Posthumes Porträt: Ernst Rohlfs

Ein Leben in einer Zeit voller Umbrüche

Ernst Rohlfs (1912 – 1986)
+
Ernst Rohlfs (1912 – 1986)

Groß Köhren – 35 Jahre währte sein kommunalpolitisches Wirken: Ernst Rohlfs hat als erster Nachkriegsbürgermeister der Gemeinde Groß Köhren mit ähnlichen Problemen zu kämpfen gehabt, wie Deutschland sie 70 Jahre später während der Flüchtlingskrise von 2015 in einem anderen Kontext unter weit besseren Bedingungen meistern musste.

Nacheinander kamen in seinem Heimatdorf, wo er den elterlichen Hof nach dem Tod des Vaters übernommen hatte, Geflüchtete und Vertriebene aus dem ausgebombten Rheinland, Bessarabien, Ostpreußen und Schlesien an. Deren Einquartierung verlangte den Einheimischen Opfer ab; sie mussten zusammenrücken und teilen.

Es gibt gleich mehrere Anlässe, an den Diplom-Landwirt Ernst Rohlfs zu erinnern, der sich als Politiker mit Zielstrebigkeit, Entschlossenheit und besonnenem Agieren seinen Platz in der Heimatgeschichte erobert hat: Vor 35 Jahren ist er verstorben. Gut 75 Jahre liegen sein Einzug in den Groß Köhrener Rat und sein Amtsantritt als Bürgermeister zurück. Vor 45 Jahren endete sein elfjähriges Wirken als allererster ehrenamtlicher Bürgermeister der zunächst „kleinen“ und dann „großen“ Samtgemeinde Harpstedt, deren Rat er noch bis 1980 angehörte. Seine 15-jährige Mitarbeit im Kreistag des Landkreises Grafschaft Hoya währte bis zum Vollzug der Kreisreform vor ebenfalls viereinhalb Jahrzehnten.

 Den Flüchtlingsfamilien sollen je etwa 50 Quadratmeter Gemüseland von den Bauern zugewiesen werden, bei denen sie arbeiten beziehungsweise wohnen.“

Beschluss des Groß Köhrener Rates vom 13. März 1946

Auch im Niedersächsischen Städte- und Gemeindebund, im Zweckverband Wildeshauser Geest sowie vor allem als Verbandsvorsteher des Ochtumverbands hat Rohlfs Spuren hinterlassen.

Wie sehr seine Zeit als Ratsmitglied und Bürgermeister Groß Köhrens nach dem Krieg unter dem Einfluss der Siegermächte sowie der Ankunft geflüchteter und vertriebener Familien stand, lässt sich aus alten Sitzungsprotokollen herauslesen. Ein Beschluss vom 13. März 1946 lautete: „Den Flüchtlingsfamilien sollen je etwa 50 Quadratmeter Gemüseland von den Bauern zugewiesen werden, bei denen sie arbeiten beziehungsweise wohnen.“

Weitsicht und Zielstrebigkeit

Am 31. Mai desselben Jahres billigte der Rat vor dem Hintergrund der unterzubringenden Fremden die Bildung einer Kommission für „Wohnungsangelegenheiten“. Ein am 1. September gefasster Beschluss sah vor, gespendetes Jagdgeld in Höhe von 740 Reichsmark „zur Bezahlung der Flüchtlingsbetten zu verwenden“ und sich um weitere 500 bis 600 Reichsmark „vom Hilfswerk der freien Wohlfahrtsverbände“ zu bemühen.

Hinweise zu den Bestrebungen der Alliierten, die Deutschen angesichts der NS-Verbrechen zu entnazifizieren, finden sich in den alten Unterlagen ebenfalls. Darin ist beispielsweise von einem am 12. November 1946 gebildeten „Entnazifizierungsunterausschusss“ die Rede.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg am 15. August 1912 in Groß Köhren geboren, prägten Ernst Rohlfs mit Weimarer Republik, Nazi-Diktatur und Krieg, Besatzung und Wiederaufbau, dem Wirtschaftswunder in sich allmählich festigenden demokratischen Strukturen und der deutsch-deutschen Teilung Jahrzehnte voller Brüche und Umbrüche, wobei er am Werden der Bundesrepublik auf kommunaler Ebene selbst Anteil gehabt hat.

Ihm lag an Chancengleichheit

Die Chancengleichheit der Menschen auf dem Land gegenüber den Bewohnern der Ballungsräume lag dem ursprünglichen Anhänger der rechtskonservativen Deutschen Partei und späteren CDU-Mann, der 1978 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekam, immer am Herzen. Auf die Gefahr hin, mit unpopulären Ansichten auch mal anzuecken, verfolgte Rohlfs seine Ziele mit großer Entschlossenheit.

Schon früh sah er die Gefahr, dass zu kleine kommunale Einheiten mit den wachsenden Aufgaben überfordert werden könnten, und das Erfordernis, auf die Herausforderungen der Zukunft mit Zusammenschlüssen von Gemeinden und der Gründung von Zweckverbänden zu reagieren. Genau die Art von Zentralisierung, die viele gern verhindert hätten, vollzog sich im Verlauf der Gebietsreform von 1974 auch in seiner eigenen Heimat: Groß Köhren sowie Klein Köhren und Beckeln, bis dato selbstständige Kommunen, gingen in der nun größeren Gemeinde Beckeln auf – mit Heinrich Oestermann als deren Bürgermeister. Der mit dem Ziel der Realisierung einer Mittelpunktschule in Harpstedt gebildete Schulzweckverband zog indes die Samtgemeinde Harpstedt nach sich. Eine neue Körperschaft öffentlichen Rechts.

In der „großen“ Samtgemeinde blieb Ernst Rohlfs nur noch zwei Jahre Bürgermeister, ehe ihn Werner Finke im Amt beerbte. Die deutsch-deutsche Wiedervereinigung zu erleben, war ihm nicht mehr vergönnt.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Backshop soll und muss noch umziehen

Backshop soll und muss noch umziehen

Backshop soll und muss noch umziehen
Hitlergruß, Tritte und Faustschläge in Wildeshausen

Hitlergruß, Tritte und Faustschläge in Wildeshausen

Hitlergruß, Tritte und Faustschläge in Wildeshausen
Existenzbedrohend für Hausbauer

Existenzbedrohend für Hausbauer

Existenzbedrohend für Hausbauer
Leitungen und Fachkräfte wegen Corona am Limit

Leitungen und Fachkräfte wegen Corona am Limit

Leitungen und Fachkräfte wegen Corona am Limit

Kommentare