Herwig Wöbse zieht nach Praktikum ein positives Fazit

Die Altenpflege hat er als bereichernde Arbeit erlebt

Die Auszubildenden Annika Koch (2.v.l.) und Claudia Giebelmann (3.v.l.) begleiteten Herwig Wöbse durch den Tag. Erika Stock (l.) und Dora Mertens (vorn), zwei Bewohnerinnen, fühlten sich beim Fototermin mit der Presse sichtlich wohl in seiner Anwesenheit. - Foto: Bohlken

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Als Herwig Wöbse während seines eintägigen Praktikums im DRK-Seniorenzentrum Harpstedt zögerte, ob er mit ins Bad einer pflegebedürftigen Bewohnerin gehen sollte oder nicht, brachten der Witz und die Schlagfertigkeit der Dame den Samtgemeindebürgermeister zum Schmunzeln: „Ich bin nicht mehr im interessanten Alter“, erwiderte sie.

„Daumen hoch für die Ausbildung“ heißt eine Kampagne der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Landkreis (WLO), die unterstreichen will, das derjenige, der eine Lehre einem Studium vorzieht, sich keineswegs Chancen verbaut, sondern damit vielmehr ein solides Fundament für eine erfolgreiche Zukunft in der Arbeitswelt legt. WLO-Geschäftsführer Hans-Werner Aschoff hat lokale Prominente für diese Aktion gewonnen. Sie hospitieren jeweils einen Tag lang in einem Lehrberuf. Wöbse machte mit – als Praktikant in der Altenpflege, einem weniger beliebten Berufsfeld unter Ausbildungsplatzsuchenden.

Ein bisschen Vorwissen brachte der Amtshof-Chef als Vater dreier Kinder, von denen die älteste Tochter eine geistige Behinderung hat, mit. Gleichwohl ging er das Praktikum mit Ehrfurcht und Respekt an, auch mit Wissensdurst. Er gab sich aber nicht der Illusion hin, alle erdenklichen Tätigkeiten eigenverantwortlich erledigen zu dürfen. Schon die Wundversorgung sei nicht ganz ohne: „Da kann man einiges falsch machen.“

Bei der Essensbegleitung bachte sich Wöbse indes aktiv helfend ein. Das sei „supergut“ gewesen und „ganz entspannt abgelaufen“, erzählt er. Aufgefallen sei ihm das Bemühen der Pflegekräfte, die Selbständigkeit und Beweglichkeit der älteren Herrschaften so weit wie möglich zu erhalten und sie die alltäglichen Dinge selbst tun zu lassen, die sie noch eigenständig verrichten können. Bemerkenswert fand Wöbse den reibungslosen Informationsfluss zwischen Nacht- und Tagschicht bei der Übergabe. Ebenso den Teamgeist. Oder auch die Rücksichtnahme auf individuelle Befindlichkeiten – etwa darauf, ob ein Bewohner gern früh aufsteht oder lieber etwas länger schläft.

Eher in die letztere Kategorie ordnet sich Wöbse selbst ein. Gleichwohl musste er als Pflegehospitant früh raus. Sein Dienst im Altenheim begann um 6.15 Uhr. Ganz im Sinne der WLO-Aktion begleiteten Annika Koch und Claudia Giebelmann, zwei Azubis, den Praktikanten durch den Tag. Wöbse ließ sich Sinn und Zweck von Arbeitsabläufen, Handgriffen und Kniffen erklären und packte auch beim Ankleiden mit an. Beim Anziehen der Schuhe habe er in einem Fall wohl versehentlich zu viel Druck ausgeübt. Ein „kleines Zucken“ sei die Reaktion gewesen. „Hätte ich das geahnt, hätte ich mir ein bisschen mehr Mühe gegeben“, sagt Wöbse etwas verlegen. Als Praktikant konnte er sich den Luxus erlauben, mehr Zeit in das persönliche Gespräch mit Bewohnern zu investieren, als dies der durchgetaktete Pflegealltag – trotz abgeschaffter „Minutenpflege“ – im Normfall zulässt. Hans Lampe beispielsweise erläuterte dem Samtgemeindebürgermeister seinen Faible für Mineralien und zeigte ihm auch einige Kostproben. Einblicke in die ambulante Pflege der im Seniorenzentrum angesiedelten Gemeindeschwesternstation gewann Wöbse im Verlauf dreier Hausbesuche, die sein „Praktikumsprogramm“ ebenfalls beinhaltete.

Alles in allem hat der Stiftenhöfter die Altenpflege als ein Berufsfeld erlebt, das „sehr bereichernd“ sein könne, wenn Berührungsängste und Hemmschwellen überwunden seien. Genauso sehen das die Auszubildenden, die ihn übrigens als angenehmen Praktikanten empfanden: Annika Koch und Claudia Giebelmann haben ihre Berufswahl nach eigenem Bekunden nicht bereut. Es komme vor, dass sich Pflegehelferinnen noch zur Absolvierung der Altenpflerinnen-Ausbildung entschieden, weiß Einrichtungsleiterin Hellen Müller. Mitunter sogar in nicht mehr ganz jungen Jahren. „Unsere bislang älteste Auszubildende ist letztes Jahr fertig geworden. Mit 59“, erzählt Müller. Die monatliche Vergütung bewege sich in etwa zwischen 900 Euro im ersten und 1100 Euro im dritten Lehrjahr. Da es in der Altenpflege aber keinen allgemein verbindlichen Tarifvertrag gibt, kann das Entgelt zwischen den einzelnen Trägern der praktischen Ausbildung sehr unterschiedlich ausfallen.

Der Sender „oeins“ hat einen Beitrag über Herwig Wöbses „Daumen hoch“-Praktikum gedreht. Die WLO wird ihn zu gegebener Zeit auf ihrem YouTube-Channel online stellen.

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