Schwedisches Sextett in Harpstedt

„The Bland“ rockt sich in Ekstase

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Platz ist bekanntlich in der engsten Hütte. Im Burger-Imbiss muss die sechsköpfige Band aber schon zusammenrücken.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Bassist Johan Sund reißt sich das Shirt vom Oberkörper, begleitet vom Johlen der Zuhörer im rappelvollen „Liberty’s“ in Harpstedt. Sänger Axel Öberg kniet am Boden, wiegt den Kopf hin und her, „bedient“ mehrere Percussioninstrumente gleichzeitig. Der Schweiß fließt in Strömen. Bei „Oh my“ kommt das Sextett „The Bland“ so richtig in Jamsession-Laune.

Nacheinander grooven und rocken sich Leadgitarrist Linus Hasselberg, Bassist Sund und Drummer Simon Schaffhauser mit Soli in Rage, ehe Keyboarder Linus Kallin das „Ruder“ übernimmt und an den Tasten einen funkigen Soundteppich webt. Dieses musikalische Feuerwerk im Burger-Imbiss von Metin Kalabalik währt gut 15 Minuten. Es krönt ein Konzert, wie es die „vielleicht kleinste Bühne der Welt“ noch nicht erlebt hat. Das furiose Finale kann die Combo selbst mit der durchaus dynamischen Zugabe „Changes“ nicht mehr toppen.

Während die Combo „The Bland“ das „Liberty’s“ rockt, gehen die Zuhörer ordentlich mit. - Foto: boh

„Ich finde es nicht schlecht, dass wir hier zwei Sets spielen“, verrät Rhythmusgitarrist Anton Torstensson am Rande – während der Pause. „Auf diese Weise lässt sich viel besser eine gute Dramaturgie aufbauen.“ Genau das gelingt „The Bland“ par excellence. Noch völlig relaxt klingt das Eröffnungsstück „Jesus 2.0“: Mittleres Tempo, schöner Groove, ein wenig Hall auf der E-Gitarre – der Song könnte gewiss gut manchen lauen Sommerabend auf dem Balkon musikalisch versüßen. „Train“, der nächste Track, lässt sich tatsächlich mit einem über die Gleise juckelnden Zug assoziieren. Um bei diesem Bild zu bleiben: „The Bland“ steigert das Tempo im Konzert langsam, aber stetig, gönnt der „Dampflok“ zwischendurch kleine „Verschnaufpausen“ und schippt kurz vor der Zielgeraden so viele „Kohlen“ nach, wie der „Kessel“ gerade noch aushalten kann...

„Ain’t the one you love“ bewegt sich zunächst auf der Country-Schiene, doch dann kommt wie aus dem Nichts eine „Weiche“, und die steht auf „funky“: Mit einem minutenlangen Solo lässt der Leadgitarrist, begleitet von Applaus, erstmals seine ganze Klasse durchblitzen.

Ballade mit Hitqualitäten

Das verträumte „Head oh“ offenbart in puncto Eingängigkeit Hitqualitäten. Jedes Kind könnte sich die Melodie binnen weniger Minuten einprägen und sie dann problemlos nachsummen. Die erste Up-Tempo-Nummer des Abends überrascht sodann mit Sounds aus dem Keyboard, die klangfarblich einer Querflöte ähneln. In „Annabel Lee“ verhilft indes ein Slide-Röhrchen Linus Hasselberg dazu, seiner Klampfe Steel-Guitar-Feeling einzuhauchen; das Stück gleitet aber nicht in so gefällige Niederungen ab, dass es die Zuhörer einzulullen drohte; den überraschenden Schlusspunkt setzt Bassmann Johan Sund mit einem wahrhaft atemberaubenden Solo. Ein Blues im Dreivierteltakt beendet das erste Set. Bis hierher klingt „The Bland“ stark nach „The Band“, also nach jenen Künstlern, die in den 1960er- und 1970er-Jahren die größten Ikonen unter den Songschreibern schlechthin – von Bob Dylan bis Van Morrison – begleiteten. Und tatsächlich empfinden es die sympathischen Schweden als großes Kompliment, mit Robbie Robertson, Levon Helm, Richard Manuel und Co. verglichen zu werden. Deren Musikalität hatte Regisseur Martin Scorsese dazu bewogen, das Abschiedskonzert der kanadisch-amerikanischen Formation am 25. November 1976 unter dem Titel „The Last Waltz“ auf Zelluloid zu bannen. Noch heute gilt der Streifen als Meilenstein des Konzertfilmgenres.

Sie verneigen sich vor „The Band“

„The Bland“ kopiert „The Band“ aber keineswegs stumpf. Die sympathischen Schweden verneigen sich zwar vor dem Schaffen ihrer Vorbilder, covern aber nichts. Sie saugen vielmehr Honig aus Stilelementen und Sounds unterschiedlicher Musikjahrzehnte und -richtungen, um daraus einen eigenen Cocktail zu brauen. Ihr Titel „The Winners“ etwa lässt Anleihen an den Indie-Pop ebenso erkennen wie eine Prise Rockabilly.

„Wir sind nicht reich“, gestehen die Skandinavier. Aber sicher gut genug, um auf dem einen oder anderen Festival mitzumischen, möchte man hinzufügen. Charme und Spielfreude paaren sich bei „The Bland“ mit einem bemerkenswert gekonnten Songwriting und herausragender Instrumentenbeherrschung. In Harpstedt lässt das Sextett ein begeistertes Publikum zurück. „Ein schöner Abschluss der Zusatzkonzerte anlässlich des vierjährigen Bestehens der Reihe ,Kultur am Donnerstag’“, urteilt Moritz Rüdig, der den Auftritt möglich gemacht hat.

Euphorische Reaktionen auf Facebook lassen nicht lange auf sich warten: Die Antwort auf die Frage, wie „Ekstase“ buchstabiert werde, gibt sich ein Kommentator selbst: „T-h-e   B-l-a-n-d“.

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