Schlaganfall mit schweren Folgen

Von der Krankheit zur Existenzangst

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Zeit ist Hirn. Will heißen: Nach einem Schlaganfall kommt es auf schnelle Hilfe an. Jede Sekunde zählt.

Nach einem erlittenen Schlaganfall lernte sie den Sozialstaat von seiner harten, unerbittlichen Seite kennen. Hannelore Niemann sehnt sich nach ihrem alten Leben zurück. Hoffnungen setzt sie in eine Selbsthilfegruppe, die sie gründen will.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Freunde, Verwandte und Bekannte kannten sie als eine lebensbejahende Frohnatur, die mit beiden Beinen im Leben stand. Der 31. März 2017 hat alles verändert. Als die Harpstedterin um 3 Uhr mit linksseitig taubem Unterkiefer und herunterhängender Lippe aufwachte, vermutete sie zunächst Zugluft als Ursache, weil sie viel bei offenem Fenster schläft. Den Gedanken an einen Schlaganfall verdrängte sie. „So etwas kriegen doch nur alte Leute“, redete sie sich ein - und ging wieder zu Bett. Heute bereut Hannelore Niemann, damals nicht auf ihren Körper gehört zu haben. Ein „lupenreiner Hirninfarkt“, wie sie ihn diagnostiziert bekam, muss schnellstmöglich erkannt werden, um bleibende Einschränkungen zu verhindern. Zeit ist Hirn - wissen Experten.

Die Harpstedterin ging indes erst mehr als zwölf Stunden nach Wahrnehmung der Symptome auf Anraten einer Freundin zum Hausarzt. Der tippte sofort auf einen Schlaganfall und schickte die Patientin umgehend zum Johanneum. Das Wildeshauser Krankenhaus trat via Skype in Kontakt mit einer Oldenburger Klinik. Nach eingehender Untersuchung und Gleichgewichtsübungen stand fest, dass die linksseitigen körperlichen Einschränkungen auf einen Hirninfarkt in der rechten Gehirnhälfte zurückzuführen waren.

„Ich hatte viele Dinge verlernt. Etwa das Rechnen oder das Formulieren von Sätzen. Mein Arm ist lahm gewesen, und ich zog das Bein beim Gehen nach“, erinnert sich die 58-Jährige. Das Körpergefühl sei noch heute sehr gewöhnungsbedürftig: „Die ganze linke Seite ist anders als die rechte.“

Eine Selbsthilfegruppe will Hannelore Niemann aus Harpstedt ins Leben rufen.

Bei der Hausarbeit steht der Harpstedterin mittlerweile eine Haushaltshilfe zur Seite. Hannelore Niemann trägt viel zur eigenen Genesung bei. Sie geht regelmäßig zur Wassergymnastik, zum Schwimmen, zur Logopädin und zum Gehirntraining. Der Hausnotruf gibt ihr ein Stück weit Sicherheit, dass im Notfall schnelle Hilfe kommt.

„Hanne hat ihre Zunge noch nicht vollständig unter Kontrolle - und daher eine leicht verwaschene Aussprache. Auch leidet sie unter Wortfindungsstörungen“, weiß ihre Schwester Margita Winter.

Stück für Stück hangelt sich die Schlaganfallpatientin zurück in die Normalität - manchmal mutlos und der Verzweiflung nahe, dann wieder ehrgeizig und diszipliniert. Als wäre die Krankheit nicht schlimm genug, hat sie zusätzlich große Existenzängste ausgestanden, gepaart mit desillusionierenden Erfahrungen von sozialer Kälte.

Als sie die Reha-Klinik in Wilhelmshaven als angeblich „vollzeitarbeitstauglich“ entließ, begann die Odyssee. „Zu diesem Zeitpunkt konnte sie weder den linken Arm noch das linke Bein richtig bewegen. Auch hatte sie kognitive Fähigkeiten noch nicht zurückerlangt“, erinnert sich ihre Schwester. Margita Winter vermutet dahinter Methode - das Bestreben der Klinik, Erfolge in der eigenen Statistik verbuchen zu können. Anders kann sie sich die ihrer Ansicht nach völlig abwegige Gesundheitsbeurteilung jedenfalls nicht erklären.

Elendes Gestreite mit der Krankenkasse

„Zunächst war völlig unklar, wer für Hannelores Lebensunterhalt aufkommen würde. Sie hätte ihre Arbeit laut Entlassbericht der Reha-Klinik wieder aufnehmen können, war aber faktisch nicht dazu in der Lage. Es gab ein elendes Gestreite mit der Krankenkasse um Krankengeldleistungen - und mit dem Jobcenter über etwaiges Arbeitslosengeld II. Für jemanden, der als Folge eines Schlaganfalls mit geistigen und körperlichen Einschränkungen leben muss, ist das blanker Terror“, urteilt Margita Winter.

Die Arbeitsagentur schickte Hannelore Niemann dann zum Amtsarzt. Nach zwei ablehnenden Bescheiden erstritt die Harpstedterin mit Unterstützung eines Rechtsanwaltes im dritten Versuch 2018 endlich eine Erwerbsminderungsrente - zunächst für ein Jahr, bis Juni 2019.

Dass sie de facto nicht arbeiten kann, bestätigt die zwischenzeitlich erfolgte Einstufung in Pflegegrad drei durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen.

In den vielen Monaten der Ungewissheit blieb Hannelore Niemann nach eigenem Bekunden kaum mehr Geld zum Leben. Nicht einmal 74 Euro für heiltherapeutische Wassergymnastik habe sie zugestanden bekommen. „Dabei wollte ich das nur geliehen haben“, sagt die 58-Jährige. Sie fühlte sich vom Sozialstaat im Stich gelassen und ungerecht behandelt, zumal sie seit ihrem 16. Lebensjahr immer gearbeitet habe. „Dramatisch ist für meine Schwester auch das Hin- und Herschieben von Verantwortlichkeiten gewesen“, entsinnt sich Margita Winter. „Weil sie nicht richtig sprechen konnte, ist Hanne beim Schildern eines Problems am Telefon sogar ausgelacht worden - in der irrigen Annahme, sie sei betrunken. Ich glaube, ihr kopfmäßiger Heilungsprozess hat sich durch solche Erfahrungen ganz erheblich verzögert.“

Immer noch vielfach beeinträchtigt

Die Krankheit beeinträchtige sie immer noch in vieler Hinsicht, erzählt Hannelore Niemann. Etwa beim Autofahren. Oder auch im Supermarkt: „Ich gehe etliche Male einkaufen, weil ich vieles vergesse, was ich besorgen will. Oder aber ich stehe in der Ecke und heule, weil ich einfach nicht darauf komme, wie das heißt, was ich gerade einkaufen will. Kürzlich brauchte ich Tortenguss - und kam einfach nicht drauf.“ Schlaganfallpatienten hätten mitunter das Angst verursachende Gefühl, ihnen platze buchstäblich der Kopf, weiß Margita Winter. „Sie spüren, was der gesunde Mensch gar nicht wahrnimmt: Dass es eine linke und eine rechte Gehirnhälfte gibt; die gesunde knallt, bildlich gesprochen, immerzu gegen die kranke. So zumindest hat mir das die Logopädin erklärt.“

Viele Mitmenschen in ihrem persönlichen Umfeld hätten sich zurückgezogen, bedauert Hannelore Niemann. In solchen Lebenssituationen zeige sich, wer ein Freund sei - und wer nicht. „Was mir auch fehlt, ist meine Arbeit“, gesteht die 58-Jährige. Gern ginge sie zurück in den Gastro-Service. Ihr Arbeitgeber, das Hotel „Zur Wasserburg“, habe stets hinter ihr gestanden. Das sei immer noch so. „Die Seniorchefin hat gesagt, ich sei jederzeit wieder willkommen, wenn es mir besser gehe.“

Im Moment allerdings fällt es schwer, an eine Rückkehr ins Berufsleben zu glauben: „Ich bin einfach zu schnell überfordert. Diese verdammten Einschränkungen im Kopf! Ich komme mit meiner neuen Welt noch nicht klar“, gibt Hannelore Niemann ehrlich zu. Dass ihr das mit gegenseitiger Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe bald besser gelingt, ist ihre große Hoffnung.

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