SERIE Fluchtodyssee endet in Sürstedt (3): Plagen und Strapazen

Fläschchen mit Tinktur gegen Krätze erweist sich als Geschenk des Himmels

+

Sürstedt/Bartenstein – Frühjahr 1945: Lina Ewert geht davon aus, dass ihr von den Russen verschleppter Mann, der Schuhmacher Fritz Ewert, nach Sibirien abtransportiert worden ist. Nun steht sie mit fünf Kindern allein da. Im Januar ist die Familie aus ihrem Heimatort Bartenstein in Ostpreußen vor der Roten Armee geflüchtet. Viel zu spät, wie sich herausstellt. Siegfried, einer der Söhne des Ehepaars Ewert, hat die Fluchtgeschichte, die erst 1948 auf dem Hof Rohlfs in Sürstedt bei Groß Köhren endet, niedergeschrieben.

Auf einer Wiese in dem Dorf Schiddelkau fristet die Familie wochenlang ein furchtbares Dasein. Die Russen geben dort bereits den Ton an. „Nach Hause!“, fordern die Machthaber die Geflüchteten schließlich auf. Insgesamt sechs Familien, darunter die Ewerts, machen sich wieder auf den Weg. Siegfrieds Bruder Benno (14) hat einen aus Korbgeflecht gefertigten Kinderwagen organisiert. Manfred, mit sechs Jahren der jüngste Junge der Familie, zieht das Gefährt über weite Strecken.

Wie das nördliche Ostpreußen erreichen? Über Danzig und weiter nach Elbing ist kein Durchkommen. Die Rote Armee lässt diese Route nicht zu. Also geht’s Richtung Dirschau nach Marienburg. Auf Anraten der Russen marschieren die sechs Familien bevorzugt nachts. In keinem Dorf kommen sie ungeschoren davon. Was genau vorfällt, blendet Siegfried Ewert in seinen niedergeschriebenen Kindheitserinnerungen aus.

Auf verwaisten Gehöften oder in Feldscheunen nächtigen die Flüchtlinge. „Sehr oft lagen noch tote Menschen in den Häusern“, heißt es in Siegfried Ewerts Manuskript. In Marienburg angekommen, wird den Familien untersagt, weiter in Richtung Elbing zu laufen – ohne Angabe von Gründen.

„Uns blieb keine Wahl, wir mussten unsere Route weiterhin südlich fortsetzen. Zunächst nach Stuhm und dann nach Marienwerder. Wir wurden langsamer. Wie es meine beiden Schwestern damals überhaupt durchstehen konnten, scheint mir heute unfassbar. Meiner Mutter sowie meinen Schwestern hatten sie die von meinem Vater handgearbeiteten Stiefel von den Füßen gezogen. Wir fanden bald Kinderschuhe in den leer stehenden Häusern. Meine Mutter musste jedoch über eine weite Strecke ohne Schuhwerk laufen. Inzwischen hatten wir uns allesamt Läuse eingefangen. Nicht nur auf den Köpfen, sondern auch in den Kleidern quälte uns dieses Ungeziefer. Der absolute Pechvogel aber war wieder einmal ich. Ich bekam zusätzlich zu meinem Magenleiden und den Läusen als Einziger auch noch die Krätze. Nachts musste ich fortan abgesondert von der Gruppe übernachten. Zudem fürchteten die Frauen, dass ich durch meine Unruhe und mein ständiges Wimmern die Soldateska anziehen könnte“, schildert Siegfried Ewert die Geschehnisse.

Er selbst lebt heute, 76 Jahre später, nicht mehr. Wohl aber seine Schwester Gisela Langhorst; sie wohnt in Harpstedt.

Zurück in das Jahr 1945: In Marienwerder angekommen, durchstreifen die Flüchtlingsfamilien unbewohnte Dörfer. Die Lebensmittel, die sie in verwaisten Häusern finden, sind vielfach bereits verdorben. Eingemachtes aber nehmen sie gern mit. Die Ewerts entdecken Läusepulver. Und Sohn Siegfried stößt auf ein Fläschchen Tinktur gegen Krätze – für ihn ein Geschenk des Himmels, wie er später niederschreibt.    boh

Fortsetzung folgt.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Biathlon: Die besten Bilder zum Weltcup in Antholz

Biathlon: Die besten Bilder zum Weltcup in Antholz

Das Ruhrgebiet und seine Schlösser

Das Ruhrgebiet und seine Schlösser

Die richtige Pflege für Anemonen

Die richtige Pflege für Anemonen

Einsteiger-Rundreise durch Indonesien

Einsteiger-Rundreise durch Indonesien

Meistgelesene Artikel

Wildeshausen: 31-Jähriger wegen versuchten Mordes angeklagt

Wildeshausen: 31-Jähriger wegen versuchten Mordes angeklagt

Wildeshausen: 31-Jähriger wegen versuchten Mordes angeklagt
Kein Sport: Fitnessstudios erstatten Beiträge

Kein Sport: Fitnessstudios erstatten Beiträge

Kein Sport: Fitnessstudios erstatten Beiträge
Corona: Zahl der Toten im Landkreis Oldenburg steigt auf 76

Corona: Zahl der Toten im Landkreis Oldenburg steigt auf 76

Corona: Zahl der Toten im Landkreis Oldenburg steigt auf 76
Inzidenzwert im Landkreis Oldenburg sinkt deutlich

Inzidenzwert im Landkreis Oldenburg sinkt deutlich

Inzidenzwert im Landkreis Oldenburg sinkt deutlich

Kommentare