Harpstedter Gemeinschaftspraxis im Dauerimpfeinsatz

Im Marathon mit Energie wider die Pandemie

Sie impfen und boostern, was die Impfstoffvorräte hergeben: Alina Gatz (l.) und Cornelia Deyda aus der Gemeinschaftspraxis Mullstraße.
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Sie impfen und boostern, was die Impfstoffvorräte hergeben: Alina Gatz (l.) und Cornelia Deyda aus der Gemeinschaftspraxis Mullstraße.

Harpstedt – Wie viele Überstunden ihnen das Impfen und Boostern seit April abverlangt habe? Cornelia Deyda (62) und Alina Gatz (37) winken ab: „Fragen Sie besser nicht!“ Auch ohne den Marathon wider die Pandemie hätten die beiden Medizinischen Fachangestellten in der Harpstedter Gemeinschaftsarztpraxis an der Mullstraße genug um die Ohren. „Die Impfzentren können gern wieder aufmachen. Das würde uns den Druck nehmen“, sagt Cornelia Deyda.

Ihre Kollegin nickt zustimmend: Die Politik suggeriere leider, dass zigmillionenfache Impfungen sozusagen fast „über Nacht“ vollzogen werden könnten, aber so schnell gehe es dann eben doch nicht. Zusätzlicher Druck auf die Arztpraxen resultiere aus der Sorge derer, die glaubten, ein halbes Jahr nach der zweiten Impfung nahezu ungeschützt zu sein, und sofort geboostert werden wollten. „Manche finden es gruselig und reagieren verängstigt, wenn wir sie bitten müssen, noch drei Wochen zu warten“, spricht Alina Gatz aus Erfahrung.

Schon jetzt impft die Arztpraxis montags, mittwochs und zusätzlich oft genug an Sonnabenden. Ob eine Samstags-Sonderschicht gefahren wird, hängt vor allem von der zur Verfügung stehenden Impfstoffmenge ab.

Das Impfen der Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren geht bald los.“

Alina Gatz

Am vergangenen Mittwoch sind allein rund 120 Dosen in der Praxis Mullstraße injiziert worden. Die Grenzen dessen, „was geht“, setzen auch die eigenen personellen Kapazitäten und der zu bewältigende Arbeitsaufwand im Praxisalltag.

Der Wunsch nach Entlastung und Wiederöffnung der Impfzentren kommt nicht von ungefähr, zumal sich die nächste Herausforderung schon anbahnt: „Das Impfen der Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren geht bald los. Wir haben schon Impfstoff bestellt“, verrät Alina Gatz. Ob das Impfen der Kinder noch vor Weihnachten starte oder vielleicht an einem Sonnabend Anfang Januar, sei noch unklar; bislang sei die Zahl der Terminanfragen sehr überschaubar.

Impfmöglichkeiten in der Umgebung der Samtgemeinde Harpstedt

Wer Fahrwege in Kauf zu nehmen bereit ist, kann sich von Impfteams in der Umgebung der Samtgemeinde Harpstedt gegen Corona impfen oder boostern lassen, und zwar jeweils von 9 bis 15 Uhr. Möglich ist das montags in der Bibliothek in Twistringen an der Brunnenstraße 5a, dienstags in der „Münte“ an der Langen Straße 33 in Diepholz, auf „Gut Varrel“ in Stuhr, Varreler Feld, sowie in der Sporthalle des Gymnasiums in Sulingen an der Schmelingstraße, donnerstags in der Siedenburger Schützenhalle gegenüber dem Rathaus sowie beim Nordwestdeutschen Schützenbund an der Langen Straße 68 – 70 in Bassum und freitags im Dorfgemeinschaftshaus in Schwaförden, Am Marktplatz 4.

Viele Hausärzte klagen indes über den stockenden Impfstoffnachschub für die Erwachsenen. Die Praxis Mullstraße findet sich diesbezüglich in einer vergleichsweise komfortablen Situation wieder: „Da wir fünf Ärzte haben, können wir ganz ordentliche Mengen bestellen. Beim Moderna-Impfstoff gibt es keine Höchstmengenbegrenzung. Den möchten aber etliche Patienten nicht. Viele Leute haben sich durch die Medien und die Bevölkerung verunsichern lassen und meinen, dieser Impfstoff laufe ab und müsse schnell weg“, weiß Alina Gatz.

Die Praxis Mullstraße injiziert bislang ausschließlich Biontech/Pfizer-Dosen. „Noch haben wir Energie“, sagt Cornelia Deyda, aber, so schränkt sie ein, „wir haben nicht die Energie, mit unseren Patienten darüber zu diskutieren, warum sie nur diesen oder jenen Impfstoff bekommen können. Deshalb bestellen wir ausschließlich Biontech. Das behalten wir bei, solange wir Biontech kriegen können.“ Moderna dürfe im Übrigen nur an Menschen ab 30 verimpft werden, ergänzt ihre Kollegin; das sei eine zusätzliche Schwierigkeit.

Impfstoff nun deutlich länger haltbar

20 bis 30 Anfragen nach Impfterminen gingen wohl täglich ein, schätzt Alina Gatz. Viele Patienten sprächen mit der Bitte um Rückruf auf den Anrufbeantworter; andere kämen persönlich vorbei in der Hoffnung, „dass wir ein paar Dosen übrig haben“, um davon profitieren zu können.

 Noch haben wir Energie, aber wir haben nicht die Energie, mit unseren Patienten darüber zu diskutieren, warum sie nur diesen oder jenen Impfstoff bekommen können.“

Cornelia Deyda

„Wir werfen nichts weg, sondern telefonieren hin und her, bis wir den Impfstoff verimpft haben“, versichert Cornelia Deyda. „Eine Zeit lang durften wir immer nur für zwei Wochen bestellen. Jetzt wird zum Glück wieder für eine Woche geliefert. Der Impfstoff ist nicht mehr nur 31 Tage haltbar. Wir können ihn nun maximal drei Monate lang aufbewahren. Auch deshalb bestellen wir jeweils die zulässige Höchstmenge“, verrät ihre Kollegin.

An einer Priorisierung aber führt kein Weg vorbei. Vorrang haben die Erstimpfungen sowie das Boostern der Vorerkrankten, der Hochbetagten und derjenigen, deren Zweitimpfung deutlich länger als sechs Monate zurückliegt. Die übrigen Patienten müssen mehr Geduld aufbringen, und das kann eben auch bedeuten, einen Termin im Februar 2022 in Aussicht gestellt zu bekommen.

Wenn wir selbst anfingen, Zweifel zu haben, wären wir verloren.“

Cornelia Deyda

Die Impfwilligen, die nicht so lange warten wollen, verweist die Arztpraxis auf die Angebote der mobilen Impfteams (siehe Infokasten); ein erstes gab es vergangene Woche sogar direkt vor Ort, in der Harpstedter Delmeschule. „Ein großer Teil der Leute nutzt das. Viele unserer Patienten teilen uns mit, wenn sie bei uns keinen Termin mehr benötigen. Leider tun das aber nicht alle“, bedauert Alina Gatz.

Vom Sinn und Nutzen der Impfung überzeugt

Zu entscheiden, wer innerhalb der priorisierten Gruppen zuerst zum Zuge kommen soll, sei schwer, gesteht die 37-Jährige. Vordringlich sei es aber wohl, zunächst diejenigen zu impfen, die noch überhaupt keinen Schutz hätten, zumal diese Menschen sehr häufig im Berufsleben stünden und vergleichsweise viele soziale Kontakte hätten.

Das Team der Gemeinschaftspraxis ist von Sinn und Nutzen der Impfung wider die Coronapandemie überzeugt – und ohne Ausnahme geimpft. „Wenn wir selbst anfingen, Zweifel zu haben, wären wir verloren“, sagt Cornelia Deyda.

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