Zu „flotten Fegern“ und Trommelgruppe gesellt sich die „Gummiband“ hinzu

Jam-Sessions im Albertushof

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Sie lassen‘s als Mitglieder der „Gummiband“ im Probenraum krachen und geben beim Musizieren richtig „Gummi“: Eleonore Weber, Sebastian Reiermann, Günter Meyerdierks, Elvira Hahn (von links) und Kader Coruh (nicht im Bild).

Gross Ippener - Von Jürgen Bohlken. Eleonore Weber hält den Takt an den Drums für eine Anfängerin erstaunlich gut. Elvira Hahn (67)improvisiert derweil an der E-Gitarre. An der Seite der Seniorin zupft Sebastian Reiermann, mit seinen 26 „Lenzen“ das „Küken“, den Bass, während Günter Meyerdierks (73) sich mit dem Keyboard anfreundet und Kader Coruh singt. Noch klingen die Jam-Sessions der aus Menschen mit einem geistigen Handicap bestehenden „Gummiband“ recht experimentell, aber das soll sich mit der Zeit ändern.

Das musizierende Quintett besteht aus Bewohnern der Behinderteneinrichtung Albertushof in Groß Ippener. Elvira Hahn, die auch dem Behindertenbeirat angehört, hatte die Bandgründung angeregt.

Die Seniorin rannte bei Frank Hengst, Arbeitspädagoge (Reha) in der Tagesförderung „Haus Akazie“, offene Türen ein. Der 50-Jährige musiziert selbst. Er spielt E-Gitarre und findet es spannend, sein Wissen weiterzugeben und die Proben zu leiten. Zunächst, so sagt er, gehe es darum, den Bandmitgliedern das grundsätzliche Rüstzeug an die Hand zu gehen, ehe gezielt das Zusammenspiel geübt werden könne. Es werde wohl Jahre dauern, bis das Quintett erstmals bei einem öffentlichen Anlass vor Publikum auftrete. Erste Kostproben kann sich Hengst aber schon auf dem nächsten Sommerfest des Albertushofes vorstellen.

Wohin langfristig die musikalische Reise gehen soll? Frank Hengst schweben Stücke mit viel Groove vor, hier und da gern auch ein bisschen rockig. „Vielleicht nehmen wir uns ja mal den einen oder anderen Hit aus den Charts vor“, sagt der „Bandleader“. Er weiß um den vielfachen Nutzen von Musik in der Arbeit mit Menschen mit Handicap (siehe Hintergrund).

Ein Teil der Bandmitglieder tanzt bei den „flotten Fegern“ mit. Elvira Hahn hat nach eigenem Bekunden schon ganz verschiedene Instrumente ausprobiert – von Trompete, Fanfare und Querflöte über Trommeln, Xylophon und Becken bis hin zu Klavier und Orgel. Allzu gern würde sie sich an einem Alphorn versuchen – oder auch an einem Dudelsack.

Das musikalische Terrain ist im Übrigen für den Albertushof kein grundsätzlich neues: Eine Trommelgruppe gibt es dort schon lange. Das „Gummiband“-Projekt verdankt die Einrichtung nicht zuletzt Spenden in einer Gesamthöhe von gut 4500 Euro. Das Geld reichte für die Anschaffung von E-Bass, Keyboard und elektronischem Schlagzeug, je zwei elektrischen Gitarren, Mikrofonen und Aktivboxen sowie einem Mischpult.

„Der Probenraum ist zunächst eine provisorische Lösung. Wir haben ihn mit Stellwänden vom Mitarbeiterbereich abgetrennt“, verrät Susanne Jaekel (48), seit Mai Einrichtungsleiterin des „Albertushofes“. „Vorn wird gegessen, hinten getrommelt“, merkt Drummerin „Lore“ Weber schmunzelnd an. „Wir haben zunächst in die Grundausstattung für die Band investiert und müssen sehen, wie sich das Projekt entwickelt, ehe wir gegebenenfalls noch einmal Geld in die Hand nehmen“, ergänzt Jaekel.

Für die Spenden, die immer mal wieder eingehen, sei der Albertushof sehr dankbar. Ein Teil davon werde dazu verwendet, Bewohnern mehr Teilhabe zu ermöglichen. Susanne Jaekel nennt als Beispiel einen Tanzkurs, den Eleonore Weber bei der Norle in Delmenhorst dank finanzieller Unterstützung aus Spendengeld besuchen kann.

• HINTERGRUND: Musik verbessert nach Ansicht von Experten das Gefühl zum eigenen Körper, weil sie das limbische System im Gehirn nachweislich positiv beeinflusst. Sie kann durch das Freisetzen von Glückshormonen zum Abbau von Depressionen beitragen. Studien zufolge sind Menschen, die ein Instrument spielen, oft sogar intelligenter, ausgeglichener und kommunikativer als solche, die das nicht tun. Aktives Musizieren als Mitglied einer Band erfordert nicht nur Konzentration, sondern ebenso soziale Kompetenzen, allen voran Teamgeist, die Rücksichtnahme untereinander und das Sich-Einstellen aufeinander.

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