen, haben Sie im Wahlkampf gesagt. Schließt das die Option struktureller Veränderungen ein?

Ich habe mich gleich zu Anfang meiner Kandidatur intensiv mit den Zuständigkeiten und mit den Finanzbeziehungen zwischen Samtgemeinde und Mitgliedsgemeinden beschäftigt. Manche Grenzen verlaufen sehr klar, andere verwischen umso mehr.“

Yves Nagel

Yves Nagel: Die Option besteht natürlich. Wichtiger ist aber, dass ich mir zunächst einen guten Überblick verschaffe, bevor ich an Veränderungen denke. Ich bin lange genug in der Verwaltung, um zu wissen, dass „Schnellschüsse“ meistens in die Hose gehen. Und Veränderungen gelingen auch nur, wenn man die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter frühzeitig beteiligt. Unabhängig von strukturellen Veränderungen wird mich daher einer meiner ersten Wege zu den Mitbestimmungsorganen führen.

Frage: Die Struktur einer Samtgemeinde ist bekanntlich eine sehr besondere. Die Mitgliedskommunen stellen Bebauungspläne auf, während Flächennutzungsplanänderungen der Samtgemeinde obliegen. Für Kultur,- Wirtschafts- und Fremdenverkehrsförderung gibt es klare Zuständigkeiten, obwohl solche Aufgaben doch eigentlich eher ein Miteinander erfordern würden. Die Haushaltsmittel der Samtgemeinde, die selbst keine Steuern einnimmt, speisen sich vor allem aus der Umlage der Mitgliedsgemeinden. Und um deren Höhe wird oft gerungen, zum Teil erbittert. Wie vertraut ist Ihnen das ganze Gebilde Samtgemeinde mittlerweile?

Yves Nagel: Ich habe mich gleich zu Anfang meiner Kandidatur intensiv mit den Zuständigkeiten und mit den Finanzbeziehungen zwischen Samtgemeinde und Mitgliedsgemeinden beschäftigt. Manche Grenzen verlaufen sehr klar, andere verwischen umso mehr. Auch hier ist es wichtig, miteinander zu reden, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Dazu gehört auch, Verständnis dafür zu schaffen, dass die Erfüllung der gesetzlichen Aufgaben immer mehr Geld verschlingt. Ein nicht zu unterschätzendes Thema für die Runde mit den Bürgermeistern der acht Mitgliedsgemeinden.

 Ich versuche, die Themen vom Ende her zu denken.“

Yves Nagel

Frage: Sie sind als parteiloser Kandidat in den Wahlkampf gezogen, haben sich aber in der Sozialamtsfrage auf die Seite von SPD und Grünen geschlagen. Wie politisch möchten Sie als Hauptverwaltungsbeamter mit Sitz und Stimme im Rat sein? Gibt es rote Linien, die Sie nicht überschreiten werden, weil Sie andernfalls den Vorwurf fürchten müssten, nicht „überparteilich“ zu sein?

Yves Nagel: Ich habe mich nicht auf die Seite von SPD und Bündnis 90/Die Grünen geschlagen, sondern meine Meinung vertreten und dazu auch Fakten benannt, die vorher nicht in die politische Diskussion eingeflossen sind. Ich versuche, die Themen vom Ende her zu denken. Beim Sozialamt bleibt da unter Einbeziehung des Landkreises und eines effizienten Verwaltungsvollzugs nur eine Lösung, und diese Lösung verträgt sich nicht mit der bisherigen Entscheidung des Samtgemeinderats. Mir geht es um sachlich begründete Entscheidungen, die ich gerne mit deutlichen Mehrheiten treffen möchte. Alle Fraktionen sind herzlich eingeladen, ihren Beitrag dazu zu leisten.

Wir hatten in der Samtgemeinde Harpstedt einen sehr fairen Wahlkampf. Warum sollte sich diese Fairness denn nicht im Samtgemeinderat fortsetzen? 

Yves Nagel

Frage: Haben alle Fraktionen Ihnen schon ihre Bereitschaft zugesichert, fair mit Ihnen zusammenzuarbeiten?

Yves Nagel: Manche müssen sich wohl noch mit dem Wahlergebnis der Kommunalwahl und aktuell der Bundestagswahl beschäftigen. Daher erwarte ich nicht jetzt schon entsprechende Aussagen der Fraktionen. Wir hatten in der Samtgemeinde Harpstedt einen sehr fairen Wahlkampf. Warum sollte sich diese Fairness denn nicht im Samtgemeinderat fortsetzen? Ich bin da durchaus sehr zuversichtlich.

Frage: Sind bereits politische Anliegen, nicht nur seitens Ihrer Unterstützer im Wahlkampf, an Sie herangetragen oder zumindest angedeutet worden?

Ich möchte die FDP jetzt nicht zum ,Königsmacher‘ emporheben, auch wenn sie rechnerisch für Mehrheiten jenseits der bisher dominanten Wählergruppen und Parteien sorgen kann.“

Yves Nagel

Yves Nagel: Die Glückwünsche zum Wahlsieg werden natürlich auch gerne mit dem Wunsch verbunden, die Belange der jeweiligen Interessensgruppen zu berücksichtigen. Konkrete politische Erwartungen wurden aber bislang nicht damit verknüpft. Das wäre wohl auch etwas verfrüht. Schließlich bin ich derzeit noch ein Bürger wie jeder andere auch.

Frage: Das Sozialamt ließe sich nur mit einer Mehrheit im Rat vollumfänglich nach Harpstedt „zurückholen“. Die künftige FDP-Fraktion könnte in dieser Frage – wie auch in anderen – zum „Zünglein an der Waage“ werden. Da wird vielleicht Überzeugungsarbeit nötig sein. Oder doch eher eine kluge Strategie?

Yves Nagel: Ich möchte die FDP jetzt nicht zum „Königsmacher“ emporheben, auch wenn sie rechnerisch für Mehrheiten jenseits der bisher dominanten Wählergruppen und Parteien sorgen kann. Es geht mir um sachliche Entscheidungen und möglichst breite Mehrheiten. Wir haben doch alle ein Ziel: das Beste für die Samtgemeinde und die Mitgliedsgemeinden herausholen zu wollen. Insofern sehe ich für die Umsetzung meiner Vorhaben gute Möglichkeiten, wenn sich die Politik nicht zu sehr auf striktes „Lagerdenken“ beschränkt.

Mein Eindruck ist, dass die Bürgerinnen und Bürger von Politik und Verwaltung mehr wahrgenommen werden wollen. 

Yves Nagel

Frage: Mit Herwig Wöbse als Samtgemeindebürgermeister ist manchen Mitbürgerinnen und Mitbürgern die Entwicklung der Samtgemeinde offenbar nicht schnell genug gegangen, obwohl sich etwa bei den Kitaplätzen oder im Schulbereich – Stichwort Erneuerung der naturwissenschaftlichen Räume in der Oberschule – ja durchaus was getan hat. Haben sich die Finanzen zu sehr als „Bremsklotz“ erwiesen?

Yves Nagel: Nein, das sehe ich nicht so. Sicher spielen knappe Kassen auch eine große Rolle, aber manche Dinge lassen sich auch mit geringen finanziellen Mitteln anschieben. Die Entwicklung der Samtgemeinde ist nicht nur eine Sache von Investitionen, sondern auch von Bürgerfreundlichkeit und Wertschätzung. Mein Eindruck ist, dass die Bürgerinnen und Bürger von Politik und Verwaltung mehr wahrgenommen werden wollen. Daher werden Transparenz und Dienstleistungsdenken wesentliche Säulen meiner Arbeit sein.

Sicher, es muss einiges investiert werden, um die Dinge auf dem Laufenden zu halten. Aber neue Schulden sind eine Hypothek für zukünftige Generationen.“

Yves Nagel

Frage: Freibadtechnikkeller, neue „Waldburg“, neue Feuerwehrhäuser und anderes mehr: Viele kostenintensive Vorhaben stehen bei engen Haushaltsspielräumen auf der Agenda. Muss sich die Samtgemeinde bei der Neuverschuldung einfach mal einen großen Schluck aus der Pulle gönnen, um mehr in kürzerer Zeit investiv auf den Weg zu bringen?

Yves Nagel: Sicher, es muss einiges investiert werden, um die Dinge auf dem Laufenden zu halten. Aber neue Schulden sind eine Hypothek für zukünftige Generationen. Das wäre verantwortungslos und verringert zukünftige Spielräume. Unser Bestreben muss es sein, durch schlüssige Konzepte hohe Fördermittelquoten zu erreichen. Der neue Landrat ist auf diesem Gebiet sehr gut aufgestellt, und die Landtagswahl im nächsten Jahr wird dafür sorgen, dass ausreichend Fördermittel zur Verfügung stehen. Auch neue Finanzierungswege, zum Beispiel mit der zu gründenden Harpstedter Energiegenossenschaft, bieten Alternativen zur Neuverschuldung.

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