Flüchtlinge plagt die Ungewissheit / Helfer finden am „runden Tisch“ Gehör

Nach 15 Monaten noch immer ohne „Status“

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Integrationshelfer und Nachbarn organisierten für die in Dünsen und Kirchseelte untergebrachten Sudanesen ein Fest.

Kirchseelte/Dünsen - Von Jürgen Bohlken. Willkommenskultur? Davon spürt Flüchtlingshelfer Sven Bitter in seinem Wohnort Kirchseelte eher wenig. Wenn in der Bevölkerung über Asylbewerber geredet werde, dann leider nicht selten immer noch in der „Gossensprache“, bedauert er. Die Ehrenamtlichen, die in der Samtgemeinde Harpstedt Integrationshilfe leisten, finden indes mit ihren Anliegen bei der Kommune nun mehr Gehör. Dominik Meyer, einer aus ihren Reihen, verweist in diesem Zusammenhang auf einen zwischenzeitlich eingerichteten „runden Tisch“.

Beispiele für Engagement gibt es zur Genüge. Nur eins von vielen: Michael Rehn hat für die Flüchtlingsunterkünfte in der Samtgemeinde Kisten, gefüllt mit Flickzeug, Luftpumpe und dergleichen, gespendet, damit die Asylbewerber die Fahrräder, die ihnen zumindest ein Stück weit Mobilität ermöglichen, bei Bedarf selbst wieder in Schuss bringen können.

Die Integrationshelfer wollen für ihre freiwillige Arbeit keinen Cent haben. Dass sie aber noch selbst Geld mitbringen und in den Tank des eigenen Wagens stecken, um Flüchtlinge zu Behörden, zum Jobcenter oder zum Arzt zu befördern, sorgt vor allem unter den Vielfahrern mit Recht für Verdruss. Nach wie vor erhalten sie keinen Benzinkosten-Obolus. Klärungsbedarf besteht offenbar in der Frage, aus welchem Topf solche Auslagen erstattet werden könnten.

Was die Ehrenamtlichen alles leisten, bleibt der Öffentlichkeit vielfach verborgen. Längst nicht jeder weiß etwa, dass ein Team aus zwei ehemaligen Lehrerinnen, einer Erzieherin und zwei Männern fortlaufend Deutschunterricht in der Harpstedter Begegnungsstätte erteilt – unbezahlt. Dieses Angebot laufe schon seit März, erzählt Dominik Meyer, der selbst zu den Lehrenden zählt. Es werde gut angenommen. „Albaner, ein Iraker, Syrer, ein Serbe und ein Südsudanese kommen in den Kurs.“ Sogar ein Nicht-Flüchtling, ein Friseur italienischer Herkunft, nutze die Gelegenheit, seine Deutschkenntnisse zu verbessern.

Von den Sudanesen in den beiden Flüchtlingsunterkünften in Kirchseelte und Dünsen beherrschen einige die ihnen fremde Sprache schon recht gut. Das zeigte sich erst dieser Tage wieder während eines extra für sie von Integrationshelfern und Nachbarn organisierten Herbstfestes hinterm Kirchseelter Dorfgemeinschaftshaus mit Kaffee, Kuchen und durchweg schweinefleischfreien Gaumenfreuden vom Grill.

Am Rande gaben die Asylbewerber Persönliches von sich preis: Babiker (19) hat einen High-School-Abschluss und will Mechatroniker werden. Länger als ein Jahr währte seine Flucht nach Deutschland. Ibrahim (24), ein versierter Friseur, schneidet all seinen in Dünsen und Kirchseelte wohnhaften Landsleuten die Haare. Banaga fand während eines Praktikums Gefallen am Berufsbild des Garten- und Landschaftsbauers. Suliman (31) würde gern im Maler-Handwerk ein Praktikum machen. Seine eigene Tochter hat er noch nie auf dem Arm gehabt. Die kleine Nema kam zur Welt, als er schon geflüchtet war. Wie das Mädchen aussieht, weiß der Papa nur, weil er via Handy den Kontakt zu seinen Angehörigen pflegt.

Manche Asylbewerber weilen seit 15 Monaten auf deutschem Boden, warten aber immer noch auf einen „Status“ – auf den Bescheid von der Bundesanstalt für Migration und Flüchtlinge. Die „Interviews“ liegen längst hinter ihnen. Die Ungewissheit, ob sie bleiben dürfen, plagt sie jeden Tag. Ohne Bleiberecht kann schon das Bestreben, in der Feuerwehr mitzumachen, auf unüberwindbare Hürden stoßen – aus versicherungstechnischen Gründen.

Fünf in Kirchseelte wohnhafte Sudanesen, die zunächst in die Erstaufnahmeeinrichtung Bramsche gekommen waren, haben ihren Bescheid inzwischen vorliegen, vier von fünf über Braunschweig ins Land gekommene Asylbewerber hingegen noch nicht. Omar weiß, dass er nicht bleiben darf. Er setzt sich aber juristisch gegen den ablehnenden Bescheid zur Wehr. In einem der Interviews seien, so sagt er, Übersetzungsfehler passiert. Ein schriftliches Protokoll in seiner Landessprache gebe es nicht.

Die Flüchtlingshelfer in der Samtgemeinde Harpstedt haben sich unterein-ander vernetzt. Im zweiwöchigen Turnus treffen sie sich montags um 16 Uhr in der Harpstedter Begegnungsstätte, um sich auszutauschen. Die Frage, wie viele Asylbewerber noch kommen werden, treibt die Ehrenamtlichen schon um. Die Sorge, mit dem eigenen Engagement an Grenzen zu stoßen, schwingt mit. „Bei noch mehr Asylbewerbern wäre es vielleicht sinnvoll, wenn die Helfer jeweils Patenschaften für Flüchtlinge übernähmen und dann speziell für diesen Personenkreis zuständig wären“, glaubt Ruzica Dähne.

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