Vor 35 Jahren: Erbitterter Widerstand gegen die Vereinheitlichung der Altpapierabfuhr

Grüne Tonnen tonnenweise entsorgt

Abgefunden haben sich die Verbraucher im Großen und Ganzen mit der Papiertonne. Nur vereinzelt und gelegentlich ist noch Bedauern über den Verlust der Einnahmequelle für Vereine zu vernehmen.
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Abgefunden haben sich die Verbraucher im Großen und Ganzen mit der Papiertonne. Nur vereinzelt und gelegentlich ist noch Bedauern über den Verlust der Einnahmequelle für Vereine zu vernehmen.

Harpstedt/Landkreis – Vergleichsweise geräuschlos ist im Landkreis Oldenburg die Einführung der Wertstofftonne über die Bühne gegangen, die mit Wirkung vom 1. Januar 2021 die gelben Säcke ablöst. Vor 35 Jahren mutierte ein anderes „Entsorgungsthema“ zu einem weit „heißeren Eisen“: Gegen die 1985 von der CDU/FDP-Mehrheitsgruppe im Kreistag durchgesetzte Einführung der grünen Papiertonne regte sich erbitterter Widerstand. „Und zwar angeheizt durch die Opposition“, erinnert sich Heinz Nienaber aus Groß Köhren. Aus der Samtgemeinde Harpstedt gehörten damals er und Werner Finke der Kreistags-CDU an.

Die SPD und auch die Biologische Schutzgemeinschaft Hunte  (BSH) machten aus ihrer Ablehnung der Papiertonne keinen Hehl. Das brachte ihnen die Kritik ein, Bürger gegen eine demokratische Mehrheitsentscheidung aufzuhetzen: „SPD und BSH blasen zum Sturm gegen die Einführung der grünen Tonne“, hielt ihnen der CDU-Kreistagsfraktionsvorsitzende Hans-Joachim Selke vor. In einem Leserbrief reagierte Hermann Bokelmann, damals nicht nur Bürgermeister des Fleckens Harpstedt, sondern auch SPD-Kreistagsmitglied, empört: Es könne nicht angehen, dass Bürger, die sich negativ zur Altpapiertonne äußerten, als „Aufhetzer“ hingestellt würden.

Der große Zankapfel: Es gab bereits ein gut funktionierendes Abfuhrsystem, das auch noch Geld in die Kassen von Vereinen und Institutionen spülte. Warum also etwas Neues einführen, zumal die Vereinheitlichung Nachteile erahnen ließ? Vereine, die Altpapier sammelten, um es zwecks Recyclings zu „versilbern“, sahen diese Einnahmequelle durch die grüne Tonne bedroht – zu Recht, wie sich herausstellen sollte.

Ob Hermann Niemann, der Vorsitzende der Harpstedter Werbegemeinschaft, deren Mitglieder seit Jahren ihr Altpapier durch eine Bremer Firma abholen ließen, ein „Hetzer“ sei, empörte sich Hermann Bokelmann in einem Leserbrief als Reaktion auf Hans-Joachim Selkes Vorwurf. In diese Ecke wollte er auch Hermann Kruse, den damaligen „Chef“ der Harpstedter Feuerwehr, nicht gestellt sehen, zumal die Brandschützer mit der Altpapiersammlung die Deponie schon zu einer Zeit entlastet hätten, als „im Kreistag noch kaum einer daran dachte“. Kruse, Niemann und Karla Redweik reichten einen Bürgerantrag gegen die grüne Tonne ein, den 1 323 Einwohner der Samtgemeinde mit ihren Unterschriften stützten. Die Vereine fürchteten indes sogar Beitragserhöhungen als Folge der Novellierung. Der Tischtennisverein Klein Henstedt etwa ging – einem Leserbrief zufolge – von einer 30-prozentigen Anpassung nach oben aus.

Eine gewisse Abneigung gegenüber der Papiertonne sei vorgezeichnet gewesen, räumt Heinz Nienaber rückblickend ein. Die Bewohner des Landkreises seien zudem wohl nicht „gut genug darauf vorbereitet worden“. Jedenfalls habe die Heftigkeit des Widerstands von Tag zu Tag zugenommen. Die Presse sei daran nicht unbeteiligt gewesen. Gleiches gelte für „eine Vielzahl von Mitgliedern des Samtgemeinderates“.

Friedrich Harnisch (SPD) aus Harpstedt habe Mitte September 1985 in einem Leserbrief geäußert, bislang seien in der Samtgemeinde nur zwei erklärte Verfechter der Papiertonne bekannt geworden, „nämlich Werner Finke und ich“, entsinnt sich Nienaber. Und Hermann Bokelmann? Der sei auffallend gut gelaunt gewesen, augenscheinlich wegen der Entwicklung und der Stimmung gegen die grüne Tonne, erzählt der Groß Köhrener schmunzelnd.

Es blieb nicht bei verbalem Protest. In Kreisgemeinden schoben Bürger die Tonnen nach deren Auslieferung auf zentrale Plätze. So auch auf den Harpstedter Marktplatz. „Die Leute wollten sie einfach nicht haben“, weiß Nienaber. „Es entstand eine nie gekannte Dynamik. Innerhalb von zwei Tagen wurden einige 100 schöne, neue grüne Tonnen einfach entsorgt. Der Berg Tonnen könnte wohl zehn Meter und höher gewesen sein.“ Den Verursacher der Misere hätten die Samtgemeindebürger nicht in Landkreis, Kreistag oder CDU/FDP-Mehrheitsgruppe gesehen, sondern in Werner Finke und Heinz Nienaber; das sei, ironisch ausgedrückt, „eine schöne Bescherung“ gewesen und mit reichlich Schadenfreude einhergegangen, weiß der Groß Köhrener.

Die Neuerung für den Landkreis Oldenburg kam letzten Endes doch. Offiziell vom 1. Januar 1986 an wurden die Papiertonnen geleert.

Von Jürgen Bohlken

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