Unheimliche Begegnung in Groß Ippener

„Wölfe wirkten hungrig, nicht entspannt“

Auf ihren Friesenhengst Jitze konnte sich Showreiterin Anke Söker in der bedrohlichen Situation verlassen.
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Auf ihren Friesenhengst Jitze konnte sich Showreiterin Anke Söker in der bedrohlichen Situation verlassen.

Groß Ippener – Eine Reiterin auf einem Friesenhengst, annähernd eine Viertelstunde lang „begleitet“ von auf gleicher Höhe nebenher laufenden Wölfen, die in ihrer Körpersprache den Eindruck erwecken, als wollten sie angreifen – schon die Vorstellung mutet gruselig an. Anke Söker aus Ganderkesee hat genau das nach eigener Aussage am späten Sonnabendnachmittag bei hereinbrechender Dunkelheit im bewaldeten Gebiet zwischen der Standortschießanlage der Bundeswehr und dem Sprengelsberg in Groß Ippener durchlitten.

Aktualisierung vom 11. November: Christian Berge, erklärter „Anwalt der Wölfe“, hat mit einer Stellungnahme auf den Vorfall in Groß Ippener reagiert. Das Verhalten der Wölfe gegenüber Anke Söker und ihrem Friesenhengst lasse nicht auf erwachsene Tiere schließen, konstatiert er. Zugleich schließt er aus, dass es sich um Jährlinge aus dem Barnstorfer Rudel gehandelt hat. Außerdem seien Pferde keiner Gefahr durch Wölfe von statistischer Relevanz ausgesetzt, bekräftigt der Experte. Berge lebt mit Wolfshunden in einer Holzhütte mit großem Garten mitten im Wald – in Buchholz (Aller), nördlich von Hannover. Er genießt bundesweit ein hohes Maß an Popularität. Die Medien haben den ehemaligen Anwalt wiederholt porträtiert.

Christian Berges Stellungnahme im Wortlaut (leicht gekürzt)

„Das Verhalten der zwei Wölfe, das Anke Söker darstellt, ist typisch für Wolfswelpen, wenn sie nicht – wie zu 98 Prozent üblich – die Wildvorsicht zeigen. Bis zu einem Alter von einem Jahr nennt man Jungwölfe Welpen; ein- bis zweijährige heißen Jährlinge.

Generell sind Wolfswelpen mit gut sechs Monaten schon grob so groß wie ihre Eltern, allerdings noch längst nicht ausgewachsen. Sie wirken deshalb so groß, weil sie noch ihr Babyfell haben. Der russische Wolfsbiologe Dr. Dimitrij Iwanowitsch Bibikow hat in seinem Buch ,Der Wolf' so schön geschrieben, ein Welpe habe 2 500 Haare pro Quadratzentimeter, ein erwachsener Wolf hingegen 2 000. Letzterer hat härteres Fell und deshalb auch weniger. Die vielen Haare lassen die Welpen so groß erscheinen wie erwachsene Tiere.

Im Kopf sind Wölfe erst mit drei bis vier Jahren erwachsen (...). Und wie Tierkinder (...) sind sie neugierig. Nicht alle Wolfswelpen oder Jährlinge sind so. Die Mehrheit ist bei Menschbegegnung trotzdem sehr vorsichtig und rennt sofort weg. Es sind zu 99 Prozent Einzelfälle, wenn junge Wölfe auf Menschen treffen. Wir hatten in Deutschland in 25 Jahren nur drei Wölfe, die wiederholt aufgefallen waren: Punkti und Kurti aus dem 2014er Munsteraner Wolfswurf und Pumpak in Sachsen, der aus Polen kam.

Erwachsene Wölfe gibt es in Nahbegegnung nicht. Sie riechen 270 Meter gegen den Wind und hören zwischen fünf und zehn Kilometer weit! Sie sind längst über alle Berge, wenn sie Menschen riechen, hören oder sehen.

Die von Anke Söker aus Ganderkesee als hungrig und in Angriffshaltung beschriebene Körperhaltung (...) ist eine typische Haltung für einerseits neugierige Jungwölfe, die aber andererseits verunsichert sind. Verunsichert, weil die Dame ja auch noch geschrien haben will und vielleicht auch Abwehrbewegung gemacht hat. Wer weiß das schon? Aber es würde erklären, warum die Neugierde eben da war. (...) Erwachsene Wölfe wären längst weg gewesen beziehungsweise hätten sich gar nicht nicht erst genähert.

Wo kamen die zwei Wölfe her? Das dichteste Rudel dürfte Barnstorf sein. Es hatte sowohl in 2020 Welpen als auch in diesem Jahr. Die Entfernung bis dort beträgt 25 Kilometer Luftlinie. Im Alter von 6,5 Monaten – Wölfe werden in etwa immer zwischen dem 24. April und 10. Mai geboren – fangen die Jungwölfe gerade an, den Bereich in ihrem Kernrevier und direkt daneben zu erkunden. Da reden wir von einem Radius von fünf Kilometern. Es ist ausgeschlossen, dass es Barnstorfer Welpen waren.

Können es Jährlinge aus Barnstorf gewesen sein? Oder Wanderwölfe? Nein, das ist meiner Meinung nach auch ausgeschlossen, weil die nicht zu zweit auf die Reise gehen. Wenn sie mal 20 Kilometer laufen, dann mit den Eltern, aber auch erst ab Dezember.

Die höchste Wahrscheinlichkeit ist meiner Meinung nach, dass es dort irgendwo eine Wolfsfamilie gibt. Als Beispiele fallen mir das Waller, das Stemmener sowie das Soltauer Rudel ein, die erst bekannt geworden sind, als die Welpen schon zehn Monate alt waren. Obwohl die Landesjägerschaft das Wolfsmonitoring vertraglich vom niedersächsischen Umweltministerium bekommen hat (vor zehn Jahren), machen da leider einige nicht mit, weil sie Angst haben, dass bei Bekanntwerden von Wolfsvorkommen in ihrem Revier Wolfstourismus beginnt.

Das Wichtigste ist, dass weder von erwachsenen noch von jungen Wölfen eine Gefahr für Mensch oder Reiter ausgeht. Aber selbst Pferde sind statistisch keiner Gefahr unterworfen.

Von 2000 bis 2017 gab es keinerlei Übergriffe auf Pferde. 2018 waren es zehn, 2019 elf und 2020 13 laut der staatlichen Website www.dbb-wolf.de (...) Und das bei 1,3 Millionen Pferden.“

Ursprünglicher Bericht vom 9. November: Passiert ist Anke Söker und ihrem Pferd trotz der ausgestandenen Ängste nichts. Für eine unerfahrene Reiterin hätte die gleiche Situation aber nach Überzeugung der 43-Jährigen richtig schlimm ausgehen können. „Mein Hengst Jitze ist auf dem Reiterhof TriConia eingestallt. Dort bin ich um 17 Uhr zu einem Austritt aufgebrochen – in Richtung Standortschießanlage der Bundeswehr. Geplant waren 20 Minuten hoch auf dem Sandweg und genauso lange wieder zurück. Doch schon zehn bis zwölf Minuten nach dem Abritt sind die beiden Wölfe etwa auf halbem Wege zwischen Sandgrube und Schießstand aufgekreuzt“, erinnert sich die Ganderkeseerin. Sie habe kurz darauf kehrtgemacht, um schnellstmöglich zurück zum Reiterhof zu gelangen.

Ich wäre wirklich gern angaloppiert. Das hätte aber bei den Wölfen wohl den Instinkt ausgelöst, dass da gerade ,Essen’ zu flüchten versucht.“

Anke Söker

„Die Wölfe sind mir aber nicht einfach gefolgt, sondern beide auf einem Wall entlang des Sandwegs neben mir hergelaufen. Sie sahen hungrig aus – jedenfalls nicht so, als wollten sie nur mal gucken. Mein Eindruck war: Sie wollten an das Pferd ran und sind permanent auf gleicher Höhe geblieben. Sie haben sich nicht vertreiben lassen. Stattdessen versuchten sie, noch näher ranzukommen. Ich habe sie immer wieder angebrüllt, um sie auf Distanz zu halten. Das Schreien hat nicht viel gebracht – außer dass die Wölfe auf dem Wall blieben, in gerade mal drei oder vier Metern Abstand zu mir und meinem Pferd. Ich fühlte mich nicht nur ein bisschen, sondern richtig gejagt. Zehn bis 15 Minuten lang. Über vielleicht 650 bis 700 Meter. Ich weiß, das hört sich nicht nach viel Strecke an“, räumt die 43-Jährige ein.

Ich fühlte mich nicht nur ein bisschen, sondern richtig gejagt.“

Anke Söker

Warum sie im Schritt geritten sei? „Ich wäre wirklich gern angaloppiert. Das hätte aber bei den Wölfen wohl den Instinkt ausgelöst, dass da gerade ,Essen’ zu flüchten versucht. Was, wenn sie meinem Hengst von hinten in die Beine gebissen hätten? Dann wäre das Pferd zu Fall gekommen, vielleicht wieder aufgesprungen und abgehauen. Und ich hätte dann womöglich als schwächstes Glied in der Kette schutzlos und vielleicht sogar verletzt am Boden gelegen.“ Dieses Risiko wollte die Reiterin auf keinen Fall eingehen. Sie wünschte sich Kieselsteine, die sie zum Selbstschutz und zur Abwehr hätte werfen können. Und sie hätte es eventuell sogar riskiert, mit ihrem Hengst „draufzuhalten“, wären die hartnäckigen Jäger nicht an ihrer „ungeschützten Seite“ gelaufen, sondern vor dem Pferd. Diesen Gefallen taten die hartnäckigen Vierbeiner ihr aber nicht.

Der türkisfarbene Strich zeigt den Weg bis zu der Stelle, an der die zwei vierbeinigen Jäger auftauchten. Nach Darstellung von Anke Söker hat es sich um Wölfe gehandelt. Die Linie in Pink markiert die Strecke bis zu dem Punkt, an dem sich die ungebetenen Begleiter – aus welchem Grund auch immer – zurückzogen (Bild bitte durch Anklicken unten rechts ganz öffnen). Grafik: Söker/Google Maps

Was sie so sicher mache, es wirklich mit Wölfen und nicht mit Hunden zu tun gehabt zu haben? „Ich bin ein Mensch, der viel in der Natur unterwegs ist. Ich bin auf dem Land großgeworden. Die Wölfe sahen nicht nur optisch wie solche aus. Ich konnte sie auch an ihrem Gangbild identifizieren. Ein Wolf läuft einfach anders als ein Hund“, weiß die Ganderkeseerin. Normalerweise freue sie sich bei Ausritten über jedes Tier, das sie in freier Natur erblicke. In der Dämmerung von zwei augenscheinlich erwachsenen und alles andere als freundlich wirkenden Wölfen gejagt zu werden, sei hingegen bedrohlich gewesen, zumal sich der Eindruck der besonders schnell hereinbrechenden Dunkelheit im Wald noch verstärkt habe.

Dunkelheit schien besonders schnell hereinzubrechen

Anke Söker war froh, dass sie eine leistungsstarke Lampe am Kopf trug. „Die erzeugt mit 30 .000 Lumen richtig viel Licht. Fast schon so viel wie ein Autoscheinwerfer. Ich hatte das Gefühl, dass die Wölfe die Dunkelheit suchen, um zu jagen. Je näher ich mich mit meinem Pferd dem Reiterhof näherte, desto weiter blieben sie zurück. Ich sah sie nun nicht mehr so oft – und wenn doch, dann zumeist nur im Schein der Lampe. Als ich aus dem Wald herausritt, war es wieder deutlich heller. Abgehauen sind die Wölfe zwischen dem Ende der Sandgrube und der sich daran anschließenden Tannenschonung“, entsinnt sich die Reiterin.

Der Hengst hatte Angst, obwohl er sonst in ungewohnten Situationen ruhig bleibt und sich auf mein Urteil verlässt.“

Anke Söker

Dass ihr Friesenhengst Jitze litt, wenngleich er Stresssituationen aus dem Showreiten kenne und meistere, entging ihr nicht. „Ich habe ihn unter Kontrolle gehabt. Er hat sich untergeordnet, aber trotzdem gezittert. Der Hengst hatte Angst, obwohl er sonst in ungewohnten Situationen ruhig bleibt und sich auf mein Urteil verlässt“, sagt Anke Söker.

Zu sehr unter Stress: Reiterin lässt „Siri“ den Notwurf wählen

Sie selbst stand derweil unter höchster Anspannung: in einer Hand Zügel und Gerte, in der anderen das Smartphone, darauf hoffend, schnelle Hilfe herbeitelefonieren zu können. Rufnummern einzutippen, war Söker bei all dem Stress nicht möglich; das Wählen überließ sie „Siri“. Zunächst versuchte die 43-Jährige zweimal, eine Freundin vom Reiterhof zu erreichen, die dort gerade ihren Einstand feierte. Niemand ging ran. Die Panik verstärkte sich. Die Reiterin ließ daraufhin „Siri“ den Notruf wählen und landete bei der Großleitstelle. Die erkundigte sich nach ihrem genauen Standort. Zwischendurch brach die Verbindung ab. Das längere Telefonat brachte letztlich nichts ein, beruhigte die Ganderkeseerin aber zumindest ein bisschen, bis sie den Reiterhof wieder erreichte.

Ob es Wölfe wirklich mit einem 650 Kilogramm schweren Friesen aufnehmen würden, vermag Anke Söker nicht einzuschätzen. Das Pferde und Kühe von ihnen gerissen werden, komme aber ja vor. Woran sie den Jagdtrieb erkannt habe? An Gesichtsausdruck und Körpersprache, den kraftvollen, schnellen Bewegungen und der hohen Körperspannung, die sich auch in der Haltung der Rute offenbart habe, erwidert die 43-Jährige. Die Wölfe hätten sie zudem permanent fixiert. Nein, der Eindruck sei nicht gewesen, es mit locker und entspannt vor sich hin trabenden Tieren zu tun zu haben, sondern das genaue Gegenteil.

Hund und Wolf werden oft verwechselt

Groß Ippeners Bürgermeister Georg Drube hat von dem Vorfall bereits Kenntnis. Die Angelegenheit müsse öffentlich gemacht werden, damit Halter von Nutztieren, insbesondere Schafen, gewarnt seien, findet er.

Das Wichtigste aus dem Landkreis Oldenburg: Immer samstags um 7:30 Uhr in Ihr Mail-Postfach – jetzt kostenlos anmelden.

Gleichwohl: Dass es sich wirklich um Wölfe gehandelt hat, ist bislang nicht erwiesen. Es gibt Hunderassen, die nur allzu oft mit „Isegrim“ verwechselt werden. Dazu gehört beispielsweise der Tschechoslowakische Wolfhund. Die Ähnlichkeit kommt nicht von ungefähr: Diese Rasse hat ihren Ursprung nämlich in Kreuzungen von Deutschen Schäferhunden mit Wölfen.

Podcast: Experte gibt Tipps für Wolfsbegegnung

Bei „Kreis und Quer“, dem Podcast der Mediengruppe Kreiszeitung, geht es ebenfalls um das schwierige Verhältnis zwischen Mensch und Wolf. Neben zwei Schäfern, dem Landvolk und Umweltminister Olaf Lies äußert sich auch Wolfsberater Dr. Marcel Holy zum Thema - und gibt Tipps, wie man sich bei einer Wolfsbegegnung am besten verhält.

Die Folge „Wird der Wolf zur Plage?“ gibt es ab sofort bei YouTube, Spotify, Apple Podcast und direkt hier im Artikel.

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