Er war aber beileibe nicht der erste musikalische Leiter

Grimsehl gilt als der einflussreichste Dirigent

Aus dem Jahr 1991 stammt diese Aufnahme der „Liedertafel“. Sie entstand damals aus Anlass des 150-jährigen Vereinsbestehens. Der Männerchor ist der älteste Harpstedter Verein. - Archivfoto: Harro Hartmann

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Anlässlich des 175-jährigen Bestehens des Männergesangvereins (MGV) „Liedertafel“ Harpstedt begeht die Sängerkreisgruppe Klosterbach-Delme ihr Kreisgruppenchorkonzert am Sonntag, 24. April, 17 Uhr, in der Christuskirche. Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt frei. Das Programm gestalten werden die gemischten Chöre aus Bassum, Bramstedt und Harpstedt sowie die Männerchöre aus Bassum und Harpstedt.

Robert Grimsehl gilt bis heute als der einflussreichste Dirigent des MGV. Er war allerdings beileibe nicht der erste: Die Stabführung lag nach der Gründung vor nun 175 Jahren zunächst in den Händen von Lehrer Conrad W. Ulrich. Über diesen höchst autoritären Zeitgenossen schlummern im Samtgemeindearchiv Beschwerden, wonach er Schüler, die etwas nicht begriffen, rücksichtslos grün und blau geprügelt haben soll.

„Das war auch für die damalige Zeit zu viel, und da es nicht gelang, Brandes auf eine andere Stelle ,wegzuloben’, musste man ihn 1854 im Alter von 54 Jahren pensionieren“, schrieb Chronist Dirk Heile vor 25 Jahren anlässlich des 150-jährigen MGV-Bestehens. Der vorzeitig aus dem Berufsleben gedrängte Lehrer, der Harpstedt 1850 verließ, lebte, so wollte es das Schicksal, noch lange; erst im Alter von fast 100 „Lenzen“ segnete er 1900 das Zeitliche.

Als Chorleiter beerbte ihn wiederum ein Pädagoge: Ernst Heinrich Diedrich Christoph Bornkamp, der seit 1849 in Winkelsett als alleiniger Lehrer an der dortigen „Reiheschule“ unterrichtete, übernahm die Stabführung. Die „kleine Nebeneinnahme“ für die Chorleitung, „20 Thaler im Jahr“, sei ihm sicherlich sehr willkommen gewesen, vermutete Heile. Als er 1854 seinen Wirkungskreis verließ, musste wieder ein „Neuer“ her: Kantor W. Meyer dirigierte den Chor nur drei Jahre lang; dann ging auch er. Sein Nachfolger Friedrich Goltermann, ebenfalls Kantor, musste 1860 wegen Dienstunfähigkeit pensioniert werden. Friedrich Wilhelm Baumgarten, der seinerzeit als Junglehrer in Harpstedt die zweite Lehrerstelle besetzte, wirkte sodann acht Jahre als Dirigent, bis er diese Aufgabe 1868 versetzungsbedingt abgab. Bis 1873 leitete Kantor Diedrich Mügge den Männerchor. Mit seiner erfolgreichen Bewerbung um eine andere Stelle endete diese Tätigkeit. Dass der als Kantor nachfolgende Gustav Husmann die Übernahme der Stabführung ablehnte, hing mit einer Krise zusammen, die der Chor seinerzeit durchlitt. Das Vereinsleben ruhte deswegen bis 1879.

Zurück in das Gründungsjahr: 1841 zählte Harpstedt gerade mal rund 1 000 Einwohner. Dort befand sich der Sitz des Amtes, also einer

Amtmann zählte zu den Mitbegründern

staatlichen Verwaltungsbehörde mit auch polizeilichen und gerichtlichen Aufgaben. Ansonsten prägten die Kirche mit zwei Pfarren und die Schule das dörfliche Leben entscheidend mit. Zur „Bildungsschicht“, die nach Einschätzung von Dirk Heile die Entstehung eines Gesangvereins begünstigte, zählten neben den Lehrern auch ein Arzt und ein Apotheker, ebenso Kaufleute und Handwerker. Als prominentester Mitbegründer der „Liedertafel“ gilt Gustav Lüning, der damalige Amtmann in Harpstedt. Dem ersten Dirigenten, jenem berüchtigten Lehrer Ulrich, wird eine natürliche musikalische Begabung nachgesagt. Er komponierte selbst. So stammt auch das Lied, das 1847 zur Weihe der ersten Vereinsfahne erklang, aus seiner Feder. Es ist bis übrigens in die Gegenwart hinein erhalten geblieben.

Säle örtlicher Gaststätten nutzte der Chor anfangs als Übungsräume. Da sie aber im Winter unbeheizt blieben, wichen die Sänger in der kalten Jahreszeit in einen Schulraum aus. Für das Heizen hatten wiederum die Mitstreiter abwechselnd zu sorgen.

Gesungen wurde immer am Sonnabendabend. Das blieb so bis 1953, also sage und schreibe mehr als 100 Jahre lang. Das erste Sängerfest, das in die Annalen der Vereinsgeschichte einging, datiert von 1867. Drei Jahre später schloss sich die „Liedertafel“ dem damals gegründeten „Alten Bund“ an.

Nach Lehrer Walsemann übernahm dann doch Kantor Husmann, allerdings nur kurzzeitig, die Chorleitung, obgleich er das zuvor abgelehnt hatte. Von 1883 bis 1900 dirigierte mit W. Duve-neck erstmals kein Lehrer, sondern ein Berufsmusiker die „Liedertafel“. Die Amtszeit seines Nachfolgers Otto Müller endete jäh und besonders tragisch: Der Kantor verstarb 1911 an den Folgen eines Sturzes von einer Treppe. Heinrich Bockhorst hatte die musikalische Chorleitung mit Unterbrechung im Ersten Weltkrieg bis 1921 inne. Untrennbar mit der Vereinsgeschichte verbunden ist der Uhrmacher Hermann Heinrich Pestrup, der von 1879 bis 1925 als Vorsitzender der „Liedertafel“ neues Leben einhauchte, insbesondere nach den Kriegsjahren. In seiner Amtszeit gab sich der Chor neue Statuten. Wer bei Proben fehlte oder aber zu spät kam, musste nun ein Strafgeld zahlen. Aus diesen Einnahmen deckte der Ver-

„Konkurrenz“ durch die „Eintracht“

ein die Kosten gemeinsamer Ausflüge. Über Neuaufnahmen entschied der MGV in geheimer Abstimmung. Die Mitgliederzahl wurde auf maximal 30 begrenzt (heute, in Zeiten des Nachwuchsmangels, mutet das kurios an).

Weil nicht alle beitrittswilligen Sangesfreunde beitreten konnten, bekam der Chor 1886 mit dem Gesangverein „Eintracht“ Konkurrenz. Doch auch dieser Chor „limitierte“ die Zahl der Mitglieder – auf höchstens acht pro Stimme. Er probte wie der MGV im Stolzeschen Saal (später „Harpstedter Krug“). In beiden Vereinen ruhte während des Ersten Weltkrieges die Sangestätigkeit. Während der Weimarer Republik verschmolzen die zwei Chöre im Mai 1920 zur „Vereinigten Liedertafel Harpstedt“ (die ab 1938 nur noch „Liedertafel Harpstedt“ hieß). Die Beschränkung der Mitgliederzahl fiel nun weg. Im Juli 1928 nahm eine Abordnung des Chors am deutschen Sängerbundfest in Wien teil – an der Seite von mehreren 1000 Mitstreitern aus dem deutschsprachigen Raum.

Robert Grimsehl stand ab 1925 für 33 Jahre lang als Vorsitzender an der Chorspitze. Von 1929 bis 1947 und von 1950 bis 1957 drückte er der „Liedertafel“ als Dirigent seinen Stempel auf. „Er war jahrzehntelang der Mann, der im Flecken dem Kulturleben die stärksten Impulse gab“, huldigte Dirk Heile dem Hauptlehrer und Rektor.

Im Zweiten Weltkrieg kam das Vereinsleben abermals zum Erliegen, wenn auch nicht sofort nach Kriegsbeginn. Die Mitgliederzahl schrumpfte. Anfang 1940 zählte die „Liedertafel“ noch 37 aktive Sänger. Die „Reanimierung“ nach der NS-Diktatur gestaltete sich schwieriger als nach dem Ersten Weltkrieg. Grund: Die Alliierten wollten ein erneutes Erstarken aller Organisationen mit möglichem Bezug zur NSDAP verhindern. Daher betrachteten sie sämtliche Bestrebungen in Richtung Wiedergründung von Vereinen mit Argwohn. Erst am 19. November 1946 konnte der Oberkreisdirektor des Landkreises Grafschaft Hoya der „Liedertafel“ Harpstedt die für einen Neuanfang erforderliche Genehmigung erteilen. Zu den Dirigenten, die den Chor in der jüngeren Vergangenheit für lange Zeit prägten, zählten von 1961 bis 1984 der frühere Kantor Heinz Bockhorst sowie von 1984 bis 2003 Dieter Dechant. Beide sind inzwischen verstorben.

Aktuell wirkt Bernd Gerke in Personalunion als Vorsitzender (in dieser Funktion rückte er 2001 für Axel Erbe nach) und Dirigent.

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