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Was wird aus „Hackfeld’s Dorfkrug“ in Klein Ippener?

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Von: Jürgen Bohlken

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Mit einem akzeptablen Kaufangebot für „Hackfeld’s Dorfkrug“ rechnen die Eigentümer derzeit nicht. Grundsätzlich sind sie gesprächsbereit.
Mit einem akzeptablen Kaufangebot für „Hackfeld’s Dorfkrug“ rechnen die Eigentümer derzeit nicht. Grundsätzlich sind sie gesprächsbereit. © boh

Klein Ippener – Aus „Hackfeld’s Dorfkrug“ in Klein Ippener werden sich Gunda (56) und Dieter Winkler (55) mittelfristig komplett zurückziehen. Aber wann genau die Betriebsaufgabe kommt, sei noch völlig unklar, wirkt das Betreiberehepaar der in der Gemeinde offenkundig brodelnden Gerüchteküche entgegen.

Buchungen seien weiterhin möglich. Und keine der für 2022 bereits angemeldeten Veranstaltungen sei gefährdet – es sei denn, die Coronalage lasse die Feiern nicht zu.

Das Gastronomenpaar wird das „Haus Adelheide“ bis zum Eintritt in den Ruhestand weiter bewirtschaften. Käme indes ein Kaufangebot für „Hackfeld’s Dorfkrug“, wären die Winklers „gesprächsbereit“. Nur ist damit aktuell, in der Pandemie, eben nicht zu rechnen – und eine längere Komplettschließung des Gasthauses daher erwartbar.

Viele Objekte stehen schon länger zum Verkauf

Denn solange eine Rückkehr zur „Normalität“ coronabedingt in den Sternen steht, lässt sich gerade mit Bankettgastronomie auf dem Land kein Geld verdienen. Bundesweit stehen viele Objekte schon länger zum Verkauf. Dass die Krise Landgastronomen weiterhin zusetzt und sie ausbremst, zeigt sich auch in anderen Teilen der Samtgemeinde Harpstedt – in Dünsen genauso wie bei Beneking in Beckeln.

Fast zwei Jahre Corona haben Dieter Winkler und seiner Frau in Summe Umsatzeinbußen von mittlerweile mehr als einer Million Euro beschert. Ihre anfängliche Hoffnung, die Pandemie nach ein paar Wochen ausgestanden zu haben, platzte wie eine Seifenblase.

Kein Nachfolger aus der eigenen Familie

Das Elend setzt sich fort. Die Stornierungen gehen weiter. Die Gemeinschaftskohlfahrtensaison 2022 kann das Paar schon jetzt in den Wind schreiben; allein dadurch brechen Einnahmen von rund 1 600 Gästen weg.

Corona hat Dieter und Gunda Winkler Umsatzeinbußen von bislang mehr als einer Million Euro beschert. Von den eigenen Kindern will keins die beiden Gastronomiebetriebe der Eltern weiterführen.
Corona hat Dieter und Gunda Winkler Umsatzeinbußen von bislang mehr als einer Million Euro beschert. Von den eigenen Kindern will keins die beiden Gastronomiebetriebe der Eltern weiterführen. © Bohlken

Hinzu kommt: Von den drei Kindern der Winklers will keins in die beruflichen Fußstapfen der Eltern treten. Das hat nichts mit der Coronakrise zu tun, sondern erklärt sich mit selbst erlebten Entbehrungen an Wochenenden oder auch an Ostern, Weihnachten, Pfingsten und Silvester, die der elterliche Alltag in der Gastronomie nun einmal mit sich brachte.

Verständlich also, dass sich der Nachwuchs anders orientiert: Nele (23), die einzige Tochter, absolviert ein Wirtschaftsstudium in Oldenburg. Julius (21), der ältere Sohn, durchläuft bei Bahrs Landtechnik in Harpstedt eine Landmaschinenmechatroniker-Ausbildung; er steckt gerade in der Gesellenprüfung. Henrik (16), der jüngere Filius, steht vor seinem Realschulabschluss und wird sich danach zum Anlagenmechaniker ausbilden lassen. „Eine Lehrstelle hat er schon“, verrät der Vater.

Festhalten am „Haus Adelheide“

Geld, das Gunda und Dieter Winkler für den Ruhestand angespart hatten, zehrte die Coronakrise auf. Das Aufkündigen der als Altersvorsorge abgeschlossenen Lebensversicherungen konnte das Paar indes noch abwenden.

Uns haben die rund zwei Jahre Corona sehr geschadet. Wir können aber noch froh sein, dass wir in Klein Ippener einen unverschuldeten Eigentumsbetrieb haben und dass uns bei der Finanzierung vieler Umbaumaßnahmen in unserem Pachtbetrieb in Adelheide der Bund als Eigentümer entgegengekommen ist“

Dieter Winkler

Dieter Winkler suchte sich einen Job abseits der Gastronomie. „Gewiss nicht, weil ich zu viel Freizeit gehabt hätte“, betont er. Zunächst arbeitete er im Objektschutz in der Adelheider Kaserne. Seit dem vergangenen Jahr ist er Soldat – beorderter Reservist des Logistikbataillons 163 RSOM (diese noch neue Einheit soll nach Aufbauphase und Zertifizierung NATO-Response-Force-Status bekommen und für sämtliche NATO-Partner Logistik-Aufgaben zu Land, zu Wasser und in der Luft wahrnehmen). Gunda Winkler kümmert sich federführend um das „Haus Adelheide“. Und das bleibt auch so.

Nur elf Betriebe klagen bis zur letzten Instanz

Die Betriebsschließungsversicherung hat sich für die Eheleute bislang in keiner Weise als „Rettungsanker“ erwiesen. Der Versicherer wollte sie – wie auch Berufskollegen – mit 15 Prozent der Versicherungssumme abspeisen. Die Begründung, Corona stehe nicht explizit in der Liste der versicherten Betriebsschließungsrisiken als Folge behördlicher Anordnung auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes, wirkt konstruiert. Zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses gab es Covid-19 noch gar nicht.

Dieter Winkler gehörte zu den gerade mal elf Gastronomen, die auf dem beschwerlichen Klageweg bis zur höchsten Instanz durchhielten. „Für die Revision musste ich mir extra einen Anwalt suchen, der am Bundesgerichtshof, am BGH, zugelassen ist“, erzählt der 55-Jährige. Das Landgericht und auch das Oberlandesgericht Oldenburg hatten zuvor zugunsten des Versicherers geurteilt.

Höchstrichterliches Urteil steht bevor

Nun blicken die Winklers auf den Bundesgerichtshof. Der BGH entscheidet in wenigen Tagen, am 26. Januar, erstmalig in der Sache, allerdings noch nicht über die Klage aus Klein Ippener. Gleichwohl geht von dem Urteil natürlich eine Signalwirkung aus. Sollte der BGH den Gastronomen Recht geben, hätte die Versicherungswirtschaft ein dickes Problem am Hals, denn in diesem Fall käme wohl eine Flut von Nachforderungen auf sie zu. Es seien, so zumindest Dieter Winklers Kenntnisstand, etwa 20. 000 Betriebe gewesen, die „mit 15 Prozent abgespeist worden sind“.

„Uns haben die rund zwei Jahre Corona sehr geschadet. Wir können aber noch froh sein, dass wir in Klein Ippener einen unverschuldeten Eigentumsbetrieb haben und dass uns bei der Finanzierung vieler Umbaumaßnahmen in unserem Pachtbetrieb in Adelheide der Bund als Eigentümer entgegengekommen ist“, resümiert der 55-jährige Gastronom.

Von der Corona- in die Personalkrise?

Seine Frau und er stehen vor einem weiteren Problem: Ihnen droht, nach der Coronakrise direkt in eine Personalkrise zu rutschen. Denn die allermeisten der vormals mehr als 40 Aushilfen haben sich längst neue Jobs gesucht und zu einem großen Teil die Gastronomie ganz hinter sich gelassen. Den Betroffenen blieb oft gar keine andere Wahl. Wie sonst hätten sie als geringfügig Beschäftigte auf 450-Euro-Basis ohne Anspruch auf Kurzarbeitergeld über die Runden kommen sollen?

Die Winklers fragen sich natürlich, woher neues Personal für gleich zwei Betriebe kommen soll, wenn Corona ausgestanden ist. Es gibt also für sie ein ganzes Bündel von Gründen, „Hackfeld’s Dorfkrug“ aufzugeben. Nur geschieht das eben nicht morgen und nicht übermorgen, nicht kommende Woche und auch nicht kommenden Monat, sondern „perspektivisch“. Wann genau? Das vermag das Gastronomenpaar gegenwärtig selbst noch nicht einzuschätzen.

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