Geeignetes Gebäude für den Beckstedter Sonnenstein muss noch gefunden werden

Gelingt die Rückholung des Originals?

Ein Pendant zum Beckstedter und Harpstedter Sonnenstein gibt es im ostfriesischen Horsten – mit 17 konzentrischen Kreisen als Motiv und einem durchbohrten Mittelpunkt. Das rechte Foto in dem Buch, das Archivpfleger Günter Kastendieck hier aufgeschlagen hat, zeigt dieses Unikat (links ist der Beckstedter und in der Mitte der Harpstedter Sonnenstein abgebildet). Durch das Loch soll der Vater des späteren Besitzers einst ein Seil gesteckt haben, um den Stein mittels Pferd von einem Wall ins Dorf ziehen zu lassen. Foto: Bohlken

Beckstedt/Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Zweimal die Woche in den Amtshofkeller zu gehen, um dort das Archiv der Samtgemeinde Harpstedt zu pflegen und darin zu stöbern, bereitet Günter Kastendieck immer noch großes Vergnügen. Sein Vorgänger Dr. Jürgen Ellwanger führte den Kirchseelter an diese Aufgabe heran. „Ab 2006 arbeitete ich im Archiv zunächst begleitet an seiner Seite. Am 1. Mai 2014 übernahm ich es dann von ihm. Und seit Januar 2015 unterstützt mich Friedrich zur Hellen aus Hackfeld“, erzählt der 73-Jährige. Jahrtausende alte Steine mit einst rituell-kultischer Bedeutung gehören zu den Dingen, die den Kirchseelter brennend interessieren. Vielleicht werde er darüber mal etwas veröffentlichen, deutet Kastendieck an.

Der Harpstedter Sonnenstein, der 1981 aus Anlass der Einweihung des renovierten und erweiterten Amtshofes auf dem Amtshofgelände einen neuen Platz fand, gibt indes nach wie vor Rätsel auf. Sein Ursprung wird vorsichtig auf 1500 bis 2000 Jahre vor Christi Geburt geschätzt. Den eingearbeiteten zwölf konzentrischen Kreisen könnte die Zwölfer-Königsscheibe beim Schiebenscheeten nachempfunden sein. Die Ähnlichkeit sei aber Zufall, weiß Hans-Peter Hellbusch, früherer Oberst der Bürgerschützen. „Da gibt es keinen Zusammenhang.“

Welcher Kult hinter dem historisch bedeutsamen Objekt aus Granit steckt, wird vielleicht nie entschlüsselt werden. „Da legen sich die Archäologen nicht fest“, sagt Günter Kastendieck. Das Motiv deuten viele Experten als Darstellung der Sonne, die in der Wahrnehmung der Menschen der Jungstein- und der Bronzezeit eine Scheibe war.

Der Harpstedter Sonnenstein, einst in einer Scheune als Fundamentstein verbaut, war im Umfeld des Galgenbergs entdeckt worden – schon im frühen 20. Jahrhundert. Lange am Schützenhaus aufgestellt, avancierte er ab 1955 zum Forschungsgegenstand. Den redensartlichen Stein ins Rollen brachte seinerzeit Rektor Robert Grimsehl. Eine Veranstaltung zur „Einweihung“ des Beckstedter Sonnensteins sei der Anlass gewesen, erinnert sich Kastendieck: „Robert Grimsehl war anwesend. Er hat sofort die Ähnlichkeit mit dem Stein in Harpstedt bemerkt und letztlich auch das Interesse von Archäologen geweckt“, erläutert der Archivpfleger. Einen augenfälligen Unterschied gebe es allerdings: Der Beckstedter Sonnenstein habe nur elf konzentrische Ringe. Das in Beckstedt befindliche Exemplar ist eine Nachbildung. Eine weitere Replik befindet sich im Kreismuseum in Syke. „Das Original ging schon 1955 an das spätere Väterländische Museum Ludwig Roselius nach Bremen. Dann übernahm es das Väterländische Museum in Worpswede. Das wiederum wurde dem Landkreis Osterholz übergeben – und zwar leer, komplett ausgeräumt. Die Exponate kamen nach Hamburg und Schleswig-Holstein“, erzählt Kastendieck.

Den Verbleib des Beckstedter Sonnensteins hat er recherchieren können. „Das Original befindet sich im Archäologischen Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig. Es liegt dort unzugänglich in einem Schwerlastregal. Schon seit 2017 laufen Bemühungen, dieses Exponat zurückzuholen. „Wir haben auch den Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins deswegen angeschrieben“, schildert Kastendieck. Zunächst sei der Samtgemeinde eine Nachbildung angeboten worden. „Davon gibt es hier in der Region aber ja schon zwei. Wir wollten natürlich das Original“, so der Archivpfleger. Ein reger E-Mail-Verkehr folgte. Inzwischen sei die Angelegenheit so weit gediehen, „dass der Beckstedter Sonnenstein als Leihgabe zurück in die Gemeinde Colnrade kommen könnte“. Voraussetzung sei die Aufbewahrung in einer gesicherten Vitrine. Wenn es gelinge, ein passendes Gebäude für die Unterbringung zu finden, stünde der Rückholung nichts mehr im Wege.

Für den Harpstedter Sonnenstein war indes eine Unterbringung „hinter Glas“ in der Stecho-Scheune als Option ins Auge gefasst worden, damit er nicht weiter unter Witterungseinflüssen leidet. Dann allerdings müsste eine Replik auf dem Amtshofgelände das Ensemble der Steine, die für die Mitgliedskommunen der Samtgemeinde stehen, ergänzen, damit dort keine Lücke verbleibt. „Dieses Vorhaben ist im Moment in der Schwebe. Ich habe einen Kostenvoranschlag eingeholt“, erzählt Kastendieck. Das weitere Vorgehen werde noch Gegenstand von Gesprächen und Beratungen sein. Auch bedürfte es zwingend der Zustimmung der Denkmalpflege.

Einen anderen spannenden Stein entdeckte in den 1970-er oder 1980er-Jahren der Harpstedter Hans Lampe im südlichen Teil der Samtgemeinde. Der wird heute in der Koems-Bilderscheune aufbewahrt. Das eingearbeitete Motiv zeigt allerdings keine Kreise, sondern eine Spirale mit drei Windungen. Die Ähnlichkeit mit einem Fund im dänischen Nyrup ist frappierend. Sie findet auch im Buch „Harpstedt im Wandel der Zeiten“ des früheren Rektors Günter Knappmeier Erwähnung. Das Harpstedter Unikat lagerte auf drei Granitkugeln und wies auf der Vorderseite eine Vertiefung auf. Das legt die Vermutung nahe, dass es einen praktischen Nutzen zum Mahlen von Getreide erfüllte, zumal direkt daneben in der Erde ein abgeschliffener Mahlstein lag.

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