SERIE Von Breslau bis Colnrade

Glück und Leid liegen eng beieinander

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  • Jürgen Bohlken
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Colnrade – Es wird eng im Geschoss oberhalb der Gastwirtschaft von Karl („Kalli“) Harms in Colnrade: Drei Räume teilt sich Ruth Heinrich dort mit Schwestern, Eltern und Großeltern. Doch dabei bleibt es nicht. Ruths Cousinen Karin und Bärbel kommen 1947 hinzu. Beide haben ihre Mutter auf brutale Art und Weise verloren.

Als sie in Colnrade eintreffen, stehen sie unter Schock. Sie erzählen von dem zurückliegenden Verbrechen in einem abgelegenen Wochenendbungalow in den schlesischen Bergen, das sie miterleben mussten: Ihre Mutter, Ruths Tante Maria, saß mit ihnen auf dem Sofa und las ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte vor, als „plötzlich die Tür aufflog und drei schwer bewaffnete, verkleidete Männer ins Zimmer stürmten“, um die Herausgabe von Geld und Wertsachen zu fordern. „Seid nicht albern! Wir haben nichts“, soll Tante Maria erwidert haben. Zu einem der Täter, den sie als einen „polnischen Arbeiter aus dem Dorf“ entlarvt zu haben glaubte, soll sie gesagt haben: „Außerdem kommst du damit sowieso nicht durch.“ Der Betreffende soll daraufhin aus nächster Nähe auf die Frau geschossen haben. Sie starb auf der Stelle.

Ihre jüngere Tochter Bärbel erlitt „entsetzliche Brust- und Armwunden; sie verlor zwei Finger der einen Hand, die sie schützend über ihre Brust gelegt hatte“, schildert Ruth Brown, geborene Heinrich, die Geschehnisse Jahrzehnte später.

Weiter heißt es in ihrem Manuskript: „Mit ihrer toten Mutter neben sich mussten die beiden paralysierten Mädchen noch zwei Tage ausharren, bis sie endlich von Nachbarn (…) gefunden wurden. Wie durch ein Wunder überlebte das verletzte Mädchen, das auf der Stelle ins Krankenhaus eingeliefert wurde und eine Menge Blut verloren hatte, diesen grauenvollen Angriff auf drei unschuldige Opfer. Karin, damals auch erst sieben, litt lange Zeit unter dem Schock und hatte noch Monate danach schreckliche Albträume. Wir alle taten unser Möglichstes, damit sich die beiden mutterlosen Mädchen bei uns in Colnrade wie zu Hause fühlten.“

Der vermisste Bruder lebt in Hameln

Fast zweieinhalb Jahre sind vergangen, seitdem Ruth Ende Januar 1945 ihr Elternhaus in Breslau mit der Mutter und den drei Schwestern verlassen hatte, um vor der Roten Armee zu fliehen. An einem „schönen, unvergesslichen Sommertag“ erfährt sie, dass ihr vermisster Bruder Arnim den Krieg überlebt und auf einem Rittergut nahe Hameln eine Anstellung gefunden hat. Er war kurz vor Beginn der Flucht seiner Angehörigen zum Volkssturm eingezogen worden.

„Der Zufall wollte es“, so schreibt Ruth, „dass uns gerade mein Freund Laurie (Anmerkung der Redaktion: Gemeint ist Laurie Brown, ihr späterer Ehemann) einen Besuch abstattete, als wir so dringend eine Fahrgelegenheit benötigten, um nach Hameln zu reisen.“ Als beide dort zusammen mit Ruths Vater in einem „ratternden Blechvehikel“ ankommen, arbeitet Arnim gerade auf dem Feld.

Das Wiedersehen im Kreis der ganzen Familie in Colnrade behält Ruth als großen Glücksmoment in Erinnerung: „Arnim traute seinen Augen nicht – und wir konnten es unsererseits nicht glauben, dass dieser große, junge kräftige Mann unser kleiner Arnim sein sollte, den wir in einer viel zu großen Uniform zurückgelassen hatten – mit dem Befehl in der Tasche, im Alter von 14 Jahren seine Heimatstadt zu verteidigen. Er war schnell gewachsen – auf die harte Tour! Mutti konnte ihre Augen nicht von ihm wenden. Er hatte sich so sehr verändert. Er wurde willkommen geheißen wie ein Held.“

„Wir gehörten zu den Glücklichen“

Elf Angehörige unter dem Dach einer Gastwirtschaft in Colnrade vereint – diese glückliche Fügung lässt die Familie Heinrich nach Ruths Schilderungen fortan etwas gelassener auf die ungewisse Zukunft blicken. Ihr abschließendes Fazit: „Wir hatten keine Heimat und kein Geld, aber trotzdem gehörten wir zu den Glücklichen – wir hatten überlebt. Wir hatten gelernt, dass man den nächsten Tag nicht als selbstverständlich betrachten sollte. Wir tun es oft, aber doch nicht immer. Manchmal nehmen wir uns Zeit für die Erinnerung.“

Ruth Brown ist heute fast Mitte 90. Ob weitere ihrer engsten Angehörigen noch leben, wird der zehnte Teil unserer Serie im Juli klären. In einem Abschlussresümee kommt dann auch ein weiteres Mal Claudia Ostersehlt-Janssen zu Wort. Von ihr stammt die Übersetzung von Ruth Browns Nachkriegserinnerungen ins Deutsche.

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