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Straßen in Harpstedter Neubaugebiet nach NS-Opfern benennen?

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Von: Jürgen Bohlken

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Der jüdische Kaufmann Iwan Goldschmidt, verstorben am 4. April 1914, stand bis zu seinem Tod als Oberst an der Spitze des Offizierskorps der Bürgerschützen – ein gutes Beispiel für jüdisches Leben in Harpstedt vor der Machtergreifung der Nazis.
Der jüdische Kaufmann Iwan Goldschmidt, verstorben am 4. April 1914, stand bis zu seinem Tod als Oberst an der Spitze des Offizierskorps der Bürgerschützen – ein gutes Beispiel für jüdisches Leben in Harpstedt vor der Machtergreifung der Nazis. © Bokelmann

Harpstedt – Auf Zustimmung ist am Montagabend im Rat der Gemeinde Harpstedt der Vorschlag von Fleckenbürgermeister Stefan Wachholder (CDU) gestoßen, die Straßen im künftigen Neubaugebiet „Am Schützenplatz“ nach ehemaligen Harpstedter Mitbürgern zu benennen, die Opfer des Nazi-Terrors wurden. Zusatzschilder böten sich für ergänzende biografische Erläuterungen an.

Klar ist schon jetzt: Die Straßen in dem Wohngebiet werden nicht reichen, um alle Harpstedter Opfer der NS-Diktatur zu berücksichtigen. Um eine Auswahl zu treffen, könnten in nicht öffentlicher Sitzung Zeitzeuge Hermann Bokelmann (93) und die Samtgemeindearchivpfleger zurate gezogen werden.

Auf Antrag der Grünen beriet der Fleckenrat darüber, wie die Kultur des Erinnerns an Verfolgung und Holocaust sowie vormaliges jüdisches Leben in Harpstedt stärker im Alltag verankert werden kann. Wenngleich eine Beschlussfassung (noch) unterblieb, kamen etliche Anregungen. Auch zwei der von Hermann Bokelmann eingebrachten Vorschläge fanden ein positives Echo.

Ratsmitglieder wollen an Gedenkfeier teilnehmen

Mit der Idee des Altbürgermeisters, Archivalien und Veröffentlichungen zur NS-Zeit und den Harpstedter Juden zu einer Broschüre zusammenzufassen, also zu einem kompakten Nachschlagewerk, konnte sich Irene Kolb (Grüne) anfreunden. „Die Leute lesen heute leider ein bisschen weniger, und die wenigsten stürzen sich auf ein dickes Buch“, bedauerte sie. Ein Zeichen setzen wollen Ratsmitglieder mit ihrer (freiwilligen) Teilnahme an jener Gedenkaktion, die Hermann Bokelmann und der Oberschul-Wahlpflichtkurs (WPK) „Schule ohne Rassismus“ am Holocaust-Gedenktag, 27. Januar, 10.30 Uhr, gemeinsam bestreiten. „Ich werde hingehen“, kündigte der Bürgermeister an. „Das wäre für uns als Rat ein erster Schritt, um überhaupt mal was zu diesem Thema zu machen“, untermauerte Rolf Ranke (HBL).

Anlehnung an jüdischen Brauch

Hermann Bokelmann wird am kommenden Freitag mit WPK-Schülern auf dem Amtshofgelände kleine Gedenksteine bei der Namenstafel niederlegen, die an die ermordeten Harpstedter Juden erinnert (er hält zudem eine Rede). Die Aktion nimmt Bezug auf ein jüdisches Ritual: Zu Ehren eines Verstorbenen legen Angehörige Steine auf die „Matsewa“ (den Grabstein) – als Zeichen dafür, dass sie das Grab besucht haben. Weltweit sehen Menschen in diesem Brauch heute ein Symbol wider das Vergessen der Shoa, was nicht zuletzt dem Schluss von Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ geschuldet ist.

Der Fleckenrat kann sich eine jährlich wiederkehrende Gedenkfeier gut vorstellen, und zwar immer am 27. Januar (mit Bezugnahme auf die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945). Gegen den von Götz Rohde (Grüne) als Alternative vorgeschlagenen 9. November spräche, so Rolf Ranke (HBL), dass dieses Datum nicht nur für die Reichspogromnacht (1938) steht, sondern auch für den Mauerfall (1989) und das Abdanken von Kaiser Wilhelm II. (1918) mit nachfolgender Ausrufung der Republik – also für höchst unterschiedliche historische Ereignisse.

Extra-Budget für Oberschule avisiert

Klaus Budzin (SPD) griff in einer Wortmeldung die Frage in der Schlagzeile „Schüler zeigen sich interessiert – die Politik auch?“ auf der Harpstedt-Seite unserer Zeitung vom Sonnabend auf: „Ich habe hier heute wahrgenommen, dass die Politik interessiert ist. Der 27. Januar sollte dieses Jahr ein Anfang sein. Spätestens 2024 ist die Politik dann voll mit drin, damit wir nicht nur über das Gedenken reden, sondern auch zeigen, dass wir das wollen.“

Moderne Form des Gedenkens eingefordert

Hermann Bokelmanns Anregung, mit Gedenktafeln an Abraham Neublum (einen Harpstedter mit jüdischem Glauben, der 1870 sein Leben als preußischer Soldat verlor) und an den früheren jüdischen Oberst der Bürgerschützen, Iwan Goldschmidt, zu erinnern, erntete indes keine Begeisterung. Die Politik störte sich nicht aus inhaltlichen Gründen daran, sondern aus formalen. Zwei Gedenktafeln mit den Namen der ermordeten Harpstedter Juden gebe es schon, hieß es. Die Erinnerungskultur müsse mit modernen Mitteln und Medien gelebt werden, damit sie auch die Jugend anspreche, bekräftigte Götz Rohde (Grüne).

Er unterstützte in diesem Zusammenhang eine Anregung seiner Fraktionskollegin Irene Kolb. Die Ratsfrau kann sich eine Kooperation mit den Berufsbildenden Schulen (BBS) des Landkreises vorstellen. Hintergrund: BBS-Schüler haben eine App entwickelt, die es ermöglicht, sich in Wildeshausen auf Spurensuche nach vormals jüdischem Leben und dem Schicksal jüdischer Familien zu begeben. So etwas wäre auch für Harpstedt vorstellbar; die App existiere ja schon, so Kolb. Sie müsste folglich nur mit neuen, auf Harpstedt bezogenen Daten gefüttert werden. „Die Oberschule könnte forschen und die Inhalte der BBS weitergeben“, schlug die Ratsfrau vor.

Keine Einflussnahme auf Unterricht

Matthias Hoffmann (SPD) tritt weiterhin dafür ein, der Oberschule Harpstedt ein zusätzliches jährliches Budget für Projekte zur Erarbeitung des Holocaust-Themas zu gewähren – auch im Zusammenhang mit einer Sensibilisierung der Schüler für Formen von Rassismus und Ausgrenzung. Das geschieht aktuell vor allem im Wahlpflichtkurs (WPK) „Schule ohne Rassismus“, den Politiklehrer Janek Schröder leitet. Mit ihm steht Hoffmann schon länger in Kontakt. Nach beider Meinung sollte die Schule selbst entscheiden dürfen, wofür genau sie das Geld einsetzt (vorstellbar wäre beispielsweise eine WPK-Exkursion zum „Anne Frank Haus“ nach Amsterdam). Damit liefe im Übrigen der Flecken nicht Gefahr, Einfluss auf Unterrichtsinhalte zu nehmen, zumal das laut Gemeindedirektor Yves Nagel unzulässig wäre.

„Es muss ja nicht so sein, dass die Schule das Geld jedes Jahr abruft. Aber ich finde, es wäre eine gute Geste, wenn sie mit dem zusätzlichen Budget etwas machen könnte – immer im Zusammenhang mit dem, was sich der WPK selbst erarbeitet hat“, sagte Hoffmann. Das könne durchaus auch mal eine Broschüre sein.

„Gästeführungen thematisch erweitern“

Gästeführungen zum jüdischen Friedhof in Harpstedt könnten nach einer Idee von Irene Kolb thematisch erweitert und stärker auf die Opfer der NS-Diktatur zugeschnitten werden. Unter dem Nazi-Terror hätten ja keineswegs ausschließlich die Juden gelitten, sondern beispielsweise auch der in den Suizid getriebene Pastor Adolf Schulz. Kolb weiter: „Was ich allerdings nicht weiß, ist, ob hier in Harpstedt Sinti und Roma verfolgt worden sind.“

Modifikation der „Stolpersteine“-Idee

Die Grünen können sich überdies eine Modifizierung der „Stolpersteine“ vorstellen – in Form von Schildern an Harpstedter Häusern mit Hinweisen auf jüdische Mitbürger, die dort gelebt haben. Das ließe sich natürlich nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Hauseigentümer umsetzen. „Wenn schon Gedenktafeln, dann sollten sie dort sein, wo das jüdische Leben war, und nicht an irgendwelchen Stellen“, betonte Irene Kolb.

„Ich finde, das wären nur Stolpersteine auf andere Weise, und wir hatten uns doch dagegen ausgesprochen“, erwiderte Rolf Ranke (HBL). Irene Kolb wies auf einen Unterschied hin: Auf Hinweistafeln an Häusern trampelt niemand herum. Auf Stolpersteinen am Boden hingegen schon. Deshalb lehnten viele jüdische Gemeinden diese Variante ab, so die Ratsfrau.

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