Blick auf das Einsatzgeschehen 2021

Samtgemeindefeuerwehr: Erinnerungen an Ahrtal-Hilfe bleiben

Die Übergabe des neuen Löschgruppenfahrzeugs (im Hintergrund) an die Beckelner Brandschützer zählte aus Sicht von Christian Bahrs, Jannik Stiller, Nico Sparkuhl und Frank Bollhorst (von links) zu den Highlights im zurückliegenden Samtgemeindefeuerwehrjahr 2021.
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Die Übergabe des neuen Löschgruppenfahrzeugs (im Hintergrund) an die Beckelner Brandschützer zählte aus Sicht von Christian Bahrs, Jannik Stiller, Nico Sparkuhl und Frank Bollhorst (von links) zu den Highlights im zurückliegenden Samtgemeindefeuerwehrjahr 2021.

Harpstedt – Auf Initiative Harpstedter Brandschützer waren Feuerwehrkräfte aus den Landkreisen Oldenburg, Wesermarsch und Diepholz im Juli 2021 nach Bad Neuenahr-Ahrweiler gefahren, um den Opfern der Hochwasserkatastrophe etwa 100 Intermediate Bulk Container (IBC) mit jeweils 1 .000 Litern Fassungsvermögen zu bringen. Zerstörung in einem derart drastischen Ausmaß kannten Harpstedts Gemeindebrandmeister Nico Sparkuhl, sein Stellvertreter Frank Bollhorst, Samtgemeindefeuerwehr-Pressesprecher Christian Bahrs und sein Stellvertreter Jannik Stiller bis dato nur aus den Nachrichten. 

Erinnerungen an die Lage im Ahrtal schilderten sie am Dienstagabend am Rande eines Pressegespräches, das in erster Linie den Fokus auf das Einsatzgeschehen 2021 der Samtgemeindefeuerwehr legte. Bollhorst entsann sich an die Leere in den Augen, in die er angesichts der erlittenen schweren Verluste der Menschen blickte, sowie an die unfassbaren Massen von Schutt und Dreck, aber auch an unendliche Dankbarkeit für geleistete Hilfe, wie er sie bislang nur von Bildern aus Entwicklungsländern kannte. Er habe sich damals einfach nicht vorstellen können, dass in Ahrweiler irgendwann einmal „alles wieder normal aussehen wird“. Autos hätten hochkant an Wänden und Bäumen gestanden. „Es gab einen Schrottplatz, auf dem sich unzählige Fahrzeuge zehn Meter hoch auftürmten“, merkte Sparkuhl an.

Leute hätten tagelang nichts zu trinken gehabt. Das zusätzlich mitgebrachte Trinkwasser sei den Feuerwehrkräften förmlich aus der Hand gerissen worden.

Die von der Feuerwehr organisierten Intermediate Bulk Container (IBC) für Brauchwasser leisteten im Katastrophengebiet wochenlang wertvolle Dienste.

Die auf Harpstedter Initiative „angekarrten“ IBC, von der Bundeswehr mit Brauchwasser befüllt, dienten indes für Reinigungszwecke – zum Händewaschen oder auch Abspülen von Gerätschaften. Unternehmen aus weiten Teilen Norddeutschlands hatten die quaderförmigen Behälter gespendet. Keine der Firmen wollte auch nur einen Cent dafür haben – und das bei einem Neuwert von 400 bis 450 Euro pro Behälter. „Das verdient wirklich Lob, Dank und Anerkennung“, betonte Nico Sparkuhl.

343 aktive Kräfte

Die Zahl der aktiven Einsatzkräfte in den sechs Stützpunktfeuerwehren der Samtgemeinde Harpstedt hat sich nach Angaben von Pressesprecher Christian Bahrs im vergangenen Jahr gegenüber 2020 um acht auf 343 erhöht. Davon sind 48 (+2) weiblich und 295 (+6) männlich. Den fünf Jugendfeuerwehren gehören zusammen 113 (+10) Mitglieder an – und der Kinderfeuerwehr nun wieder 35 (nach einem kurzzeitigen „Einbruch“). Die Altersabteilungen wuchsen im vergangenen Jahr um vier auf insgesamt 128 Senioren.

Die Container leisteten wochenlang wertvolle Dienste. IBC, die irgendwann vor Ort entbehrlich wurden, „wanderten“ weiter nach Dernau, wo die Menschen sie nun nötiger brauchten.

In Ahrweiler war Jannik Stiller nach eigenem Bekunden richtig bewusst geworden, welche immense zerstörerische Kraft Wasser entwickeln kann. Nur zehn Kilometer davor sei die Welt noch in Ordnung gewesen; eine geradezu idyllische Landschaft habe das Bild geprägt. „Als wir die Autobahn verließen, sah es hier und da schon etwas staubig aus. Gerade mal fünf Minuten später offenbarte sich dann das ganze Ausmaß der Zerstörung“, beschrieb Stiller seine Eindrücke. Ja, auch er habe schlucken müssen, als er Schilderungen vernahm, was den Menschen im Katastrophengebiet widerfahren war.

Die „Kulisse“ muss fast irreal gewirkt haben. Stiller: „Die ganze Zeit flogen Hubschrauber und haben was transportiert. Oben auf dem Berg war ein Landeplatz. Räumfahrzeuge, THW, Helfer aus ganz Deutschland: Man konnte sehen, wie gut die Kräfte, darunter sehr viele Freiwillige, miteinander arbeiteten.“

Harpstedter Wehr braucht ein neues TLF

Die Ausschreibung zwecks Ersatzbeschaffung eines Löschgruppenfahrzeuges (LF) für die Feuerwehr Kirch- und Klosterseelte liegt nach Angaben von Gemeindebrandmeister Nico Sparkuhl „in den letzten Zügen“. Sie läuft erstmals über die Kommunale Wirtschafts- und Leistungsgesellschaft mit Sitz in Hannover, einer 100-prozentigen Tochter des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes. Mit der Auslieferung ist wegen langer Lieferzeiten in diesem Jahr eher nicht zu rechnen. Ein neues Tanklöschfahrzeug braucht die Feuerwehr Harpstedt. Ihr TLF werde 22 Jahre alt, so Nico Sparkuhl. Die Zeiten, da Fahrzeuge drei Jahrzehnte hielten, seien vorbei – auch eine Folge der immer komplexeren Technik, die darin verbaut sei. In den Berufswehren liege die Nutzungsdauer nur noch bei rund zehn Jahren, sagt der stellvertretende Pressesprecher der Samtgemeindefeuerwehr, Jannik Stiller, der selbst auch Berufsfeuerwehrmann ist. Der Antrag auf Ersatzbeschaffung für das in die Jahre gekommene Harpstedter TLF sei noch in den politischen Gremien zu beraten, so Sparkuhl.

Das Einsatzjahr 2021 der Samtgemeindefeuerwehr mutet im Vergleich mit der Tragödie im Ahrtal und der dort geleisteten Hilfe unspektakulär und normal an. Insgesamt 104-mal mussten die sechs Stützpunktwehren ausrücken, neunmal weniger als 2020 (und sogar 25-mal weniger als 2019). Die Alarmierungen aus Anlass von Verkehrsunfällen, darunter vier auf der A1, stiegen allerdings um vier auf zehn an.

Schlimm war für die Feuerwehren Prinzhöfte und Harpstedt der Einsatz vom 21. August: Ein Landwirt war zwischen Trecker und Grubber eingeklemmt.“

Nico Sparkuhl

Die Zahl der Hilfeleistungen schrumpfte um 29 auf 38; die der Fehlalarme erhöhte sich um acht auf zwölf und die der Brände um sieben auf 42. Zwei Einsätze fallen in die Rubrik „Sonstiges“.

Großtierrettung und Klimaaktivisten

Zu den schwereren Verkehrsunfällen mit Befreiung einer eingeklemmten Person gehörte ein Frontalzusammenstoß auf der Wildeshauser Straße nahe Harpstedt vom 24. Juni. Ein Großtierrettungseinsatz rief am 17. April gleich drei Feuerwehren, nämlich Harpstedt (mit Tierhebegeschirr), Groß Ippener und Prinzhöfte, auf den Plan. Die Aufgabe bestand darin, auf einem Gehöft in Klein Henstedt ein mit den Hinterbeinen in einen Gully eingesacktes Pferd zu befreien.

Im April bekamen es die Brandschützer auf der A1 kurz vor Mackenstedt mit von der Brücke „hängenden“ Klimaaktivisten zu tun. Die Zahl der zu beseitigenden Sturmschäden halbierte sich gegenüber 2020 auf 14.

„Schlimm war für die Feuerwehren Prinzhöfte und Harpstedt der Einsatz vom 21. August: Ein Landwirt war zwischen Trecker und Grubber eingeklemmt. Die Feuerwehr Harpstedt hat auch Kameraden, die in der Berufsfeuerwehr tätig sind, und übernahm die Reanimation. Der Rettungswagen musste ganz aus Bremen kommen. Am selben Tag war in Ganderkesee ein Fallschirmspringer verunfallt“, berichtete Nico Sparkuhl.

Dachstuhl hinüber, Wohnhaus gerettet

Direkt nach Himmelfahrt bewahrte ein Großaufgebot an Feuerwehrkräften inklusive Drehleiter aus Wildeshausen ein Wohnhaus an der Breslauer Straße in Harpstedt vor der totalen Zerstörung, wenngleich der Dachstuhl ein Raub der Flammen wurde. Neben einem Wohnmobil verbrannten damals zwei Personenwagen, darunter ein E-Auto, sowie Carport und Pferdeanhänger. Geringer Schaden entstand an einem zweiten Wohnhaus. Am Sonntag darauf folgte eine weitere Alarmierung mit dem Stichwort „Gebäudebrand groß“ auf dem Hof Heitzhausen. „Das war aber zum Glück nichts Dramatisches“, erinnert sich Christian Bahrs. Zu einem Schornsteinbrand in Schulenberg mussten Feuerwehrkräfte am 11. März ausrücken. Zwei Autos standen am 9. März in Harpstedt an der Nord-/Mullstraße, Ecke Goseriede, und am 19. Juli „Am Eschenbach“ bei Stiftenhöfte in Flammen.

Unterstützung jenseits der Kreisgrenze

„Am 17. Juli gab es in Altenmarhorst einen größeren Flächenbrand, ausgelöst durch eine Ballenpresse, die Feuer gefangen hatte. Die Flammen liefen auf mehrere Höfe zu. Die Feuerwehren Harpstedt, Beckeln und Colnrade wurden zur Unterstützung angefordert“, erläuterte Frank Bollhorst.

Wenig später brannte in Neuenmarhorst ein Radlader, der zuvor bei der Eindämmung des Flächenbrandes zum Einsatz gekommen war. Das Fahrzeug befand sich in einer Halle. Das Feuer griff darauf über und richtete auch am Gebäude Schaden an. Der mitalarmierten Feuerwehr Colnrade bescherte dieser Vorfall einen zweiten Einsatz am selben Tag.

Schon am 6. Juli waren die Colnrader Brandschützer zu einem Carportbrand nach Wildeshausen ausgerückt.

Natronlauge läuft aus Kanistern

Ein Gefahrguteinsatz an der Stettiner Straße in Harpstedt zog sich im November über Stunden hin, wobei es zumindest für die meisten der rund 130 Feuerwehrkräfte vor Ort nicht wirklich viel zu tun gab. Auf einem Lkw-Anhänger war eine Palette Kanister mit ätzendem Inhalt umgekippt; aus einem Teil der Behälter lief Natronlauge aus. Mit ausgerückt war natürlich der neue Gerätewagen Gefahrgut der Kreisfeuerwehr, den Ende September der damalige Landrat Carsten Harings in Harpstedt offiziell seiner Bestimmung übergeben hatte.

Abseits des Einsatzgeschehens ragten 2021 die förmliche Übergabe des neuen Löschgruppenfahrzeugs (LF 10) an die Feuerwehr Beckeln und der erste Spatenstich für den Feuerwehrhausneubau in Colnrade heraus. Beides fiel in den Oktober.

Feuerwehr interagiert auch auf Instagram

„Die Samtgemeindefeuerwehr ist seit Sommer relativ aktiv auf Instagram geworden“, erläutert der stellvertretende Pressesprecher Jannik Stiller. Über dieses soziale Netzwerk seien die jungen Leute besser zu erreichen, zumal sie sich, wie zu beobachten sei, zunehmend von Facebook abwendeten. Seit einem Jahr sei die Samtgemeindefeuerwehr mit einer Homepage online vertreten, merkt Pressesprecher Christian Bahrs an und ergänzt: „Der Stand von heute: 20.841 Besucher haben die Website insgesamt 70.641-mal aufgerufen.“ Ein Video der Samtgemeindefeuerwehr zum Jahreswechsel, das mit Bezugnahme auf Pandemie und Lockdowns „Standing still“ betitelt war, habe „circa 5.000 Leute“ erreicht. An Instagram gefallen Jannik Stiller besonders die Möglichkeiten des Interagierens. „Wir können Storys einstellen, die 24 Stunden lang sichtbar bleiben und danach sofort wieder verschwinden. Wir können auch genau sehen, wie viele Leute sie anklicken. Auf Interaktionsflächen können wir etwa fragen: ,Was wollt ihr als Nächstes sehen? Rettungsgerät? Oder lieber eine Wärmebildkamera?‘ Die Follower suchen sich dann was aus. Bei solchen Interaktionen machen im Schnitt 150 bis 250 Leute mit.“ Twitter werde von der Samtgemeindefeuerwehr nicht genutzt. „Das wäre zu viel des Guten. Man kann nicht alles auf einmal bedienen“, weiß Stiller. Die Feuerwehr sei nicht mehr wie vor 30 Jahren: „Die Zeiten, in denen Kameraden mit Latzhose und Gummistiefeln ausrückten, sind schon lange vorbei. Fahrzeuge, Einsatzlagen und Aufgabenspektrum verändern sich.“ Gleiches gelte eben auch für die Kommunikationsformen, mit denen versucht werde, der Bevölkerung den Alltag in der Feuerwehr näherzubringen.

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