Häme für „Spaziergänger“

AfD-Ratsherr entschuldigt sich: „Wollten keineswegs instrumentalisieren“

Mindestabstand durchgängig eingehalten? Dieses Standbild aus einem von der AfD online gestellten Video beweist eher das Gegenteil. Quelle: AfD-Kreisverband Oldenburg Land
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Mindestabstand durchgängig eingehalten? Dieses Standbild aus einem von der AfD online gestellten Video beweist eher das Gegenteil.

Harpstedt – Die sogenannten „Spaziergänger“, die gegen die Coronapolitik von Bund und Ländern aufbegehren, sind nun auch in Harpstedt angekommen, ohne dass die breite Öffentlichkeit ihnen groß Beachtung geschenkt hätte. Eine Menschengruppe, darunter einige Kinder, sammelte sich am Dienstagabend gegen 18.30 Uhr auf dem Marktplatz und „flanierte“ – teils mit Laternen – durch den Ort. Vor der Tür der Christuskirche wurden Kerzen hinterlassen. 

Aktualisierung vom 7. Januar: Es sei anscheinend der Eindruck entstanden, dass der „Abendspaziergang“ in Harpstedt vom Dienstag eine Veranstaltung der Alternative für Deutschland (AfD) gewesen sei; „ich möchte hiermit ausdrücklich betonen, dass dies nicht der Fall war“, äußerte sich am Freitagnachmittag AfD-Ratsherr Dayne Conrad schriftlich gegenüber unserer Zeitung. „Wir möchten diesen Spaziergang keineswegs instrumentalisieren“, heißt es in seiner Klarstellung. Conrad: „Persönlich und im Namen der AfD möchte ich mich bei den Teilnehmern des Abendspaziergangs für diesen entstandenen Eindruck entschuldigen. Die Teilnahme am Spaziergang erfolgte von zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern ohne politischen Hintergrund. Es ist verständlich und nachvollziehbar, dass eine Parteizugehörigkeit der Spaziergänger daraus nicht abgeleitet werden kann und sollte. Ich selbst war am besagten Abend nicht vor Ort; somit sind mir Details nicht hinreichend bekannt.“ Auf eine Anfrage hin habe er, Conrad, nur eingewilligt, erhaltene Infos an unsere Zeitung weiterzuleiten. Dass „Videos während des Spaziergangs gedreht wurden“, habe er nicht gewusst. Dayne Conrad hat inzwischen die Löschung der Clips erwirkt. Er distanziere sich ausdrücklich von dem Vorgehen und entschuldige sich in aller Form „für die Unannehmlichkeiten bei den Teilnehmern“.

Ursprünglicher Bericht vom 6. Januar: Die Polizei gab die Zahl der Teilnehmer, die dem „bürgerlichen Spektrum“ zuzuordnen“ seien“, mit etwa 30 an. Ob es sich um ortsansässige oder ortsfremde „Spaziergänger“ handelte, vermochte Pressesprecherin Ricarda von Seggern nicht zu sagen. Nach Angaben des AfD-Samtgemeinderatsherrn Dayne Conrad vom Donnerstag sollen „30 bis 35“ Teilnehmer*, darunter „Liberale aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten“, dabei gewesen sein – in der Absicht, sich „über die anhaltenden und immer mehr auf Unverständnis stoßenden Corona-Maßnahmen“ auszutauschen.

Die nicht angemeldete Demo war dem Vernehmen nach in der Telegram-Gruppe „Freie Niedersachsen“ verabredet worden. Der AfD-Kreisverband Oldenburg Land spricht von einem friedlichen Verlauf des gut einstündigen „Spaziergangs“. Anderthalb bis zwei Meter Sicherheitsabstand hielten die Demonstranten in der Pandemie keineswegs durchgängig ein. Das beweist ein von der AfD selbst online gestelltes Video mit Aufnahmen, die nahe dem Inkoop-Markt am Junkernkamp entstanden.

Disput mit einem Polizeibeamten

Die Polizei wurde auf die „Spaziergänger“ aufmerksam, als die Demo bereits im Gange war. Danach habe sich das Teilnehmerfeld aufgesplittet, und die Kleingruppen hätten „teilweise verschiedene Wege eingeschlagen“, so Ricarda von Seggern. 

In Höhe der Volksbank sprach ein Polizeibeamter einen filmenden Teilnehmer an und stellte sich ihm in den Weg. „Abstände einhalten! Nicht stehen bleiben“, reagierte der „Abendspaziergänger“ höchst unwirsch. „Sie filmen das Ganze. Richtig?“, erkundigte sich der Ordnungshüter. Der Angesprochene bestätigte das. Beim Versuch des Polizisten, den Mann über die Rechtslage zu belehren, fiel der ihm mit aggressivem Ton ins Wort: „Warum halten Sie die Abstände nicht ein? Es ist Corona. Halten Sie die Abstände ein!“ Der Beamte entgegnete mit ruhiger Stimme: „Wenn das Ganze veröffentlicht werden sollte, stellt das eine Straftat dar.“ Darauf der Demonstrant: „Das ist nicht korrekt. Sie sind eine Person der Zeitgeschichte.“

Ein Video von seinem eigenen Spaziergang zu machen, stellt natürlich keine Straftat dar.

AfD Oldenburg Land

Die AfD bewertet die Belehrung des Beamten als Einschüchterungsversuch. „Ein Video von seinem eigenen Spaziergang zu machen, stellt natürlich keine Straftat dar“, betont der Kreisverband auf seiner Website. Das hatte der Polizist so freilich auch gar nicht behauptet.

Juckt mich nicht, ob die da rumlatschen.“

Post in „Weltstadt Harpstedt“

Wenn der „Spaziergang“ keine Spontanversammlung gewesen und das ordnungsgemäße Anmelden als Demonstration unterblieben sei, obwohl es möglich gewesen wäre, sei das grundsätzlich als Ordnungswidrigkeit zu bewerten, äußerte sich Ricarda von Seggern auf Nachfrage. Vor diesem Hintergrund stünden etwaige Ermittlungen zu der Frage an, ob es eine vorherige Verabredung gegeben habe.

Unsere Zeitung hatte keine Kenntnis von der Demo und erkundigte sich im Nachhinein in der Facebook-Gruppe „Weltstadt Harpstedt“, inwieweit die Einwohnerschaft davon Notiz genommen habe. Als Reaktion wurden die spazierenden Demonstranten teils mit Häme bedacht. Sie hätten „vielleicht den ,Sonnenstein" gesucht“, hieß es spöttisch in Anspielung auf die ehemalige Harpstedter Kultdisco, die bekanntlich ins Museumsdorf Cloppenburg „transloziert“ und dort weitgehend originalgetreu hergestellt worden ist.

In einer Diktatur wärt ihr Spaziergänger verschwunden, und keiner wüsste wo.“

Post in „Weltstadt Harpstedt“

Der Kommentierende hinterfragte: „Wem soll denn so eine Demo in Harpstedt auffallen?“ Pures Desinteresse sprach aus einem anderen Post: „Juckt mich nicht, ob die da rumlatschen.“

Diskussion grundsätzlicher Natur

Weitere Beiträge beinhalteten eine Diskussion grundsätzlicher Natur über Demokratie, Freiheiten und Grundrechte. „Diese Hetzjagd und Diffamierung Andersdenkender finde ich sehr bedenklich“, äußerte sich eine Frau. Ein Mann hatte das Gerede über die vermeintliche „Coronadiktatur“ offenkundig gründlich satt: „In einer Diktatur wärt ihr Spaziergänger verschwunden, und keiner wüsste wo.“ Das Virus sei „schlauer“ als die Demonstranten: „Es bedankt sich unter Umständen und klinkt sich ein bei euch.“

*Die Zahl ist auf Grundlage einer anderen Quelle nach unten korrigiert worden; zunächst war von „mehr als 40“ die Rede gewesen.

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