Japanische Forscher weilen in Colnrade

Großes Interesse an kleinräumigen Strukturen

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Jahrtausende alte Zeugnisse der Kulturgeschichte gibt es nicht nur in Japan, sondern auch in Harpstedt; das beweist der Sonnenstein. Von links: Masami Hagai, Anne Wilkens-Lindemann, Herwig Wöbse, Keijiro Yamada, Tomoko Okamoto und Ken Nishi .

Colnrade/Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Ein kleiner Stapel Visitenkarten lag schon bereit. Weil Samtgemeindebürgermeister Herwig Wöbse gestern früh Besuch aus Japan erwartete, hatte er sich mit fernöstlichen Begrüßungsritualen vertraut gemacht. Und dazu zählt eben auch das Austauschen von Visitenkarten.

Unterschiedliche Fakultäten vertreten die Wissenschaftler Masami Hagai (Uni Tokio), Ken Nishi (philosophische Abteilung der medizinischen Universität Tokio) und Keijiro Yamada (Kanazawa Institute of Technology), die gestern in Begleitung der Dolmetscherin Tomoko Okamoto mit ihrer Gastgeberin, Colnrades Bürgermeisterin Anne Wilkens-Lindemann, in den Harpstedter Amtshof kamen.

Die Forscher haben sich im „Wildeshauser Hof“ einquartiert. Sie interessieren sich brennend für die kommunale Selbstverwaltung und die politischen Mitwirkungs- und Gestaltungsmöglichkeiten der Bürger in kleinräumigen Gemeinden. Prof. Hagai erwähnte die im Jahr 2000 in Japan vollzogene Kommunalreform, aus der deutlich größere Verwaltungseinheiten mit durchschnittlich zwischen 60 000 und 70 000 Einwohnern resultierten. Von vormals rund 3 200 Kommunen blieben als Folge von Zusammenlegungen und Eingemeindungen nur etwa 1 700 übrig. Der damit einhergegangene Verlust demokratischen Mitwirkungsmöglichkeiten kann nicht verwundern. Viele Menschen in Japan hätten das Interesse an der Kommunalpolitik verloren, weiß Masami Hagai. Ob die Kommunalreform ein Rückschritt gewesen sei? Auf diese heikle Frage erwiderte er etwas ausweichend, die Gemeinden müssten sich ein Stück weit auch selbst reformieren. Die japanischen Forscher beobachten allerdings schon, dass sich die Distanz zwischen Bürger und Regierung vergrößert.

Deswegen fasziniert sie gerade ein Konstrukt wie die Samtgemeinde Harpstedt, wo bestimmte Aufgabenbereiche und kommunale Entscheidungsbefugnisse bei den Mitgliedsgemeinden angesiedelt sind. „Wir verdanken es Professor Kimiaki Yamazaki, dass wir hier sind“, spielte Masami Hagai auf einen Sozialwissenschaftler mit Lehrstuhl an der Uni Gifu an, der im Februar 2015 Colnrade besucht hatte – mit durchaus ganz ähnlichen Fragestellungen im „Gepäck“. Auch ihn faszinierten die im Vergleich zu seiner Heimat weitreichenden Chancen der Bürger, Einfluss auf das Gemeinwesen und politische Entscheidungsprozesse zu nehmen.

„Politik spiegelt sich in der Landschaft wider“

Einige Probleme, die Japan seit Jahrzehnten plagen, lassen sich indes inzwischen auch hier feststellen, etwa die Stadtflucht. Seit dem Wirtschaftsaufschwung in den 1960er-Jahren hätten „in unserem Land viele Bauern ihre Höfe aufgegeben“, so Ken Nishi. Entwurzelung und Vereinsamung in den Großstädten seien zu beobachten. Dort würden immer wieder – häufig ältere – Mitbürger erst Wochen nach ihrem Tod in ihren Wohnungen aufgefunden, weil es keine Angehörigen in ihrem Umfeld gebe, die sie vermissten. Als Philosoph ist Ken Nishi auch mit einigen großen deutschen Denkern vertraut, besonders mit dem Idealisten Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) und seiner Lehre vom „freien Subjekt“.

Eine ganz eigene Theorie vertritt indes der Stadtplaner und Landschaftsbauspezialist Keijiro Yamada. Seine These besagt, dass sich die Kommunalpolitik in der Landschaft widerspiegele. Yamada findet zudem, es bedürfte der Erarbeitung von Kriterien, die für einen wissenschaftlichen Vergleich von Kommunen aus ganz unterschiedlichen Teilen der Welt taugen.

In Colnrade, wo die japanischen Forscher zu Gast sind, nehmen sie heute Abend an der Gemeinderatssitzung teil Die Hoco-Mühle in Austen, das Neubaugebiet „Prote-Straßburg-Weg“ und das Dorfgemeinschaftshaus haben sie bereits besichtigt. Auf dem Colnrader Schützenfest erlebten die Besucher aus Fernost sogar ein Stück Dorfkultur hautnah. Die Biogasanlage von Carsten Lindemann in Beckstedt-Strohe wird ein weiteres Besichtigungsziel sein. Außerdem empfängt Landrat Carsten Harings die Gruppe heute Nachmittag im Kreishaus.

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