„Fährmann“-Konzert im „Liberty‘s“ im Rahmen der Reihe „Kultur am Donnerstag“ endet mit einem Versprechen

„Ich lege wieder an“

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Zum Schluss ein ultrakurzes Nonsens-Lied auf dem Banjo: „Fährmann“, hier mit der Violinistin Regina Mudrich.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Abwechselnd kündigt „Fährmann“ „schöne“, „sehr schöne“ oder gar „wunderschöne“ Lieder an. Das zieht sich wie ein Running Gag durch das recht gut besuchte „Kultur am Donnerstag“-Konzert im „Liberty‘s“ in Harpstedt. „Vorstadtträume“, den Opener, spielt der Künstler langsamer als in der Studio-Version auf dem Album „Nahaufnahmen“. Auch kantiger und urwüchsiger.

Zur Akustikgitarre gesellt sich Mundharmonika hinzu. Der Blues-Harp-Stil erinnert an Bruce Springsteen. Der „Boss“ wiederum findet in einer Textzeile sogar Erwähnung. Nicht von ungefähr. Später, in der Pause, gesteht „Fährmann“, Springsteen, Bob Dylan und Neil Young seien die Helden seiner Jugend gewesen. Aufgewachsen ist er in der ehemaligen DDR, wo Liedermacher wie Wolf Biermann die Jugendkultur genauso prägten wie die „Puhdys“. Seine Sozialisation verleugnet „Fährmann“ nicht. „Instandbesetzt“, einem Titel der früheren „Silly“-Frontfrau Tamara Danz, haucht er neuen Charme ein, bedauert aber zugleich: „Schade, dass ich das Lied nicht geschrieben habe.“

Mit der Violinistin Regina Mudrich hat der Singer-Songwriter proben können, mit Bassmann Martin Zemke nur einmal zusammen in Oldenburg gespielt. Der Harmonie tut‘s überhaupt keinen Abbruch. Nachdem sich Mudrich und Zemke in abwechselnden Soli fast ein kleines Duell geliefert haben, staunt selbst „Fährmann“: „Ganz großes Kino.“

Seinen bürgerlichen Namen hört der Wahl-Ruhrpottler im Zusammenhang mit seiner Musik nicht gern. Als Mysterium wahrgenommen zu werden und Bilder im Kopf zu erzeugen, passt zu seinem Image. Sein Künstlername klingt nach Weite, Wasser, Ruhelosigkeit, ein bisschen sogar nach „Brückenbauer“.

Auch Autobiografisches findet sich in den Texten wieder. Jedem Versuch der musikalischen Einordnung aber entzieht sich der „Fährmann“. Im weiten Feld zwischen Springsteen, Liedermachern und „Ostrock“ will sich einfach keine passende Schublade finden. „Kommt ein Vogel geflogen“ sang seine Mutter dem heute 51-Jährigen in seiner frühen Kindheit vor. Sie starb, als er sieben war. „Irgendwann dachte ich, ich müsste ihr mal ant-

„Sie haben Dresden

tapeziert und gebügelt“

worten, weil ich dieses Kinderlied immer noch im Kopf habe“, erzählt er und lässt die balladeske Erwiderung, „Komm setz dich ans Fenster“, folgen. „Feuer im Schnee“, ebenfalls im Dreivierteltakt, hat es bis auf Platz 25 der „Liederbestenliste“ geschafft. Damit hätten der SWR3 und weitere Sender ihn zum Ritter geschlagen, scherzt der vermeintlich „Geadelte“. „Seither bin ich Sir“.

„Tanz auf meinem Grab“, eine gesellschaftskritische Kampfansage an Opportunismus und Autoritätshörigkeit, im Original aus Schweden, hat er ins Deutsche übersetzt. Ein geglücktes Unterfangen. Zumindest, wenn man dem wohlwollenden Urteil von Martin Bengtsson, einem Musikerkollegen aus Schweden, glauben darf.

Den Titel „Ich steh‘ noch immer hier“ habe eine Redakteurin mal „ein wunderschönes Liebeslied“ genannt. „Es handelt aber vom Ende einer Liebe. Und wer jemals in seinem Leben verlassen wurde, dem bleibt an dieser Stelle nochmals das Herz stehen“, glaubt „Fährmann“. Es dem Zuhörer beim Verständnis seiner Texte allzu leicht zu machen, ist sein Bestreben offenkundig nicht. Vieles erschließt sich nicht schon beim ersten Hören.

„Dieses Lied ist so neu, dass es selbst für mich neu ist“, kündigt der Künstler den Titel „In der Fremde“ schmunzelnd an. Der Text beschreibt, wie ein ehemaliges Stück Heimat bei einem späteren Wiedersehen fremd erscheint. Diese Erfahrung blieb „Fährmann“ selbst nicht fremd. „Ich bin aus Dresden ausgewandert. Nach West-Berlin. Es hat lange gedauert, bis ich mich dort eingelebt hatte. Ich habe später versucht, wenigstens als Gast wieder in Dresden zu landen. Es ist mir nie richtig gelungen. Irgendwann zog ich nach NRW. Da ist wenigstens alles klar. Da bin ich nicht ganz in der Fremde. Man muss vorwärts gehen im Leben, nicht zurück. Wenn ich mir aber heute Dresden ansehe, kommt es mir vor, als wäre da einer mit dem Bügeleisen drüber gegangen. Die Stadt war früher so charmant, wenngleich vieles kaputt. Jetzt haben sie alles tapeziert, gebügelt. Nun kommen die Japaner in Massen. Das beschäftigt mich.“

Das Publikum hört gern zu – den Liedern, aber auch den mit Humor gespickten persönlichen Ansichten. Im Zugabeteil rennt der Künstler, weil sich ein Zuhörer einen bestimmten Titel wünscht, zum Auto, um auf die Schnelle sein Banjo zu holen. Die Nummer, die er sodann anstimmt, könnte es problemlos in die „Kürzestenliste“ schaffen, falls es die wirklich gibt. Der folkloristisch anmutende Track mit irrwitziger „Botschaft“ sorgt für den letzten Lacher eines ausgesprochen kurzweiligen Abends: „Wenn du einen Typen siehst, der übers Wasser läuft, renn ihm nicht gleich hinterher! Kann sein, dass du ersäufst.“ Ein Versprechen setzt den Schlusspunkt: „Ich lege wieder an.“

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