Lange Debatte

Harpstedt braucht eine Wohn-Wende

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Neue Häuser sind nicht zwangsläufig die einzige Lösung für den Harpstedter Wohnungsmarkt – vor allem kleine Wohnungen fehlen.

Neue Baugebiete, mehr kleine Wohnungen oder eine stärkere Steuerung: Was nötig ist, um „bezahlbares Wohnen“ in Harpstedt zu ermöglichen, war die Kernfrage einer langen Debatte im Schul- und Sozialausschuss der Samtgemeinde. Ein Ergebnis: Die Gemeinden müssen einbezogen werden.

Harpstedt – Zum Tagesordnungspunkt „Bezahlbares Wohnen“ hatte der Schul- und Sozialausschuss der Samtgemeinde Harpstedt am Montagabend Benjamin Möller vom Kommunalverbund Niedersachsen/Bremen eingeladen. Schlaglichtartig benannte der 32-Jährige die zentralen Entwicklungen, die den Wohnungsmarkt in der Region um Bremen und speziell in Harpstedt prägen: Es gebe zu viele große und zu wenig kleine Wohneinheiten und bezahlbaren Wohnraum an zu wenig Orten.

Das Angebot sei nicht vielfältig genug – in der Samtgemeinde etwa gebe es nur gut 170 Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen, gebaut würden meist Einfamilienhäuser. „Die Wohnungsstruktur aktuell ist eher für die fünf- oder sechsköpfige Familie geeignet“, analysierte Möller. Dabei sinke die Zahl der Familienhaushalte. Immer mehr Menschen lebten allein oder zu zweit. Die Herausforderung sei, „guten Wohnraum für diejenigen bereitzustellen, die ihn brauchen – vor allem Ältere“. Gemeinden könnten etwa durch den Ankauf potenzieller Bauflächen oder freiwillige Vereinbarungen für sogenannten preisgedämpften Wohnraum steuernd eingreifen (siehe Kasten). Auch Wohnungen mit Sozialbindung, für die in der Samtgemeinde nur ein geringer Bedarf ausgerechnet worden sei, böten eine Mitsprachemöglichkeit.

Sozialdemokratin Saskia Kamp kommentierte: „Die Situation ist prekär und wird immer prekärer.“ Ihre Fraktion hatte im Antrag für den Tagesordnungspunkt den Zusatz „bezahlbar“ gewählt, um die Frage aufzuwerfen, wie es um verfügbaren und gegebenenfalls geförderten Wohnraum für Empfänger von Sozialleistungen, Geringverdiener oder Menschen in Alters- armut steht. Als bezahlbar gilt eine Wohnung, für die nicht mehr als ein Drittel des Netto-Einkommens gezahlt werden muss, erläuterte Möller. In der Samtgemeinde sei weniger der Mietpreis, der im Schnitt zwischen fünf und sechs Euro pro Quadratmeter liege, das Problem als das fehlende Angebot: „Der Markt ist leergefegt.“

„Wir brauchen überall Mehrfamilienhäuser“, sagte Samtgemeindebürgermeister Herwig Wöbse. Es sei aber zu bedenken, dass manche Nachbarn kein Mehrfamilienhaus wollten. Zugleich bedürfte es neuer Baugebiete – auch, weil viele ältere Häuser in schlechtem Zustand seien. Für deren Ausweisung seien jedoch die Mitgliedsgemeinden zuständig. Prinzipiell zeigte Wöbse sich zuversichtlich: „Es gibt auch in Harpstedt eine Bewegung in die richtige Richtung. Ob das ausreichend ist, vermag ich nicht zu beurteilen.“

Kamp warf Wöbse daraufhin vor, die Situation „runterdiskutiert“ zu haben. Der Ausschuss sei angehalten, sich um Menschen mit sozialem Bedarf zu kümmern, für die bestimmte Grenzen bei der Wohnungsgröße sowie dem Mietpreis gelten und die im Zweifelsfall belegen müssten, dass das Angebot nicht vorhanden sei. „Wie soll ich denn nachweisen, dass ich seit Jahren eine kleinere Wohnung in der Samtgemeinde suche und keine finde?“, fragte Kamp. Es sei sehr wohl möglich, bei diesem Thema auf die Mitgliedsgemeinden einzuwirken.

Bürgermeister Hartmut Post (CDU) berichtete aus Dünsen, dort würde der Bau von Mehrfamilienhäusern seit den 60er-Jahren zugelassen. 13 Gebäude mit 51 Wohnungen seien in Dünsen entstanden. Zögen Mieter aus, fänden sich aber nicht immer Interessenten aus dem Ort für die Wohnungen. Derzeit gebe es zudem nur noch kleine Bauplätze, auf denen jedoch häufig der Bau von Zweifamilienhäusern zugelassen sei. Post bezeichnete dies als „großen Fortschritt“.

Götz Rohde (Grüne), der als Vertreter für Uwe Cordes gekommen war, plädierte dafür, neue Modelle zu denken. Die Kommunen sollten gemeinsam mit dem Landkreis handeln und dieser wieder in den Besitz potenzieller Bauflächen kommen. Dann könne der Landkreis diese vorhalten und den Kommunen bei Bedarf zur Verfügung stellen. Eine andere Möglichkeit sei, den Bestand umzubauen und für Einfamilienhäuser „kreative Methoden zu entwickeln“.

Irene Kolb (Grüne) stellte klar: „Es geht nicht darum, ältere Menschen zu zwingen, ihr Haus aufzuteilen.“ Sie könne sich vielmehr ein Angebot vorstellen, bei dem Auszubildende mit Senioren zusammenleben und so beide Seiten profitieren könnten. Ihr Wunsch sei, gemeinsam mit dem Landkreis ein Infrastruktur-Konzept zu entwickeln, „damit wir das Ganze flächenschonend in den Griff kriegen“.

Am Ende der Diskussion beantragte Kamp, das Thema 2020 wieder aufzunehmen. Bis dahin will der Kommunalverbund einen „Methodenkoffer“ zur Entwicklung des regionalen Wohnungsmarkts erarbeiten. Zur Sitzung sollten dann auch die Mitgliedsgemeinden eingeladen werden, sagte Kamp, „um vielleicht gemeinsam eine Strategie zu erarbeiten“. Der Antrag wurde angenommen.

Beispiel aus dem Umland: Der Weyher Baulandbeschluss

Als innovatives Beispiel aus der Region nannte Möller den Baulandbeschluss, den die Gemeinde Weyhe (Landkreis Diepholz) im September 2018 gefasst hat. Dahinter stecken der Kauf von Potenzialflächen durch die Gemeinde sowie die verbindliche Einführung einer Quote für geförderten Wohnraum in neuen Baugebieten. 

Errichtet ein Investor Häuser, soll er 20 Prozent davon für mietpreisgebundenen Wohnungsbau zur Verfügung stellen. Bürger mit Wohnberechtigungsschein (B-Schein) können dort einziehen. Diesen erhielten auch Angehörige der Mittelschicht, zum Beispiel ein Ehepaar mit zwei Kindern und einem Jahresgehalt von 51.000 Euro, rechnete die Gemeindeverwaltung Weyhe im Herbst vor.

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