Japans Kommunen plagen Probleme

Entfremdung statt Heimatliebe: Forscher wollen von Colnrade lernen

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Mit der lokalen Presse sprachen am Sonntagnachmittag Yol Sasaki, Masami Hagai, Hideyo Fujikura, Ken Nishi, Dolmetscher Ryoichi Ikeda, Bürgermeisterin Anne Wilkens-Lindemann und ihr Stellvertreter Uwe Beckmann (v.l.).

Colnrade - Von Jürgen Bohlken. Dass sich die Jugendfeuerwehr am Spannen von Flatterband entlang der Straßen beteiligte, um Wildparkern beim Hökermarkt vorbeugend zu begegnen, hat den vier für ein verlängertes Wochenende in Colnrade weilenden Hochschuldozenten imponiert.

Kinder, die sich in dieser Weise für das Gemeinwohl engagieren, kennen sie aus ihrer japanischen Heimat offensichtlich nicht. Dort erleben Masami Hagai (Tokyo Keizai University), Ken Nishi (Tokyo Medical University), Hideyo Fujikura und Yol Sasaki (beide Waseda University) Entfremdung und Entwurzelung des Individuums vom Gemeinwesen. Dies hat nach ihrer Überzeugung viel damit zu tun, dass die Kommunen sehr hierarchisch – von oben – regiert und die Bürger bei Entscheidungsprozessen nicht mitgenommen werden. 

Eine Kompetenz- und Arbeitsteilung wie hierzulande zwischen Landkreis, Samt- und Mitgliedsgemeinde gibt es nicht. Auch die Größe der japanischen Gemeinden mit durchschnittlich etwa 60 000 Einwohnern erweist sich als Problem. Die Identifikation mit dem Wohnort geht ebenso verloren wie das Heimatgefühl. Bemerkbar macht sich das etwa in Form von Landflucht. 

Nach Überzeugung der Wissenschaftler, die von der Philosophie über Verwaltungslehre und -wissenschaft bis hin zur Raum- und Regionalplanung ein breites Spektrum abdecken, muss Japan zu kleineren Gebietskörperschaften kommen. Doch der Trend ging zumindest in der Vergangenheit in die genau entgegengesetzte Richtung.

Das gilt auch für die ungefähr 300 Kilometer von Tokio entfernten Orte Kaida-kogen (2 000 Einwohner) und Tsumago (knapp 1000), die das Forscherteam mit Colnrade und Lyons-la-Forêt/Frankreich vergleicht. Sie haben ihre Eigenständigkeit im Zuge von Eingemeindungen verloren.

Die Verwaltungsstruktur hierzulande empfinden die Wissenschaftler hingegen als zielgerichtet, flexibel, effizient und zudem identitätsstiftend. Vor allem kleine Gemeinden hätten Potenzial. Prof. Masami Hagai spricht von einem „Schatz“, der gehoben werden könne, aber wie das gehe, wüssten viele in Japan nicht. „Das möchten wir von Deutschland und Frankreich lernen“, sagt der Professor und Dekan. „Wir wollen das Problem der Landflucht und Entfremdung von seiner Wurzel her verstehen und aufzeigen, in welche Richtung die Entwicklung der Gemeinden gehen könnte“, übersetzt der in Düsseldorf lebende Dolmetscher Ryoichi Ikeda seine Worte. 

Spätestens im Herbst 2020 solle ein rund 500-seitiges Buch mit den bisherigen Forschungsergebnissen erscheinen. Auch ein weiteres Symposium werde es geben. Dazu ergehe eine Einladung an Prof. Dr. Karl Martin Born von der Universität Vechta. Mit ihm wollen sich die Forscher an diesem Montag unterhalten. Ein Interview mit der früheren Colnrader Bürgermeisterin Hiltraud Lindemann steht ebenfalls auf dem Besuchsprogramm, ehe es am Dienstag über Paris weiter nach Lyons-la-Forêt geht.

Die Wissenschaftler saugen in Colnrade so ziemlich alles auf, was erhellende Einblicke in die Gemeinde verspricht. Sie führen Gespräche mit Dorfbewohnern. In der Vergangenheit haben sie Betriebe besucht, Beratungen des Rates verfolgt und sich in Haushaltspläne oder auch Bauleitplanungen vertieft.

Diesmal gilt ein besonderes Interesse der Verbunddorferneuerung der Wildeshauser Bauerschaften. Die Gäste haben sich öffentliche und private Projekte in Pestrup, Bühren, Düngstrup und Holzhausen angeschaut. Spannend finden sie den Vergleich mit der Jahrzehnte zurückliegenden Dorferneuerung in Colnrade.

Bürgermeisterin Anne Wilkens-Lindemann, die für Sonntag mit ihrem Stellvertreter Uwe Beckmann zu einem Pressegespräch mit den Forschern bat, ist übrigens selbst schon in Japan zu Gast gewesen. 2017 hielt sie auf Einladung während eines Symposiums an der Tokyo Keizai University einen Vortrag. Ursprünglich angeschoben hatte das Forschungsprojekt der Soziologe Kimiaki Yamazaki, der inzwischen verstorben ist. Seither gab es mehrere Besuche der japanischen Forscher in Colnrade. Regionalplanerin Yol Sasaki ist erstmals dabei.

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