Qeaux Qeaux Joans bereitet 70 Zuhörern in der Kirche einen sehr besonderen Konzertabend

Gänsehaut statt Glückshormone

Keine ganz leicht verdauliche Kost, aber gleichwohl sehr anrührende Songs servierten Qeaux Qeaux Joans (l.) und Regina Mudrich in der Christuskirche. Fotos: Bohlken

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. „Final End“, kurioserweise der Eröffnungstitel, transportiert eine ähnliche Trauer wie Sinead O’Connor in ihrer Fassung des Prince-Hits „Nothing compares 2  U“. Zwar rinnen Qeaux Qeaux Joans keine Tränen über die Wangen, aber ihre Stimme und ihr dezentes Klavierspiel scheinen ein Stück weit ihr Innerstes nach außen zu kehren.

Diese Singer-Songwriterin aus den Niederlanden mit Wahl-Wohnsitz in Amsterdam will gewiss nicht Everybody’s Darling sein. Es gehört viel Mut dazu, 70 lauschenden Zuhörern in der Harpstedter Christuskirche eine ganze Stunde lang Melancholie mit eher düsterer Note am Stück zu bescheren und sie auf einen Trip durch die menschliche Psyche mitzunehmen. Verzweifelt, innerlich zerrissen, gebrochen – in diesem Stimmungsspektrum trifft die Niederländerin, ganz in Schwarz gekleidet, zielsicher alle Facetten mit ihrer unglaublich wandelbaren Mehr-Oktaven-Stimme. Der fragile Gesang erhellt wie strahlendes Licht ein Konzert voller dunkler Momente in Moll, das, so der Eindruck, womöglich sogar als Soundtrack für einen David-Lynch-Film taugen könnte. Ein Lächeln huscht über die Lippen der Künstlerin, als sie sich im Harpstedter Gotteshaus an den Steinway-Flügel setzt – offenkundig ein Instrument ganz nach ihrem Geschmack.

Sie fesselt, fasziniert – und entfesselt eine Gänsehaut nach der anderen. Beschwingt-freudvolle Momente, die Glückshormone freisetzen könnten, bleiben hingegen zunächst gänzlich ausgespart. Unplugged, befreit von elektronischen und perkussiven Sounds, klingen die vielschichtigen Songs des zweiten, schon vier Jahre alten Joans-Albums „The Ritual“ noch eine Spur sehnsuchtsvoller als in den Studiofassungen – wie Seelenbalsam, der das Gleichgewicht zwischen Eingängigkeit und Komplexität, Leichtigkeit und Tiefgang bewahrt und nie vollends in die Depression abgleitet. Mit großer Empathie unterstreicht Violinistin Regina Mudrich jedes Gefühl. Mal schleicht sich ihre Geige aus dem Hintergrund mit zunehmender Intensität in die Gehörgänge. Dann wieder nimmt sie sich wohltuend zurück, um der atemberaubend schönen Stimme Raum zu geben. Irgendwo zwischen Avantgarde im Stile von Kate Bush oder Tori Amos einerseits und Blues mit Soul-Einschlag sowie gelegentlichen Blue Notes andererseits lässt sich die Singer-Songwriterin musikalisch verorten. Vereinzelt schwingt – wie bei Dido oder Norah Jones – eine Prise Laszivität im Gesang mit.

Den Tiefgang der englischsprachigen Texte offenbart Regina Mudrich mit ins Deutsche übersetzten Kostproben, die sie vorträgt. Eine sozialkritische Anklage wohnt „Battered Woman“ inne. „Meine Seele ist verloren zwischen den Welten. Mein Selbst erfährt eine grundsätzliche Veränderung. Meine Liebe, die ich aufsparte, wird zu einem sicheren Zufluchtsort für dich, Frau. Für dich, die du misshandelt wurdest. Nicht von gewalttätigen Männern. Nicht von Tritten oder Schlägen. Sondern als Opfer unserer Gesellschaft“, heißt es im Text. Und weiter: „Einer Gesellschaft, in der eine Frau ihren Mann zu stehen hat, emanzipiert zu sein hat – stark, kämpferisch, hart. Einer Gesellschaft, in der frau den Anforderungen der Männer gerecht werden muss – als Mutter, Liebhaberin, Schönheit, treue und fürsorgende Frau. In der sie ihre Rolle anzunehmen und auszuführen hat.“ Gegen dieses tradierte Rollenverständnis setzt die Künstlerin eine hoffnungsfrohe Botschaft: Nichts müsse so starr bleiben; alles könne sich verändern. „The Ritual“ beschreibt indes eine japanische Tänzerin, die ihre Träume unter der weiß-fahlen Schminke ihres Gesichtes begräbt. Auch diese Ballade kreist textlich um innere Zerrissenheit unter dem Einfluss gesellschaftlicher Konventionen: „Du opferst dein Leben dem Tanz. Tänzerin, was willst du darstellen? Die immerjunge Frau, die auf ihren Liebhaber wartet?“

Der erste Konzertteil bleibt im Wesentlichen der Weltschmerzstimmung verhaftet. Bei „Fading“ stimmt das Publikum leise mitsingend in das „Fade-out“, das Ausblenden, ein.

Nach der Pause widmet sich Qeaux Qeaux Joans stärker ihrem soulig-bluesigen Debüt-Album „No man’s Land“, das ihr in den Niederlanden zu einiger Popularität verhalf und ihr eine Spitzenplatzierung in den iTunes-Charts bescherte. Sie begleitet sich nun zunehmend auf der Gitarre, streut ein Mitmach-Rate-Medley mit Coversongs ein, setzt mit „Gilian“ einen wohltuenden Dur-Akzent in einem von Moll dominierten Abend und singt im Zugabeteil „Stronger“ („stärker“) – gemeinsam mit dem sie nun beim Altar umringenden Publikum. Dass sie schon in ihrer Jugend an Borreliose erkrankte und ihr das Singen auf Bühnen körperliche Anstrengung abverlangt, kriegt eigentlich niemand so richtig mit.

Mit dem Pop-Zirkus, der das Erscheinen von „No man’s Land“ auslöste, hat die aktuell in Utrecht Philosophie studierende Künstlerin abgeschlossen. Heute, so der Eindruck, lässt sie sich nicht mehr verbiegen. Ausdruck findet das in ihrem zweiten, sehr reifen und augenscheinlich komplett selbstbestimmten Album von 2015, das binnen drei Monaten in enger Zusammenarbeit mit dem Produzenten Reyn Ouwehand entstand. Ihre Fans würden sich sicher einen würdigen Nachfolger für diesen Tonträger wünschen. Songmaterial gäbe es zur Genüge. Doch ein Album zu produzieren, es professionell zu vermarkten und zu vertreiben, scheitert heute oftmals an der wirtschaftlichen Seite.

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