Feinstaub versus individuelle Freiheit

Feuerwerk verbieten? „Eher nein“

Das private Abbrennen von Feuerwerk untersagen? Damit täten sich Kommunalpolitiker durchaus schwer, wie eine nicht repräsentative Umfrage unserer Zeitung ergab. Zu dem Thema äußerten sich (v.l.) Rolf Ranke (HBL), Irene Kolb (Bündnis 90/Die Grünen), Klaus Budzin (SPD) und Stefan Wachholder (CDU). Fotos: Picture Alliance/Lino Mirgeler (1); Montage: boh
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Das private Abbrennen von Feuerwerk untersagen? Damit täten sich Kommunalpolitiker durchaus schwer, wie eine nicht repräsentative Umfrage unserer Zeitung ergab. Zu dem Thema äußerten sich Rolf Ranke (HBL), Irene Kolb (Bündnis 90/Die Grünen), Klaus Budzin (SPD) und Stefan Wachholder (CDU).

Harpstedt - Etwa 60 Prozent der Deutschen fänden es gut, wenn es in großen Städten keine privaten Feuerwerke mehr gäbe, sondern nur noch öffentliche. Für 98 Kommunen, in denen die Grenzwertempfehlung der Weltgesundheitsorganisation für Feinstaub nicht eingehalten wird, hat die Deutsche Umwelthilfe einen Böllerei-Stopp beantragt. Vielerorts gibt es bereits Verbote – generell oder aber eingeschränkt auf bestimmte Zonen. Wie ist das Stimmungsbild in der Samtgemeinde Harpstedt? Unsere Zeitung hat vier Kommunalpolitiker befragt.

Klaus Budzin (SPD) macht keinen Hehl daraus, dass er bis vor drei Jahren für Böller, Raketen und Batterien zu Silvester „fast 100 Euro“ ausgegeben habe. Er sehe das Thema heute mit anderen Augen. „Ich freue mich über bunte Lichter und Feuerwerk, muss das aber selber nicht mehr machen“, sagt der Harpstedter. Zu denken gibt ihm insbesondere die hohe Feinstaubbelastung. Gegen das Böllern spreche ebenso die „Sicherheitsseite“ – also Brände und teils schwerste Verletzungen, die Jahr für Jahr zu beklagen sind. Hinzu komme: „Viele Tiere drehen durch.“

Ob ein Verbot der richtige Weg wäre, bezweifelt Budzin gleichwohl. Seine Meinung: „Eher nein.“ Das neue Jahr mit Feuerwerk zu begrüßen, sei ein Stück weit gelebte Tradition. Das einfach wegfallen zu lassen, kann sich Budzin nur schwer vorstellen. „Ich bin da mit mir nicht ganz im Reinen“, gibt er zu.

Eine gemeinsam abgestimmte Position der Grünen zu dem Thema gebe es noch nicht, so Ratsfrau Irene Kolb. Die Frage sei noch nicht bei einem Grünen-Treffen diskutiert worden. Kolb verweist auf die irreführende Benutzung des Begriffs „Böllerverbot“ in den Medien. Tatsächlich ist damit für gewöhnlich ein generelles Feuerwerksverbot gemeint. Ginge es nur um Böller, dann könnten nach Kolbs Einschätzung „wahrscheinlich alle Grünen zustimmen, dass diese nicht mehr erlaubt sein sollten“. Und zwar nicht nur aus Umweltschutzgründen. Bei falscher Handhabung seien Böller gefährlich. Sie schreckten „geräuschempfindliche Menschen und auch Tiere auf“. Dazu komme der erhebliche Dreck, den die Knaller verursachen.

Sehr positiv findet Irene Kolb jedenfalls „die öffentliche Diskussion“ und „den Bewusstseinswandel in der Bevölkerung sowie teilweise auch im Handel“. Die Grünen wünschen sich nach den Worten der Ratsfrau, dass „die Böllerei dadurch deutlich zurückgeht“. Anschließen können sie sich der Bitte des Umweltbundesamtes an die Bürger, einen freiwilligen Beitrag zur Verminderung der Feinstaubbelastung und des Lärms in der Silvesternacht zu leisten – entweder durch weniger Feuerwerk oder aber sogar durch gänzlichen Verzicht. Das trüge im Übrigen dazu bei, die Müllmenge von Verpackung und Umhüllung der Feuerwerkskörper sowie den erheblichen Energieaufwand für die Herstellung der Pyrotechnik zu verringern.

In der Vergangenheit haben Appelle an die Vernunft keinen durchschlagenden Erfolg gehabt. 2016 und 2017 erreichten die Silvesterumsätze der Branche mit Feuerwerksartikeln in Deutschland eine Rekordmarke von 137 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr waren es immerhin noch 133 Millionen.

Eine abschließende Meinung über das Thema Feuerwerksverbot hat sich Rolf Ranke (Harpstedter Bürgerliste, HBL) bislang nicht gebildet. „Ich bin bei dem Thema zwiegespalten“, gesteht er. Die Abwägung zwischen individuellen Freiheitsrechten einerseits sowie Umwelt-, Klimaschutz- und Tierschutzbelangen andererseits falle ihm schwer.

Der Zwiespalt findet im Privaten seinen Niederschlag. Bis Montagmittag hatte Ranke kein Silvesterfeuerwerk eingekauft. Letztendlich fällt die Entscheidung, das zu tun oder auch nicht zu tun, also ziemlich spontan.

„Ich selbst zünde mit meinen Kindern an Silvester einige Raketen, und sie haben sichtlichen Spaß an dieser alten Tradition“, bekennt sich Stefan Wachholder (CDU) zum moderaten Böllern. Mit dem Thema Feuerwerk verbindet er viele Pro-, aber auch Contra-Argumente.

Der Harpstedter, auch Fleckenbürgermeister, erinnert sich an eine denkwürdige  Silvesternacht, die er damit verbracht habe, „einen entlaufenen Hund wiederzufinden“. Da frage er sich schon, ob es „Not tut“, den Tieren, die vielfach mit Stress auf das Feuerwerk reagieren, „so etwas zuzumuten“. Und nun komme im Zuge der Diskussion über den Klimawandel die nicht zu leugnende Feinstaubbelastung dazu. „Wenn man sich bewusst macht, dass in dieser Nacht 16 Prozent der gesamten Feinstaubmenge, die der Verkehr im Jahr freisetzt, in wenigen Stunden in die Luft geknallt werden, sollte es erlaubt sein, über das Für und Wider nachzudenken“, findet Wachholder. Ein generelles Verbot hielte er persönlich „für verfrüht“, ein Reflektieren des Böllerns aber für durchaus geboten: „Jeder sollte sich über die Probleme und Folgen des Feuerwerks Gedanken machen.“

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