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Zwiegespräch Bokelmann/Güldner: Alte Schule und neue Sichtweisen

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Von: Jürgen Bohlken

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Auf Augenhöhe erörterten Thore Güldner und Hermann Bokelmann (von links) Themen an der Schnittstelle zur Landespolitik. Das Ortsschild aus Zeiten der Zugehörigkeit Harpstedts zum Kreis Grafschaft Hoya (im Hintergrund) hatte Bokelmann von Fleckenbürgermeister Stefan Wachholder zum 90. Geburtstag geschenkt bekommen.
Auf Augenhöhe erörterten Thore Güldner und Hermann Bokelmann (von links) Themen an der Schnittstelle zur Landespolitik. Das Ortsschild aus Zeiten der Zugehörigkeit Harpstedts zum Kreis Grafschaft Hoya (im Hintergrund) hatte Bokelmann von Fleckenbürgermeister Stefan Wachholder zum 90. Geburtstag geschenkt bekommen. © boh


Harpstedt – Der eine war SPD-Kreistagsfraktionsvorsitzender im früheren Kreis Grafschaft Hoya; der andere wirkt aktuell in selber Funktion im Kreis Oldenburg: Während eines Zwiegespräches zwischen Hermann Bokelmann (93) aus Harpstedt und Thore Güldner (26) aus Aschenstedt über Themen an der Schnittstelle zur Landespolitik sind am Dienstag unterschiedliche Temperamente zutage getreten. Alte Schule traf gewissermaßen auf neue Sichtweisen.

„Ich vermisse bei uns ein Kreisarchiv für die Heimatpflege wie im Nachbarkreis Diepholz. Das Geld müsste im Kreishaushalt vorhanden sein, zumal der Kreis Oldenburg ja auch das geplante, aber umstrittene Urgeschichtliche Zentrum als Museum der Stadt Wildeshausen unterstützen will“, formulierte Bokelmann eines seiner Anliegen.

Als ehemaliger SPD-Kreistagsfraktionsvorsitzender im früheren Kreis Grafschaft Hoya (von 1968 bis 1977) lag ihm an dem Gedankenaustausch – freilich nicht ganz ohne Hintergedanken: Güldner will es als SPD-Direktkandidat für den Wahlkreis 64 in den Landtag schaffen.

Bokelmann lenkte das Gespräch bewusst auf Harpstedt-relevante Themen, etwa auf die wachsende Waldbrandgefahr als Folge des Klimawandels. „In der Samtgemeinde liegen die größten Wälder unseres Landkreises. Landesinnenminister Boris Pistorius lässt moderne Feuerwehrfahrzeuge für Waldbrandeinsätze erproben. Eins davon ist in Barnstorf. Der Kreis Oldenburg hat leider keine Berücksichtigung gefunden“, so der 93-Jährige.

Er zitierte eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur, wonach 28 besonders finanzschwache Kommunen Geld für Investitionen in den Brandschutz erhalten. Dabei gehe es um insgesamt 16 Millionen Euro. Bokelmann regte an, der Landkreis möge sich beim Land für eine Unterstützung der sowohl finanzschwachen als auch waldreichen Samtgemeinde zwecks Sicherung des Brandschutzes einsetzen.

 „Diese Weitsicht sollte heute Nachahmung finden.

Herman Bokelmann

Nach der Kreisreform von 1977 habe der Oldenburger Kreisbrandmeister und CDU-Kreistagsabgeordnete Jan Fink für die kreisseitige Beschaffung eines Spezial-Tanklöschfahrzeugs zur Waldbrandbekämpfung (mit Allradantrieb und Unimog-Fahrgestell) für die Kirchseelter Feuerwehr gesorgt. „Diese Weitsicht sollte heute Nachahmung finden“, bekräftigte der Harpstedter.

Vom Klimawandel zur Gefahrenabwehr

Das Thema liege ihm persönlich am Herzen. Bokelmann streifte die Waldbrandkatastrophe in der Lüneburger Heide vom August 1975, die einige Einsatzkräfte das Leben kostete: „Ich habe erlebt, wie unser altes Tanklöschfahrzeug, Oma genannt, wieder in Harpstedt angeröchelt kam. Die Gesichter der zurückgekehrten Kameraden sprachen Bände. Heinrich Barlage klopfte auf den Kotflügel des TLF und sagte: ,Wenn wir unsere Oma nicht gehabt hätten, wären wir da nicht lebend rausgekommen.‘ Das habe ich später oft erzählt, um deutlich zu machen, dass Feuerwehr nicht nur aus Üben und Dienstalltag besteht. Im Einsatzgeschehen kann es plötzlich todernst werden.“

Wir dürfen nicht in eine Verbotskultur reinkommen, denn genau das halten uns ja heutzutage sehr viele Menschen vor.

Thore Güldner

Zur Eindämmung von Flächenbränden als Folge von Feuer fangenden Mähdreschern und Ballenpressen könnten im Übrigen auch Landwirte einen Beitrag leisten, indem sie an Waldgebiete grenzende Äcker „möglichst nicht mit Getreide, sondern etwa mit Mais oder Kartoffeln bewirtschaften“, gab Bokelmann zu bedenken. Die Entscheidungsfreiheit müsse den Bauern aber bleiben, entgegnete Güldner: „Wir dürfen nicht in eine Verbotskultur reinkommen, denn genau das halten uns ja heutzutage sehr viele Menschen vor.“

Feuerschutz und Löschwesen seien Aufgaben der Gemeinden. Gleichwohl dürften sich Land und Landkreis nicht aus der finanziellen Verantwortung stehlen. „Da müssen wir vielleicht auch mal alte, überholte Mechanismen aufbrechen. Wir reden immer von der Bekämpfung des Klimawandels, aber der ist ja de facto schon da. Wir müssen viel stärker unser Augenmerk auf die Bewältigung der damit einhergehenden Gefahren richten“, sagte der Aschenstedter. Und das schließe eben ein, für Flächenbrände besser gerüstet zu sein – nicht nur mit Blick auf die Ausstattung der Feuerwehr, sondern ebenso hinsichtlich der Zugänglichkeit der Waldgebiete für die Einsatzkräfte. Ein Spezialfahrzeug für die kreisweite Waldbrandbekämpfung, stationiert in der Samtgemeinde als waldreichster Kommune, konnte sich Thore Güldner durchaus vorstellen. Was die Finanzierung angehe, so wäre auch der Landkreis wegen der überörtlichen Nutzung in der Pflicht. Im Übrigen habe er ja auch die Drehleitern in Wildeshausen und Ganderkesee mitbezahlt.

Während Wildeshausen einen Halbstundentakt nach Bremen fordert und Hude fast schon einen Viertelstundentakt hat, gibt es in Harpstedt nicht mal einen Stundentakt.

Hermann Bokelmann

Anderes Thema: „Unzureichend“ nannte Bokelmann das Angebot im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) für die großflächige, aber einwohnerschwache Samtgemeinde Harpstedt. Nur durch den Flecken, Dünsen und Kirchseelte fahren überhaupt Linienbusse nach Wildeshausen und Bremen. Die Linie nach Bremen müsse, so betonte der 93-Jährige, „werktags verdichtet“ und „vor allem sonntags bedient werden“. Während Wildeshausen einen Halbstundentakt nach Bremen fordere und Hude fast schon einen Viertelstundentakt habe, gebe es in Harpstedt „nicht mal einen Stundentakt“.

Rufbussysteme als denkbare Option

Das seien verschiedene Paar Schule, gab Güldner zu bedenken: „In Wildeshausen diskutiert man ja über die Bahn.“ Die sei aber noch deutlich teurer als die Buslinie, hielt Bokelmann dagegen. „Unser Enkelsohn hat Tischler gelernt und musste zur Berufsschule nach Delmenhorst. Dorthin fährt aber kein Bus“, benannte der 93-Jährige eine weitere Lücke im ÖPNV. „Wir müssen den Fokus wohl mehr auf die Samtgemeinde legen“, räumte Güldner ein – auch in seiner Funktion als Mitglied im Zweckverband Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen.

Der Fachkräftemangel, mittlerweile ein genereller Kräftemangel, zieht sich überall durch. Dieses Problem müssen wir endlich angehen.

Thore Güldner

Eine zusätzliche Verbindung von Harpstedt über Groß Ippener ins Mittelzentrum Delmenhorst würde er genauso begrüßen wie Taktverdichtungen in Richtung Bremen und Wildeshausen. Doch das würde gegenwärtig schon an der Personalfrage scheitern. Zwar gäbe es hinreichend Busse, aber nicht genügend Busfahrer. „Der Fachkräftemangel, mittlerweile ein genereller Kräftemangel, zieht sich überall durch. Dieses Problem müssen wir endlich angehen“, unterstrich Güldner. „Eine Stärkung des ÖPNV wollen wir unbedingt, weil das ja auch eine Klimaschutzmaßnahme ist. Wenn wir davon reden, reden wir auch über neue Linien und finanzielle Unterstützung dafür. Nur damit kann‘s funktionieren“, fuhr er fort.

Die andere Seite der Medaille sei die Nutzung des ÖPNV. Und die sei eben mitunter für eine Verstetigung nicht hinreichend, spielte Güldner exemplarisch auf die Linie Wildeshausen–Ahlhorn an. In günstigen Tickets liegt nach seiner Überzeugung der Schlüssel zu mehr Nachfrage.

Am Ende werden wir es aber nicht schaffen, jede kleine Bauerschaft und jeden Ort anzubinden.

Thore Güldner

„Am Ende werden wir es aber nicht schaffen, jede kleine Bauerschaft und jeden Ort anzubinden“, machte sich der Aschenstedter nichts vor. Güldner weiter: „Man muss zudem gucken, ob man On-Demand-Verkehre, etwa Rufbussysteme, zu günstigen Preisen installiert kriegt. Zudem werden Sharing-Systeme für Fahrräder und Autos meines Erachtens auch im ländlichen Raum künftig eine größere Rolle spielen.“

Ich würde mir mehr Kommunalvertreter im Landtag wünschen.

Hermann Bokelmann

Einen Schnellbus nach Bremen in der Art, „wie er von Wildeshausen über Dötlingen und Hatten nach Oldenburg eingerichtet wurde“, hätte wiederum Bokelmann gern als Option geprüft. Und als Alternative zu Bürgerbus/ Bürgerauto könnte er sich vorstellen, Taxen und Mietwagen etwa für Bringdienste zu Einkaufsmärkten zu bezuschussen – im Interesse von mehr Mobilität nicht so mobiler Menschen.

Das Gespräch endete mit einem persönlichen Statement Bokelmanns zur Wahl am 9. Oktober: „Ich würde mir mehr Kommunalvertreter im Landtag wünschen.“

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