Sorge bei „Mikado“ und Schullandheim

Sandabbau-Verhinderungsplanung wäre unzulässig

Sandabbau hinterlässt Kraterlandschaften, so auch hier in Ortholz in der Gemeinde Groß Ippener – nördlich der A1.
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Sandabbau hinterlässt Kraterlandschaften, so auch hier in Ortholz in der Gemeinde Groß Ippener – nördlich der A1.

Große Höhe – „Mikado“, Wildnisschule und Schullandheim sehen im Sandabbau ein Damoklesschwert. Doch die Chancen, dass ein südlicher Teilbereich der Großen Höhe unter Naturschutz gestellt wird, stehen schlecht.

Auf Antrag der SPD-Fraktion hat Bauamtsleiter Jens Hüfner am Donnerstag im Bau-, Umwelt- und Planungsausschuss der Samtgemeinde Harpstedt die vor rund 20 Jahren eingeleiteten Bemühungen erläutert, den Sandabbau auf Konzentrationszonen im Außenbereich zu begrenzen. Das gipfelte 2002 in vier Sonderbauflächen im Flächennutzungsplan (FNP): sowohl nördlich als auch südlich des Groß-Ippener-Weges in Kirchseelte, im Bereich Sprengelsberg (auf Wunsch der Gemeinde Groß Ippener) sowie im Raum Ortholz/Große Höhe. Als fünftes Abbau-Areal kamen 2011 – nach zwischenzeitlich erfolgtem Rückbau einer Erdgasförderstelle – sieben weitere Hektar zwischen den beiden Kirchseelter Flächen hinzu.

Den von seiner Fraktion gestellten Antrag begründete Klaus Budzin (SPD) mit aufgetretenen „Irritationen“. Er spielte auf eine mit knapper Mehrheit vom Kreisumweltausschuss befürwortete Empfehlung an. Danach bleibt es das kreisseitige Ziel, einen Teil der südlichen Großen Höhe in der Gemeinde Prinzhöfte wegen seiner ökologischen Bedeutung als Naturschutzgebiet auszuweisen. Ein Antrag der Kreistags-Grünen hatte die noch andauernde Debatte losgetreten.

Hartmut Post (CDU) schimpfte am Donnerstag, eine solche Einmischung in die Flächennutzungsplanung der Samtgemeinde habe er noch nicht erlebt; er verbitte sich so etwas. Das ins Auge gefasste Naturschutzgebiet widerspricht in der Tat klar der Darstellung im gültigen FNP: Das Areal ist Bestandteil der Sandabbau-Sonderbaufläche Große Höhe/Ortholz, die sich – deckungsgleich – im Landesraumordnungsprogramm (LROP) als Vorranggebiet für die Rohstoffgewinnung (Sand) wiederfindet. Bodenabbau und Naturschutz aber sind unvereinbar.

Massiver Eingriff in die Planungshoheit

Die SPD-Fraktion wolle wissen, so Budzin, ob es möglich wäre, die Samtgemeinde zur Änderung des FNP zu zwingen. Der Landkreis könnte nicht einfach ein Naturschutzgebiet ausweisen, weil er damit massiv in die gemeindliche Planungshoheit eingriffe, erwiderte Amtshof-Chef Herwig Wöbse. Der Samtgemeindebürgermeister hatte den Kreis Oldenburg in einer verwaltungsseitigen Stellungnahme darum gebeten, von einer Unterschutzstellung des südlichen Teils der Großen Höhe Abstand zu nehmen.

Zusätzlich untermauert wird das nun durch ein mehrheitliches politisches Votum, das in die gleiche Kerbe schlägt: Eine Empfehlung des Bau-, Umwelt- und Planungsausschusses, von Hartmut Post beantragt, beinhaltet, den FNP nicht zu ändern. Sieben Ausschussmitglieder stimmten dafür, Götz Rohde, Regina Huntemann (beide Bündnis 90/Die Grünen) und Klaus Stark (SPD) indes dagegen; Klaus Budzin (SPD) enthielt sich. So zumindest stellte sich das Abstimmungsergebnis für den Vorsitzenden Günter Wöbse (CDU) da. Klaus Stark wunderte sich im Nachhinein: Er habe sich doch der Stimme enthalten, ließ er auf Nachfrage unserer Zeitung wissen. Ob diese Ungereimtheit mit den Tücken der Videokonferenztechnik in Hybridsitzungszeiten zu tun hat, wird sich nun wohl nicht mehr klären lassen.

Zurück zum Sitzungsverlauf: Die Ausweisung von Konzentrationszonen sei seinerzeit erfolgt, um einer Verkraterung der Landschaft und zu großen Belastungen der Bevölkerung durch den Sandabbau entgegenzuwirken, riefen Jens Hüfner und Herwig Wöbse ins Gedächtnis zurück.

Eine Teilfläche aus einem Vorranggebiet für die Rohstoffgewinnung „herauszulösen“, damit sie unter Naturschutz gestellt werden kann, wäre unzulässig. Das hieße, wider den übergeordneten raumordnerischen Auftrag zu handeln. Die Samtgemeinde darf keine Verhinderungsplanung betreiben. Und ihre Planungen müssen zwingend im Einklang mit dem im LROP ausgewiesenen Vorranggebiet Ortholz/Große Höhe stehen. Auch der Landkreis kann sich nicht einfach darüber hinwegsetzen und dem Naturschutz Priorität einräumen. Das zu erwirken, dürfte (wenn es denn überhaupt gelingen kann) ein höchst schwieriges Unterfangen werden. Am Anfang müssten Gespräche stehen – sowohl mit der Samtgemeinde als auch mit dem Land.

Das Vorranggebiet misst insgesamt rund 270 Hektar. Doch nicht überall könnte tatsächlich Sand gewonnen werden. Es gibt sozusagen unantastbare Tabuzonen. Gebäudebestand und auch etwaige Hügelgräber gehören unter anderem dazu.

Begrenzte Lenkungsmöglichkeiten

Im Tagungshaus „Mikado“, bei der Wildnisschule und im benachbarten Schullandheim macht man sich gleichwohl Sorgen: Der ins Auge gefasste sechsstreifige A1-Ausbau würde riesige Mengen Bausand erfordern. Die Große Höhe könnte als potenzielle Abbaustätte ins Visier rücken – mit großräumiger Naturzerstörung und Minderung des Erholungswertes als erwartbaren Konsequenzen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Sandabbau in dem Bereich würde die Bereitschaft der Stadt Delmenhorst (als Eigentümerin) zum Verkauf der Fläche voraussetzen.

Die Verbreiterung der A1 wäre angesichts der Verkehrs- und der Unfalllage sehr wünschenswert, ist aber bislang im Bundesverkehrswegeplan nicht im vordringlichen Bedarf.

Herwig Wöbse

Auf eine Nachfrage von Birgit Blocksdorff („Mikado“) zur Autobahnverbreiterung in der Einwohnerfragestunde erwiderte Herwig Wöbse: „Die zuständige Behörde hat mit den ersten vorbereitenden Schritten für eine spätere Planung angefangen. Meines Wissens sind Vermessungsarbeiten durchgeführt worden. Die Verbreiterung der A1 wäre angesichts der Verkehrs- und der Unfalllage sehr wünschenswert, ist aber bislang im Bundesverkehrswegeplan nicht im vordringlichen Bedarf.“ Die Maßnahme könne also auf sich warten lassen, zumal der Bund auch das nötige Geld aufbringen müsse.

Und zwar nicht wenig Geld: Die Kosten für den Ausbau zwischen den Dreiecken Ahlhorner Heide und Stuhr sind mit 203,5 Millionen Euro veranschlagt.

Das Thema „Sandabbau-Steuerung“ dürfte die Samtgemeinde auf lange Sicht weiterhin beschäftigen. Über die Ausweisung neuer Konzentrationszonen ist nachzudenken, wenn der Sand auf den jetzt ausgewiesenen Sonderbauflächen zur Neige geht. Die kommunalen Lenkungsmöglichkeiten im Außenbereich bewegen sich in engeren Grenzen als bei der Windkraft. Da spielen auch Bausandbedarfe eine Rolle, die aufgrund des raumordnerischen Auftrages mengenmäßig zwingend zu „bedienen“ sind. Auf die Debatte im Fachausschuss kommt unsere Zeitung zurück.

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