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Energiegenossenschaft Harpstedt schreitet zur Tat

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Von: Jürgen Bohlken

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Nach der Gründungsversammlung der mittlerweile in das Genossenschaftsregister eingetragenen Energiegenossenschaft Harpstedt (EGH): Gründungsmitglied Klaus Corleis, der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Götz Rohde, der Vorstandsvorsitzende Cord Remke, der Aufsichtsratsvorsitzende Alexander Apke, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Hans-Jürgen Wachendorf sowie die Aufsichtsräte Frank Nienaber und Herwig Wöbse (von links). Zu den weiteren Gründungsmitgliedern zählten Jürgen Niermann und Lars Möller (beide nicht im Bild).
Nach der Gründungsversammlung der mittlerweile in das Genossenschaftsregister eingetragenen Energiegenossenschaft Harpstedt (EGH): Gründungsmitglied Klaus Corleis, der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Götz Rohde, der Vorstandsvorsitzende Cord Remke, der Aufsichtsratsvorsitzende Alexander Apke, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Hans-Jürgen Wachendorf sowie die Aufsichtsräte Frank Nienaber und Herwig Wöbse (von links). Zu den weiteren Gründungsmitgliedern zählten Jürgen Niermann und Lars Möller (beide nicht im Bild). © EGH

Harpstedt – Das Wort „Bürger“ hätte die am 29. November von neun Gründungsmitgliedern aus der Taufe gehobene Energiegenossenschaft Harpstedt (EGH) ihrem Namen gern vorangestellt. Zu einem Gender-Doppelpunkt („Bürger:innen“) im Interesse der Geschlechtergerechtigkeit wollten sich die Gründer aber nicht durchringen. Mit dem in der Satzung verankerten Genossenschaftszweck kollidierte wiederum die in Erwägung gezogene Bezeichnung „Harpstedter Sonnenenergiegenossenschaft“. Und so ist die Namensgebung letztlich das Ergebnis einer Abwägung gewesen.

Mit Rechtsanwalt Götz Rohde, Steuerberater Frank Nienaber, dem früheren Samtgemeindebürgermeister Herwig Wöbse und Banker Alexander Apke (als Vorsitzendem) im Aufsichtsrat sowie Cord Remke von der Harpstedter EnergieAgentur (HEA) als Vorstandsvorsitzendem und dem ehemaligen Avacon-Mitarbeiter/Elektrofachmann Hans-Jürgen Wachendorf als seinem Stellvertreter hat die seit dem 16. Februar ins Genossenschaftsregister eingetragene EGH Know-how und Kompetenzen aus unterschiedlichen Bereichen gebündelt.

Ihr erstes Projekt geht sie in Kürze an: Bis Ende April wird in ihrem Auftrag das Heiligenloher Unternehmen Solartechnik Melle die Dächer der Rosenfreibadgebäude in Harpstedt mit Fotovoltaikmodulen bestückt haben. Die Anlage mit 99,75 Kilowatt-Peak installierter Leistung soll jährlich 80.000 bis 85.000 Kilowattstunden (kWh) Strom erzeugen. Der Gesamtbedarf des Freibades an elektrischer Energie bewegt sich bei ungefähr 280.000 kWh im Jahr. Die EGH verkauft der Samtgemeinde Harpstedt den überwiegenden Anteil des erzeugten Solarstroms für einen Cent pro kWh unter dem aktuellen Tarif. Das deckt sich mit dem „Syker Modell“.

Info-Veranstaltung am 15. März

Für jede ins Netz eingespeiste Kilowattstunde darf die Genossenschaft indes lediglich 5,45 Cent Vergütung erwarten. Fotovoltaikanlagen auf Dächern rechnen sich inzwischen nur noch bei hinreichend hohem Eigenverbrauch. Vor diesem Hintergrund erwies sich das Freibad als das wirtschaftlich mit Abstand attraktivste Objekt unter allen Liegenschaften der Samtgemeinde.

Jedes Dach, das heutzutage keine Solaranlage hat, ob nun thermisch oder Fotovoltaik, ist eine vertane Chance für die Energiewende.

Cord Remke

Profitmaximierung und Genossenschaftsgedanke schließen sich zwar gegenseitig aus, aber ein bisschen Dividende sollten eingetragene Genossenschaften gleichwohl „abwerfen“. Andernfalls ließen sich schwerlich Investoren zum Zeichnen von Geschäftsanteilen bewegen. In dieser Phase steckt die EGH gerade. Beitrittserklärungen an mehr als 70 Interessenten sind rausgegangen; nun bleibt das Ergebnis des Rücklaufs abzuwarten. Die Chance zum „Einsteigen“ besteht auch für etwaige weitere Interessierte. Vor diesem Hintergrund ist für Dienstag, 15. März, 19.30 Uhr, eine Info-Veranstaltung im Harpstedter Hotel „Zur Wasserburg“ anberaumt. Wer sich informieren und/oder Geschäftsanteile erwerben möchte, ist nach Anmeldung bei Cord Remke unter Telefon 04244/7419 willkommen. Die EGH strebt eine möglichst breite „Streuung“ an; daher kann jeder Investor maximal vier Anteile à 250 Euro zeichnen.

Anlage wird teils kreditfinanziert

EEG-Umlage muss die EGH nicht sehr lange abführen, womöglich nur noch bis einschließlich Juni. Remke: „Dann sinkt aber entsprechend auch der Preis, den die Samtgemeinde uns für die Kilowattstunde bezahlen muss, sofern der Stromhändler die durch den Wegfall der Umlage bedingte Einsparung komplett weitergibt. Für die Genossenschaft wäre das letztlich ein Nullsummenspiel.“

Die Fotovoltaikanlage auf den Freibaddächern erfordert eine Investition in Höhe von gut 100. 000 Euro. Zu einem nicht unerheblichen Teil wird die EGH sie bei niedriger Verzinsung auf Kredit finanzieren, überwiegend aber aus dem eigenen Geschäftsguthaben, das es nun durch den Verkauf von Anteilen erst einmal anzuhäufen gilt.

Potenzial auf Hausdächern

Die inzwischen eher miesen Rahmenbedingungen für die Energiewende machen sich auch bei den Energiegenossenschaften bemerkbar. Die Gründung der EGH ist 2021 die einzige dieser Art im gesamten Genossenschaftsverband Weser-Ems geblieben. Bis dato 72 ins Leben gerufene Energiegenossenschaften waren vorausgegangen. Auf Bundesebene sank die Zahl der Neugründungen in knapp zehn Jahren von 167 (2011) auf 13 (2020).

„Jedes Dach, das heutzutage keine Solaranlage hat, ob nun thermisch oder Fotovoltaik, ist eine vertane Chance für die Energiewende. Von daher gäbe es für uns als Genossenschaft künftig sehr viel zu tun. Die Frage ist nur, unter welchen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen das angesichts der rückläufigen Einspeisevergütung passieren kann. Da müssen wir uns Konzepte überlegen“, sagt Cord Remke. Insgesamt ist die EGH breit aufgestellt. Sie könnte durchaus auch auf Dächern von nicht kommunalen Gebäuden Fotovoltaikanlagen installieren. Sie müsste sich nicht einmal auf die Stromgewinnung aus Sonnenlicht beschränken. Die Satzung ließe ebenso den Bau und Betrieb anderer Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie zu.

Harpstedter EnergieAgentur hatte die Weichen gestellt

Cord Remke geht davon aus, „dass wir mit dem ,Osterpaket’ und dem ,Sommerpaket’ des neuen Wirtschafts- und Klimaschutzministers Robert Habeck neue Regelungen für die Rahmenbedingungen kriegen“, zumal es ja unsinnig sei, „größere Dächer mit vergleichsweise kleinen Fotovoltaikanlagen zu bestücken, die nur so viel Strom erzeugen, dass damit der Eigenverbrauch gedeckt ist“. Die Dachflächen müssten komplett genutzt werden, meint Remke. Das gebiete sich angesichts des ungeheuren Energiebedarfs, der Klimaziele und des beschlossenen Kohleausstiegs.

Die Initiative zur Gründung der Energiegenossenschaft war von der HEA ausgegangen, die sich schon im Zuge ihrer Gründung vor 21 Jahren das damals utopisch anmutende Ziel gesetzt hatte, den Energiebedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen zu decken.

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