„Für Integration bedarf es sozialer Kontakte“

Ulrike Conze und ihr Mann feiern Weihnachten mit Geflüchteten

Koptische Christen, Katholiken und Muslime aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen an einem Tisch – da mussten die Gastgeber schon Rücksicht auf die Ess- und Trinkgewohnheiten nehmen. Doch das erwies sich nicht als Problem.

Harpstedt - Schon im dritten Jahr in Folge ist es im Hause von Ulrike und Michael Conze an Weihnachten außerordentlich „international“ zugegangen. Das Paar aus Harpstedt verbrachte den Heiligen Abend mit einem Albaner, seiner italienischen Frau und beider Tochter, einem Paar aus Eritrea mit deren Töchterchen sowie einer vierköpfigen Familie aus Syrien. „Wir möchten andere Mitbürger dazu ermuntern, auch mal mit Flüchtlingen zu feiern. Das muss ja nicht unbedingt zu Weihnachten sein“, sagt Ulrike Conze. Unsere Zeitung hat mit der 62-Jährigen gesprochen. Die Fragen stellte Jürgen Bohlken.

Wie haben Sie Ihre Weihnachtsgäste kennengelernt?

Conze: Letztlich über die ehrenamtliche Flüchtlingsinitiative, in der ich mitmache. Mit einer Familie aus Albanien, der ich Deutschunterricht erteilte, fing es an. Sie feierte schon 2015 Weihnachten mit uns. Mutter und Tochter mussten dann leider wieder zurück in ihre Heimat. Der Sohn durchläuft hingegen im zweiten Lehrjahr eine Ausbildung im Ofenhaus Colnrade. Er hat allerdings lediglich eine Duldung. Er darf bleiben. Aber erst einmal nur so lange, bis er seine Lehre beendet hat. Ich selbst bin nicht mehr berufstätig. Dadurch habe ich Zeit für ehrenamtliche Arbeit.

Sie werden auch im kommenden Jahr wieder „international“ Weihnachten feiern: Ulrike und Michael Conze. - Foto: Bohlken

In Berührung mit Geflüchteten kamen Sie auch über das Flüchtlingscafé?

Conze: Ja, dort habe ich viele Leute kennengelernt. Zu einigen pflege ich inzwischen einen richtig guten Kontakt.

Wie haben Sie den Heiligen Abend mit ihren zehn Gästen verlebt?

Conze: So gegen 18 Uhr trudelten die Leute bei uns ein. Wir haben zunächst die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet und dann zusammen gegessen.

Sie mussten sicher Rücksicht auf die unterschiedlichen Essgewohnheiten und Kulturen nehmen.

Conze: Ja. Wir hatten koptische Christen, Muslime und Katholiken in unserer Runde. Eine bunte Mischung. Hinzu kommt, dass ich selbst Vegetarierin bin. Ich esse zwar Fisch, aber kein Fleisch. Ich habe eine Lachsterrine gemacht. Außerdem einen Rinderschmorbraten mit Rotkohl und Klößen – ganz traditionell. Zum Nachtisch gab es Tiramisu und Mousse au Chocolat. Es muss wohl geschmeckt haben, denn alle haben ordentlich reingehauen. Nach dem Essen haben wir uns lange unterhalten.

Wahrscheinlich nicht nur in einer Sprache.

Conze: Ja, das war putzig. Die Frau aus der syrischen Familie spricht sehr gut Deutsch, ihr Mann nicht ganz so gut. Die Kinder wachsen zweisprachig auf, was ich total toll finde. Englisch können alle, die zu uns gekommen sind. Die Leute aus Eritrea allerdings weniger gut als die anderen. Ersteren kam wiederum zugute, dass sie sich mit den Syrern auf Arabisch verständigen konnten. Da herrschte ein munteres Durcheinander der Sprachen.

Worüber haben sie geredet?

Conze: Über alles Mögliche. Die Themen kann ich Ihnen nicht einmal mehr alle genau aufzählen. Jedenfalls ging es auch um die Heimatländer der Geflüchteten und ihre Erlebnisse auf der Flucht. Ebenso darum, wie sie jetzt wohnen und leben. Ich glaube, sie fühlen sich hier in Harpstedt im Großen und Ganzen wohl. Aber viele wünschen sich mehr Kontakt zu Deutschen. Wie soll Integration sonst auch gelingen? Ich empfinde gerade Flüchtlinge, die mit ihren Angehörigen hier sind, als sehr angenehme Menschen. Man spürt: Die wollen, dass ihre Kinder in Frieden leben. Unter den geflüchteten Einzelpersonen gibt es, so zumindest mein Eindruck, schon einige, die nicht bleiben, sondern unbedingt zurück in die Heimat möchten.

Traten am Heiligen Abend keine Phasen unangenehmen Schweigens auf?

Conze: Nein, gar nicht. Wir haben uns richtig gut unterhalten. Beim Übersetzen ging es lustig zu. Es war überhaupt ein wunderschöner Abend.

Sie mussten auch nicht mit Gesellschaftsspielen Zeit wider die Langeweile überbrücken?

Conze: Nein, gar nicht. Bei den Gesprächen verging die Zeit wie im Flug. Aber die Kinder haben natürlich gespielt – und sich total gut vertragen. Wir haben schon geunkt, ein „kleines Pärchen“ habe sich gerade verlobt. Später gab’s dann allerdings ein bisschen Gezänk ums Spielzeug.

Alkohol war tabu?

Conze: Nicht für alle. Der Albaner, der in Italien aufgewachsen ist, und wir Gastgeber haben Wein getrunken. Die anderen hingegen Wasser, Saft oder Cola.

Gab’s Geschenke?

Conze: Den Kindern habe ich jeweils einen kleinen Schein gegeben, damit sie sich selbst etwas von dem Geld kaufen können. Ansonsten haben wir auf Geschenke verzichtet. Ich kenne die Leute noch nicht so gut, als dass ich wüsste, was ich ihnen schenken sollte. Und ich selbst möchte nichts bekommen, was, wenn’s dumm läuft, nur im Schrank rumläge.

Werden Sie 2018 wieder so „international“ Weihnachten feiern?

Conze: Ja, klar. Natürlich.

Da muss ja auch ihr Mann mitspielen...

Conze (lacht): Oh, der spielt gern mit. Es geht uns aber nicht darum, uns in den Mittelpunkt zu rücken. Wir möchten vielmehr andere Mitbürger dazu ermuntern, vielleicht auch mal mit Flüchtlingen zu feiern oder etwas mit ihnen zu unternehmen. Da braucht niemand Hemmungen zu haben. Ich kann nur empfehlen, montags von 15 bis 17 Uhr ins Flüchtlingscafé zu kommen. Das ist eine sehr gute Gelegenheit, Geflüchtete kennenzulernen und mit ihnen in Kontakt zu kommen. Kuchen oder Kekse, Kaffee oder Tee gibt’s übrigens kostenfrei.

• Die nächste Möglichkeit, Kontakt zu Geflüchteten aufzunehmen, gibt es am Montag, 8. Januar, 15 Uhr, im Flüchtlingscafé, das dann im „Ersten Pfarrhaus“ an der I. Kirchstraße in Harpstedt über die Bühne geht. Die ehrenamtliche Flüchtlingsinitiative wünscht sich, dass mehr deutsche Mitbürger aus der Samtgemeinde diese Treffen nutzen.

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