SERIE Fluchtodyssee endet in Sürstedt / Teil acht: Von schlimmen Bedingungen und guten Nachrichten

„Er sagte wirklich Lagerführer, und niemand hat ihn erschossen“

Vor ihrem Haus in Bartenstein: Lina (Mitte) und Fritz Ewert (hinten rechts) mit den acht Kindern.
+
Vor ihrem Haus in Bartenstein: Lina (Mitte) und Fritz Ewert (hinten rechts) mit den acht Kindern.

Sürstedt/Bartenstein – Als ein Güterzug Lina Ewert und fünf ihrer Kinder 1947 von Bartenstein in Richtung Westen befördert, fürchtet die Mutter, die alte ostpreußische Heimatstadt niemals wiederzusehen. Gerade aus einem Getto unter polnischer Administration entlassen, wartet auf die Familie in Bitterfeld erneute „Internierung“. Die Worte „Ich bin ihr Lagerführer“ eines selbstherrlichen Zeitgenossen in „grünem Lodenmantel“ und blitzblanken Stiefeln sowie mit „grünem Hut mit Federbusch“ bleiben Lina Ewerts damals 13-jährigen Sohn Siegfried auf ewig im Gedächtnis.

„Er sagte wirklich Lagerführer, und niemand hat ihn erschossen“, schreibt er später in seinen Kindheitserinnerungen an Flucht und Vertreibung. Der Kommandant mit dem Auftreten eines Nazis kündigt den Vertriebenen entbehrungsreiche Quarantänewochen an. „Gelogen hat er nicht. Den Hunger in diesem Lager habe ich besonders schlimm in Erinnerung. Hier gab es auch keine Hilfe von draußen – wie manchmal in Polen. Hier herrschte wieder die deutsche Ordnung. Gerecht aufgeteilte Essensportionen, bei denen ich vor Hunger geheult habe. Das Lager zu verlassen, war unmöglich. Eines Tages gab es eine freudige Nachricht für uns Ewerts: Das Deutsche Rote Kreuz teilte uns mit, dass es einen meiner drei Brüder, die alle bei der Kriegsmarine gedient hatten, ausfindig gemacht habe. Ihn hatte es nach Leer in Ostfriesland verschlagen“, heißt es in Siegfried Ewerts Manuskript.

Im „alten Klapperbus“ nach Groß Köhren

Nach sechs Wochen im Lager bekommt seine Familie ein Privatquartier in Bitterfeld zugewiesen. Die schulpflichtigen Kinder werden eingeschult.

Für Siegfried Ewert und Geschwister geht die Unterrichtszeit schon nach etwa zwei Wochen wieder zu Ende. Die Mutter hat es sich in den Kopf gesetzt, mit den Kindern in die „Westzone“ zu kommen.

Siegfried missfällt der Gedanke, schon wieder auf der Flucht zu sein. In einem überfüllten Personenzug gelangen die Ewerts zunächst bis Nordhausen nahe der Zonengrenze.

„Zum Glück waren wir noch keine Bürger der DDR. Auch Pässe besaßen wir noch nicht. Mit den Fahrkarten und einer Bescheinigung aus dem Quarantänelager hat uns unsere Mutter durch die Kontrollen gebracht. In Nordhausen bezahlten wir einen Bauern mit unserem zur Neige gehenden Geld. Er fuhr uns dafür bis kurz vor die Grenzanlagen. In den Abendstunden wagten wir zu Fuß den Grenzübertritt in die Westzone. Wir wurden (...) nach Helmstedt verbracht und kamen dort zunächst wieder in Quarantäne. Der Gestank des Läusepulvers war überall gleich schrecklich. Meine Geschwüre, die chronische und sehr schmerzhafte Bindehautentzündung sowie meine Magenbeschwerden seien die Folgen der starken Unterernährung, sagte mir nach einer gründlichen Untersuchung der Lagerarzt. Wir bekamen sofort Sonderrationen. Zusätzlich zu der normalen Lagerkost, die schon sehr gut war, gab es zweimal täglich eine Portion Lebertran. Bei der ersten Untersuchung wog ich mit meinen bald 14 Jahren 39 Kilo. ,Wir bekommen euch schon wieder hin’, sagte eine Schwester und schob mir ohne Gnade den verhassten Lebertran in den Mund“, steht in den detailreichen Kindheitserinnerungen von Siegfried Ewert geschrieben.

Von seinem großen Bruder Fritz kommt überraschend ein Lebenszeichen. In einem Brief teilt er mit, dass auch seine Brüder Willi und Gerhard den Krieg überlebt hätten. Allerdings befänden sie sich in Gefangenschaft – der eine in Amerika, der andere in Schottland. Lina Ewert sind fünf von acht Kindern geblieben (an einer Stelle im Manuskript wird der irrtümliche Eindruck erweckt, es habe sich um neun gehandelt), die sie seit der Flucht aus Bartenstein begleiten.

Endlich in Westdeutschland angekommen, erreicht die Familie von Friedland aus die Grafschaft Hoya. Eigentlich soll es am Zielbahnhof Syke einen „kurzen Lageraufenthalt“ geben. Die Ewerts fahren aber stattdessen nach Leer und überraschen Siegfrieds Bruder Fritz mit einem Besuch. Der arbeitet dort als Aushilfe in einer Bäckerei.

Wegen fehlender Zuzugsgenehmigung müssen die Besucher schon tags darauf wieder abreisen – gen Syke. Noch einmal landen sie in einem Massenquartier: Im Tanzsaal einer Gastwirtschaft in Okel vegetieren sie nahezu zwei Monate vor sich hin. Nur einer von Siegfrieds Brüdern nicht. Der findet Arbeit bei einem Bauern im Dorf und hat plötzlich „eine Kammer ganz für sich allein“.

Die „Mitbewohner“ des Tanzsaals hätten jeden Tag ihr „Überleben“ mit „Schnaps, Gesang, Zank und ungeniertem Beischlaf quer durcheinander“ gefeiert, schreibt Siegfried Ewert, wobei fehlende Männer „durch Bewohner aus dem Dorf ersetzt“ worden seien. Versuche von Lina Ewert, „dieses Treiben“ von ihren Kindern fernzuhalten, schlagen fehl. Siegfried und die Geschwister bekommen alles mit.

Als die Zuweisung der Ewerts nach Groß Köhren kommt, geht"s in einem „alten Klapperbus“ dorthin. Dazu mehr im neunten Teil unserer Serie.  boh

Noch in jungen Jahren: die herangereiften Brüder Manfred, Siegfried, Fritz und Benno Ewert.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

«Felsbrocken vom Herzen»: Skisprung-Mixed erobert Gold

«Felsbrocken vom Herzen»: Skisprung-Mixed erobert Gold

UN: Mindestens 18 Tote bei Protesten in Myanmar

UN: Mindestens 18 Tote bei Protesten in Myanmar

Nordische Ski-WM 2021 in Oberstdorf: Die Bilder zum Saisonhighlight

Nordische Ski-WM 2021 in Oberstdorf: Die Bilder zum Saisonhighlight

S04-Debakel nach Wirbel um Gross - RB bleibt an Bayern dran

S04-Debakel nach Wirbel um Gross - RB bleibt an Bayern dran

Meistgelesene Artikel

Asphalt-Rowdys in Oldenburg: Illegales Autorennen endet mit Unfall

Asphalt-Rowdys in Oldenburg: Illegales Autorennen endet mit Unfall

Asphalt-Rowdys in Oldenburg: Illegales Autorennen endet mit Unfall
Polizei löst Treffen junger Männer im Krandel auf

Polizei löst Treffen junger Männer im Krandel auf

Polizei löst Treffen junger Männer im Krandel auf
Corona legt Ausbilderausbildung auf Eis

Corona legt Ausbilderausbildung auf Eis

Corona legt Ausbilderausbildung auf Eis
Impfangebot für Ärzte und Pädagogen

Impfangebot für Ärzte und Pädagogen

Impfangebot für Ärzte und Pädagogen

Kommentare