Küstentannen werden von Zapfen erleichtert / Selbstfahrende Arbeitsbühnen statt Kletterer

Ernte schon kurz vor der Reife erforderlich

Hoch hinaus geht’s zwischen die Baumkronen mit der Arbeitsbühne.
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Hoch hinaus geht’s zwischen die Baumkronen mit der Arbeitsbühne.

Harpstedt – Anderthalb Tonnen Küstentannen-Zapfen hat die Forstsaatgut-Beratungsstelle der Niedersächsischen Landesforsten jetzt im Harpstedter Wald ernten lassen. Anstelle von Baumkletterern kam eine selbstfahrende Arbeitsbühne zum Einsatz.

Eine Aufgabe von Forstunternehmer Jan Culemann aus Ebstorf besteht darin, den Hubsteiger auf Gummiraupen unter die 50-jährigen Bäume zu steuern. Vier seitlich ausfahrbare „Spinnenbeine“ dienen dazu, das schwere Gerät exakt auszurichten, damit die Arbeitsbühne gefahrlos in die 30 Meter hohen Kronen vordringen kann. „Mit dem Hubsteiger kommen wir auch an die für Baumkletterer zu brüchigen Ast- und Kronenspitzen“, so der gelernte Forstwirtschaftsmeister. „Die Zapfenernte ist daher viel sicherer und bis zu dreimal so ergiebig wie beim traditionellen Pflücker.“

Die Ernte muss jetzt erfolgen, kurz vor der Reife. Denn ist der Tannenzapfen erst einmal reif, zerfällt er. Dann lässt er sich folglich nicht mehr ernten. Die Abläufe offenbaren Routine: Nach Einschätzung des Zapfenbehanges mit dem Fernglas steuert Culemann einen Baum an und nimmt zunächst eine Probe mit mehreren Zapfen, die er seinem Kollegen am Boden hinunterwirft. Frank Völkel sorgt als zweiter Mann von unten für die Sicherheit. Er schneidet die Zapfen auf und bewertet den Anteil hohler, nicht keimfähiger Samen. „Bei zu viel Hohlkorn wird der Baum nämlich nicht beerntet. Wir steuern dann den nächsten ,Kandidaten’ an. Manche Zapfen sind vom Fichtenzapfenzünsler befallen. Die werden ebenfalls nicht gepflückt“, sagt Völkel.

Bei den Harpstedter Küstentannen geht die Ernte diesmal sehr schnell über die Bühne. Nach drei Tagen sind 50 Bäume beerntet. Die tragen durchschnittlich 30 Kilogramm Zapfen. „Wir pflücken jeden einzelnen mit der Hand. Da die Zapfen sehr harzhaltig sind, säubern wir unsere Hände ständig mit Babyöl. Sonst würden uns die Finger zusammenkleben“, erläutert Unternehmer Culemann.

In der Forstsaatgut-Beratungsstelle in Oerrel bei Munster reifen die Zapfen bis Anfang Oktober. Sodann werden die Samen gewonnen, gereinigt und getrocknet. „Sie sollen für 350 000 Setzlinge reichen, die in verschiedenen Baumschulen angezogen werden“, berichtet Andreas Preuß, Leiter der Saatgutstelle.

„Obwohl diese nordamerikanische Baumart schon seit 150 Jahren angepflanzt wird und eine sturm- sowie trockenheitsresistente Alternative zur Fichte sein kann, verzeichnen wir keine steigende Nachfrage. Die Küstentanne ist niedersachsenweit wohl noch zu wenig bekannt – und in den ersten Jahren nach der Pflanzung auch empfindlich gegen Wildverbiss“, weiß Förster Andreas Preuß. „Maßgeblich ist bei uns in den Niedersächsischen Landesforsten, dass sie immer in Mischung mit heimischen Arten wie zum Beispiel der Buche gepflanzt wird. Auch in Mischwäldern mit vielen Baumarten auf gleicher Fläche kann die Küstentanne als sehr flexible Mischbaumart dienen.“ Ihr Anteil in den zukünftigen Mischwäldern der Landesforsten soll sich übrigens laut mittelfristiger Planung auf 1,2 Prozent oder rund 3 800 Hektar Waldfläche erhöhen.

HINTERGRUND: Zwei Baumarten mit der Eignung, die Fichte teilweise zu ersetzen: Große Küsten- und europäische Weißtanne

Nach Angaben der Niedersächsischen Landesforsten weiß längst nicht jeder, dass im Nordwesten Niedersachsens zwei Tannenarten mit der Eignung, die Fichte teilweise zu ersetzen, schon lange verbreitet sind. Dabei handele es sich um die Große Küstentanne aus dem Westen Nordamerikas und die europäische Weißtanne. Letztere habe bis in die jüngere Vergangenheit als das „Aschenputtel unter den Nadelbäumen“ gegolten – und zwar auch, „weil sie unter den Schwefel-Immissionen in den 1980ern deutlich sichtbar litt und sich erst seit einigen Jahren wieder erholt hat“. Die schnellwüchsige Küstentanne könne indes ob des immensen Holzverbrauchs Bedeutung erlangen.

Beide Tannenarten könnten sich mit ihrem Pfahl- und Senkwurzelsystem stabil im Boden verankern und gut versorgen. „Das“, so die Landesforsten, „ist ein wichtiges Kriterium in einem klimastabilen Zukunftswald, der vermehrt Stürme aushalten muss.“ Beide Tannen seien obendrein recht resistent gegen Trockenperioden – „ein weiteres Plus für eine Zukunft im Klimawandel“. Dürreperioden könne die Küstentanne besonders gut überstehen. Diese sehr zuwachsstarke Art mit ihrem nicht so hochwertigen Holz sei seit über 150 Jahren in Deutschland bekannt und in Nordwestniedersachsen besonders nach dem Orkan von 1972 auf Freiflächen gepflanzt worden. Im alten Oldenburger Land (inklusive Ostfriesland und bis nach Syke) gebe es mit 530 Hektar Küstentannen-Waldbeständen einen Anbauschwerpunkt in Niedersachsen. Den in seiner Heimat bis zu 60 Meter hoch werdenden Waldbaum schätzten Forstwissenschaftler mit Blick auf den Klimawandel so ein, „dass er gut in künftige Mischwälder integrierbar ist“.

Wird mit „Spinnenbeinen“ stabilisiert: der Hubsteiger, mit dem die Forstunternehmer Franz Völkel und Jan Culemann arbeiten.
1,5 Tonnen Zapfen für die Nachzucht von rund 350 000 Küstentannen wurden kürzlich in Harpstedt geerntet. Rechts eine Schnittprobe: Reicht der Anteil keimfähiger Samen aus?

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