Was können kleine Kommunen gegen die fortschreitende Verödung tun?

„Der Handel braucht die Stadt nicht mehr“

Zum Expertengespräch über die Situation im Einzelhandel begrüßte die FDP-Bezirksvorsitzende Angelika Brunkhorst (2.v.l.) aus Wohlde Gerhard Kier, den Vorsitzenden des Landesfachausschusses „Stadtentwicklung“, Jan König, den Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Nordwest, Thea Alfken, eine von zwei gleichberechtigten Vorsitzenden der Aktiven Werbegemeinschaft Samtgemeinde Harpstedt, und Hauke Brahms, Pressesprecher der Kaufmannschaft (v.l.). - Foto: Bohlken

Klein Ippener - Von Jürgen Bohlken. Verödete Gemeinden, in denen sich ein paar Lebensmittel- und Drogeriemärkte halten, während der inhabergeführte Einzelhandel ausgestorben ist, weil die Verbraucher bevorzugt online einkaufen – sieht so die Zukunft aus? Jan König, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Nordwest, trug am Donnerstag in „Hackfeld’s Dorfkrug“ in Klein Ippener Zahlen vor, die dieses Szenario erahnen lassen. Ein Patentrezept zum erfolgreichen Gegensteuern konnte er freilich nicht aus dem Hut zaubern.

„Als ich vor rund 50 Jahren nach Harpstedt kam, gab es dort weder Aldi noch Netto noch Inkoop noch Lidl, dafür aber Laue, Dechant, Lindloge und andere“, leitete Steffen Akkermann, der Vorsitzende des FDP-Ortsverbands, zum Thema des Abends über: Gemeinsam mit ihrem Bezirksverband und Experten beleuchteten die Harpstedter Liberalen die Einzelhandelssituation in ländlichen Kommunen am Beispiel der Samtgemeinde Harpstedt. „Handel ist Wandel, auch bei uns“, sagte Hauke Brahms, Pressesprecher der Aktiven Werbegemeinschaft. Jeder Euro, der im Outlet-Center oder beim Online-Anbieter gelassen werde, „kann hier nicht mehr ausgegeben werden“. Es gehe heute darum, sich stark auf das zu besinnen, „was wir an Einzelhandel haben“. Darüber nachzudenken, wie sich von außerhalb Kaufkraft generieren lasse, sei „verschwendete Zeit“.

Schon seit Jahrzehnten, so Jan König, vollziehe sich in Deutschland ein Strukturwandel im Einzelhandel, der heute von drei Faktoren maßgeblich beeinflusst werde: vom Verdrängungswettbewerb, dem demografischen Wandel und der Digitalisierung (E-Commerce).

In der Bundesrepublik hätten die etwa 300 000 Einzelhandelsunternehmen mit rund 410 000 Betriebsstätten, ungefähr drei Millionen Beschäftigten, 160 000 Auszubildenden sowie rund 50 Millionen Kundenkontakten 2015 einen Jahresumsatz von 474 Milliarden Euro erzielt. „Trotz Digitalisierung können wir sagen: Der Einzelhandel hat keine Arbeitsplätze verloren. Im Gegenteil, er baut seit Jahren Beschäftigung auf.“ Die 450-Euro-Jobs machten dabei etwa ein Drittel aus. Leiharbeit finde indes im Einzelhandel nahezu „nicht statt“. König erwähnte das „gute Konsumklima“, das seit Jahren zu registrierende reale Lohnplus, moderate Preisanstiege und die konstante Sparquote. Das alles sorge in der Summe für eine seit 2010 stetig ansteigende Umsatzentwicklung. Also alles im grünen Bereich? Mitnichten. Schaue man genauer hin, wer von den Zuwächsen profitiere, so König, dann sei das primär der Online-Handel; der erwirtschafte heute 9,1 Prozent des Gesamteinzelhandelsumsatzes in Deutschland; 2009 seien es noch 5,2 Prozent gewesen. Kleine inhabergeführte Geschäfte könnten zum Teil mit der Erwartungshaltung im Einzelhandel nicht mehr mithalten und oft keine Investitionen tätigen, weil das Kapital fehle. Sie litten unter sich verschärfenden Zulieferbedingungen. Hinzu komme das Ausscheiden vieler Mittelständler, die keine Nachfolger für die Weiterführung ihrer Geschäfte fänden.

„Kunden nutzen heute alle Vertriebskanäle“

Zu den Gewinnern des sich vollziehenden Umbruchs zählten Filial- und Franchise-Unternehmen. Und der Strukturwandel gehe weiter. Die Expansion von Fachmärkten setze sich fort, ebenso die Digitalisierung. Im Lebensmittelsegment seien allerdings wieder „die Innenstadtlagen gefragt“. Der demografische Wandel werde Spuren hinterlassen. „Bis 2030 geht die Zahl der Deutschen um fünf Millionen zurück. Wir haben dann 40 Prozent weniger Kinder und Jugendliche, aber 33 Prozent mehr über 60-Jährige. Die Kunden werden älter, aber auch weniger. Und der Kampf um die Fachkräfte wird immer härter geführt“, so König. Obendrein sei ein Mangel an Unternehmern, vor allem an jungen, gerade im Einzelhandel inzwischen ein großes Thema.

Die Kunden nutzten heutzutage alle Vertriebskanäle. Diejenigen, „die nur stationär kaufen, sterben nach und nach aus“. Die E-Commerce-Branche werde dominiert von wenigen Unternehmen, allen voran von Amazon mit 6,5 Milliarden Euro Umsatz – vor dem Otto-Versand (zwei Milliarden) und Zalando (870 Millionen). „Wer sich online betätigt, muss wissen, mit welchen Wettbewerbern er es aufnimmt“, so der Referent. Lebensmittel, Getränke, Drogerie- und Gesundheitsartikel machten heute noch das Geschäftsleben in kleinen Gemeinden aus. Der Handel brauche die Stadt nicht mehr zwingend, andersherum die Stadt den Handel aber sehr wohl.

Welches Ausmaß das Sterben der Geschäfte erreicht hat, sprach Gerhard Kier, FDP-Vorsitzender des Landesfachausschusses „Stadtentwicklung“, an. Er nannte Kommunen in der Grafschaft Bad Bentheim und im Weserbergland als Negativbeispiele: „Da ist nichts mehr. Da kommt zweimal die Woche der Verkaufswagen vorbei.“

Was können Kommunen tun, um dem Einzelhandelssterben zu begegnen? Aus den Antworten der Referenten sprach Ratlosigkeit. Kier warb im Interesse der Bewahrung einer „lebendigen Mitte“ im Ort dafür, den Handel „als Partner“ einzubeziehen und die Einzelhändler – auch mit Blick auf Verkehrsanbindung und Parkraum – nach Kräften zu unterstützen.

Deutlich wurde: Einzelhandelsentwicklungskonzepte mögen innerhalb gewisser Grenzen als lenkendes städtebauliches Instrument taugen, ändern aber rein nichts daran, dass sich der stationäre Händler, wo auch immer er ansässig ist, tagtäglich weltweiter (Online-)Konkurrenz erwehren muss – ein Ergebnis von „digitaler Globalisierung“, aber – und das blieb ungesagt – auch des „freien Spiels“ der Marktkräfte.

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